Bauarbeiter beobachtet auf einer Baustelle den Transport einer Palette durch einen Kran | dpa

Lieferengpässe nehmen zu Baufirmen geht das Material aus

Stand: 17.05.2021 06:23 Uhr

Es fehlt an Stahl und Holz, an Dämm- und Kunststoffen. Der wachsende Mangel an Baumaterialien treibt in Deutschland die Preise in die Höhe und bereitet Firmen genauso wie Bauherren große Probleme.

Von Heiko Neumann,  HR

Den Elektrikern fehlen die Kabelummantelungen, den Malern die Farbe und den Zimmerleuten das Holz. "Fünf Monate beträgt die Wartezeit auf bestellte Dämmmaterialien", sagt Zimmermann Daniel Linhart. "Die Lage ist extrem und fordert Flexibilität. Permanent müssen wir zudem die Statik von Dachstuhl-Konstruktionen neu berechnen, da Holz in benötigten Stärken gar nicht mehr geliefert wird."

Viele Gewerke greifen bei der Errichtung eines Bauwerks ineinander. Wenn ein Gewerk stillsteht, können die anderen nicht weiterarbeiten. Als Konsequenz ruht die Baustelle.

Baustoffmangel verschärft sich

Der Mangel an Baumaterialien deutete sich Ende des vorigen Jahres bereits an. Seit Anfang 2021 hat sich die Lage deutlich verschärft. "Wegen der Corona-Pandemie kam es im ersten Halbjahr 2020 zu einem Nachfrageeinbruch", sagt Andreas Ibel, Präsident des Bundesverbandes Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen. "Produktionskapazitäten wurden weltweit heruntergefahren."

Als die Konjunktur in China und in den USA wieder ansprang, sei die Nachfrage im dritten Quartal schneller gewachsen, als die Kapazitäten wieder hochgefahren werden konnten. Zudem habe der "Klopapiereffekt" jetzt die Baubranche erreicht: Viele Unternehmen horten Bestände.

Mangel mit Folgen

Um das neue Einfamilienhaus an die öffentliche Kanalisation anzuschließen, werden große Stückzahlen an Plastikrohren benötigt. Fehlen diese, kann der Bauherr nicht einziehen. "60 Prozent der Kunststoffprodukte gehen in die Bauwirtschaft", sagt Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer vom Zentralverband Deutsches Baugewerbe.

Die Hälfte aller im Bau verwendeten Kunststoffe stammt seinen Angaben zufolge aus Produktionsstätten in Asien. "Deren Kapazitäten wurden erst im vergangenen Herbst wieder hochgefahren und befinden sich noch nicht auf Volllast." Zudem fielen große Industrieanlagen in den USA während des strengen Winters aus.

Baustoffe verteuern sich enorm

Der Holzpreis schoss binnen eines Jahres um mehr als 400 Prozent in die Höhe. Betonstahl verteuert sich im Vergleich zum Vorjahr um fast 30 Prozent. Die Preise für Dämmstoffe wie Styropor stiegen allein im April um rund 50 Prozent.

Auch internationale Lieferketten funktionieren aktuell nicht wie gewohnt. Die branchenübliche "Just-In-Time"-Beschaffung - also der termingenaue Einkauf - geht derzeit nicht mehr auf. Mitarbeiter in Büros deutscher Bauunternehmen verbringen viel Zeit am Telefon, um Material zu bekommen. "Hier finden dann auch Hamsterkäufe statt, was die Knappheit insgesamt verstärkt", sagt Pakleppa.

Entwicklung für Bauunternehmen dramatisch

Betriebe mit vollen Auftragsbüchern müssen Kurzarbeit anmelden, da Baumaterialien nicht zu beschaffen sind und sie ihre Aufträge nicht erfüllen können. Sowohl bei der Preiskalkulation als auch bei der Einhaltung der Termine wachsen die Schwierigkeiten.

In laufenden Verträgen sind die Materialkosten meist schon längerfristig eingepreist. Da die Preise so kurzfristig gestiegen sind, klafft ein großes Loch zwischen der ursprünglichen Kalkulation im Angebot und den nun extrem höheren Kosten beim Materialeinkauf. Wenn Betriebe Verträge ohne eine Anpassung an die neuen Kosten erfüllen müssen, machen sie faktisch Verluste. "Jetzt sind Unternehmen auf den guten Willen der Bauherren angewiesen, wenn sie Mehrkosten geltend machen wollen", beschreibt Pakleppa die Lage.

Höhere Baukosten gefährden auch das Ziel, mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. "Ob die Engpässe ein kurzfristiges Problem sind, oder längerfristig anhalten, bleibt abzuwarten", sagt Verbandspräsident Ibel. "Wenn wir die Lage schnell wieder in den Griff bekommen, sind die aktuellen Probleme kein zusätzlicher Kostentreiber für Mieten. Je länger die Situation andauert, desto größer die Gefahr, dass sich dadurch Projekte verteuern und die Mietpreise steigen werden."

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell Radio am 10. Mai 2021 um 06:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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Kaneel 17.05.2021 • 19:49 Uhr

14:30 von Toni B.

Man kann natürlich wahllos die begrenzten zur Verfügung stehende Flächen in Metropolregionen als Bauland für Einfamilienhäuser ausweisen, oder man nimmt zur Kenntnis dass Flächen (dort) endlich sind und bebaut diese entsprechend. Anton Hofreiter: „Angesichts der dramatischen Wohnungsnot und der Tatsache, dass Boden endlich ist, hat Hamburg-Nord entschieden, Wohnraum für viele statt für wenige zu schaffen“, sagte Hofreiter dem „Spiegel“. Zugleich betonte er, die Grünen wollten „nicht die eigenen vier Wände verbieten“. Die könnten übrigens sehr verschieden aussehen: Einfamilienhaus, Reihenhaus, Mehrfamilienhaus, Mietshaus. „Wo was steht, entscheidet allerdings nicht der Einzelne, sondern die Kommune vor Ort“, sagte der Grünen-Bundestagsabgeordnete weiter. "https://www.deutschlandfunk.de/debatte-ueber-einfamilienhaeuser-die-gruenen-und-der.2897.de.html?dram:article_id=492715"