Eine Anzeigetafel am Stralsunder Hauptbahnhof zeigt während des bundesweiten 48-stündigen Lokführer-Streiks Zugausfälle an.  | dpa

Lokführer streiken weiter Erneut Zugausfälle und Verspätungen

Stand: 12.08.2021 12:50 Uhr

Auch am zweiten Tag sorgt der Streik der Lokführergewerkschaft GDL für starke Einschränkungen im Schienenverkehr. Die Bahn setzt auf Ersatzfahrpläne, um die Folgen des Ausstandes abzumildern. Derweil wächst die Kritik am Vorgehen der GDL.

Wegen des Streiks der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) kommt es bundesweit weiter zu Zugausfällen und Verspätungen. Wie am Mittwoch gelten Ersatzfahrpläne. Wie die Deutsche Bahn mitteilte, konnten heute aber mehr Fernzüge eingesetzt werden. Insgesamt seien 220 ICE und Intercity im Einsatz - 20 mehr als am Vortag, teilte das Unternehmen mit. Man habe weitere Reserven mobilisieren können. An normalen Tagen fahren im Fernverkehr etwa 800 Züge.

Bahnreisen möglichst verschieben

Mit der Aufstockung erhöht sich die Zahl der Sitzplätze um 15.000 auf rund 165.000. Die Bahn hatte vor Beginn des Streiks alle Sitzplätze zur Reservierung freigegeben. Zuvor galt, dass neben Alleinreisenden ein Platz möglichst freigehalten werden sollte; diese Regelung war während der Corona-Welle im Winter eingeführt worden.

Wie am Mittwoch wird auch heute eine sehr hohe Auslastung erwartet. Wer nicht zwingend reisen müsse, solle seine Fahrt verschieben, bat die Bahn.

Nach wie vor ist der Osten stärker von dem Streik betroffen als der Westen: Insbesondere in den westdeutschen Regionetzen könnten auch heute etwas mehr Züge fahren, weil hier noch mehr beamtete Lokführer ohne Streikrecht ihren Dienst tun. Zudem ist die GDL im Osten besser organisiert.

Kritik von der SPD

SPD-Chef Norbert Walter-Borjans kritisierte das Vorgehen der GDL. Wirksame Interessenvertretung setze voraus, "Kräfte zu bündeln und Verständnis bei den Reisenden zu gewinnen", sagte Walter-Borjans dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. "Beides gelingt nicht, wenn die Beschäftigtengruppen der Bahn auseinanderdividiert und die Kunden durch praktisch unangekündigte Streikaktionen düpiert werden."  Die Gewerkschaften EVG und GDL müssten an einem Strang ziehen, sagte der SPD-Chef. "Wir brauchen eine leistungsfähige Bahn mit attraktiven Arbeitsbedingungen."

"Dann wird es sehr schnell sehr teuer"

Bereits gestern hatte die Bahn auch auf die Störung von Lieferketten hingewiesen. Nach Einschätzung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) könnten bei einem längerfristigen Bahnstreik volkswirtschaftliche Kosten von bis zu 100 Millionen Euro täglich entstehen. "Kurzfristige Ausfälle sind im Schienengüterverkehr nichts Ungewöhnliches, das kennen die Logistiker und können entsprechend reagieren", sagte IW-Verkehrsökonom Thomas Puls dem RND. "Ab dem vierten oder fünften Streiktag allerdings drohen Lieferketten zu reißen - und dann wird es sehr schnell sehr teuer."  GDL-Chef Claus Weselsky hatte gestern bereits mit weiteren Arbeitsniederlegungen gedroht.

Streit um Lohn und Rente

Bahnsprecher Achim Stauß bezeichnete den von der Lokführergewerkschaft GDL ausgerufenen Streik erneut als "völlig überzogen" und rief die Arbeitnehmerseite auf, von den Arbeitskämpfen abzulassen und wieder zu verhandeln. Am Verhandlungstisch seien beide Seiten bereits "relativ nah beieinander", sagte er im gemeinsamen Morgenmagazin von ARD und ZDF. "Was es zu besprechen gibt, muss man dort klären und nicht auf dem Rücken der Fahrgäste."

Nach gescheiterten Tarifverhandlungen hatten sich die GDL-Mitglieder in einer Urabstimmung für den Streik ausgesprochen. Die Bahn hatte der GDL zuletzt Lohnerhöhungen in zwei Schritten angeboten: 1,5 Prozent zum 1. Januar 2022 und 1,7 Prozent zum 1. März 2023, bei einer Laufzeit bis Ende Juni 2024. Der GDL reicht dies nicht aus. Sie fordert unter anderem frühere Lohnerhöhungen und einen Corona-Bonus von 600 Euro.

Auch um Betriebsrenten wird gerungen. Wegen Milliardenverlusten in der Pandemie will die Bahn die Erhöhung auf spätere Stufenzeitpunkte verteilen, bei einer Vertragslaufzeit von 40 Monaten. Hinzu kämen Leistungen zur Altersvorsorge und der Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 12. August 2021 um 09:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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schabernack 12.08.2021 • 15:12 Uhr

14:46 von frosthorn

«Ich kann hier nichts von Heldenstatus feststellen, H. Weselsky wird im Gegenteil als Egomane beschimpft, der aus reinem persönlichen Machtgelüst seine Gewrkschaftsmitglieder instrumentalisiert und in eine nicht zu gewinnnde Schlacht treibt.» Herr Weselsky als Persönlichkeit ist mir sehr unsympathisch. Das ist aber egal, und darum geht es auch nicht. Lokführer bei der DB haben eine prinzipiell gleiche Stellung wie Piloten bei der Lufthansa. Eine in Relation zur Gesamtbelegschaft kleine Gruppe mit der Auswirkung, dass nix mehr fliegt oder fährt, wenn die streiken. Auch bei der EVG gibt es Lokführer. So sehr sinnvoll ist das nicht, werden bei einem Unternehmen gleiche Arbeitsstellen durch zwei verschiedene Gewerkschaften vertreten. Das Recht zu streiken müssen selbstverständlich auch Lokführer der GDL haben. Die Mitglieder waren ja auch zu > 90% der abgegebenen Stimmen bei der Urabstimmug ür den Streik. Ist Unterschied bei Abschluss EVG zu Forderug GDL real so unterschiedlich …?