Baukräne hinter einer Neubausiedlung in Frankfurt/Main | dpa
Hintergrund

Baugewerbe in der Krise "Dramatischer Einbruch" beim Neubau

Stand: 06.12.2022 12:18 Uhr

Baukosten sind drastisch gestiegen, Investoren halten sich zurück: Überall im Land liegen Projekte auf Eis. Wer baut überhaupt noch? Und könnte in der Krise auch eine Chance liegen?

Von Susanna Zdrzalek, WDR

Im März sollte er losgehen, der Neubau von zwei Fußballplätzen inklusive Mehrzweckgebäude im Bielefelder Stadtteil Sennestadt. 120 neue Mitglieder hatten die Sportfreunde Sennestadt bereits dazugewonnen, allein wegen der Aussicht auf verbesserte Trainingsbedingungen.

Susanna Zdrzalek

"Wir hatten für die Zeit des Umbaus bereits eine Ausweichtrainingsstätte gefunden, waren mit Sack und Pack ausgezogen, hatten Baucontainer organisiert und bezahlt, um das Inventar zu lagern", sagt Olaf Genuth, der die Fußballabteilung des Vereins leitet. Doch der Baubeginn verzögerte sich, und schließlich kam die für den Verein enttäuschende Nachricht: Die Stadt Bielefeld musste das Projekt auf Eis legen, auf unbestimmte Zeit, unter anderem weil die Baukosten drastisch gestiegen waren.

Nicht nur in Bielefeld, überall im Land stoppen Kommunen geplante Bauprojekte, weil die tatsächlichen Kosten die ursprünglich geplanten weit übersteigen. Das wirkt sich nicht nur auf Bürgerinnen und Bürger aus, die nun länger auf Sportplätze, Fußgängerbrücken und Kindergärten warten müssen, sondern auch auf die Bauunternehmen, denen Aufträge wegbrechen.

Laut dem Bauindustrieverband Nordrhein-Westfalen hat die Branche von Januar bis September 2022 über alle Sparten hinweg einen deutlichen Auftragseinbruch verzeichnet, im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. "Rechnet man die stark gestiegenen Preise mit ein, sprechen wir von einem Rückgang von 16,6 Prozent", sagt Sprecher Niklas Möring.

Noch wird in Deutschland gebaut - Bürogebäude und Wohnungen, Straßen und Brücken -, fasst der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes die aktuelle Situation zusammen. Allerdings handele es sich um Bauvorhaben, die auf alte Auftragsbestände zurückgehen. Schaue man sich die Erwartungen an das Geschäft in den kommenden sechs Monaten an, rissen diese regelrecht ab. Das betreffe vor allem den Wohnungsbau.

Höhere Zinsen sind auch ein Faktor

Der Zentralverband Deutsches Baugewerbe verzeichnet zwischen April und September einen starken Rückgang bei der Orderentwicklung, durch den sich ein "dramatischer Einbruch der Neubauaktivitäten" abzeichne. Allein im September seien 10.400 Wohnungen weniger genehmigt worden als im Vorjahr. Investoren würden nicht nur durch gestiegene Baupreise und Lebenshaltungskosten ausgebremst, sondern auch durch die gestiegenen Hypothekenzinsen.

Das betrifft auch die Aachener Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft. Sie baut Eigentumswohnungen und Einfamilienhäuser sowie Mietwohnungen. 280 Wohnungen, unter anderem in einem Mehrfamilienhaus-Neubau in Münster, sollen 2023 noch fertiggestellt werden. Doch ob danach im gleichen Tempo weitergebaut werden kann? "Wir stellen derzeit eine drastisch veränderte Situation fest, die insgesamt zu einem zeitlichen Verzug beim Bau und natürlich zu steigenden Kosten führt", sagt Sprecherin Kira Limbrock. 

Neue Baumaßnahmen für den Verkauf habe das Unternehmen aktuell gestoppt. "Unser Investitionsprogramm für den Bestandsneubau und die energetische Modernisierung halten wir noch aufrecht, die Umsetzungsgeschwindigkeit nimmt aufgrund der schwierigen Rahmenbedingungen aber ab", so Limbrock.

Lässt die geringere Nachfrage Preise sinken?

Private Immobilieninvestoren, die lieber abwarten, Familien, die sich den Traum von der eigenen Immobilie schlicht nicht mehr erfüllen können, das ist auch in der 150.000-Einwohner-Stadt Neuss Realität.

Dass demnächst niemand mehr baut, glaubt Planungsdezernent Christoph Hölters trotzdem nicht. Er geht davon aus, dass es zum Beispiel für den sozialen Wohnungsbau sogar leichter werden könnte, weil durch die insgesamt geringere Nachfrage die Preise fürs Bauen wieder sinken.

"Wir als Stadt entwickeln Flächen weit im Voraus, haben ein Vorkaufsrecht bei Grundstücken, das allein wirkt sich schon preisdämpfend aus", sagt Hölters. Er gehe außerdem davon aus, dass sich die Förderung von Land und Bund für bezahlbaren Wohnraum an die veränderten Rahmenbedingungen, also die gestiegenen Preise, anpasse. "Ich sehe die derzeitige Entwicklung auch als Chance, dass sich der überhitzte Bausektor wieder etwas beruhigt." 

Eine praktikable Lösung, wie man der Mittelschicht helfen könne, sich wieder Eigentum zu leisten, habe er unter der derzeitigen Bedingungen allerdings auch nicht.

Lösung in Bielefeld

Bei den Sportfreunden Sennestadt in Bielefeld haben sie die Enttäuschung über den gestoppten Sportplatzneubau inzwischen verdaut - und wieder Hoffnung geschöpft. Die Stadt hat den Umbau der Sportplätze nun in ihren Wirtschaftsplan 2023 aufgenommen, auch damit Fördermittel nicht verfallen. Wenn diesmal alles klappt, könnten die Vereinsmitglieder schon Ende kommenden Jahres auf ihren neuen Plätzen trainieren.