Eine Regionalbahn fährt in Stuttgart (Baden-Württemberg) über eine Eisenbahnbrücke | picture alliance / Marijan Murat

Trendwende im Nahverkehr Die Bahn entdeckt die Fläche

Stand: 22.06.2021 18:53 Uhr

Die Deutsche Bahn reaktiviert 20 stillgelegte Strecken und expandiert wieder in die Fläche. Das Ziel: Auch für Menschen auf dem Land soll Nahverkehr attraktiver werden.

Von Ulrich Crüwell, rbb

Bei aller - teils berechtigter - Kritik an der Deutschen Bahn AG: Kein anderes Verkehrsmittel steht unter einem vergleichbaren wirtschaftlichen Druck wie der Schienenverkehr. "Die Schiene ist die einzige Verkehrsinfrastruktur, die schrumpft. Sie ist die einzige Verkehrsinfrastruktur, die sich rechnen muss. Wenn wir diese Maßstäbe an Autobahnen anlegen, müssten einige Straßen in Mecklenburg-Vorpommern sofort abgerissen werden", sagt Dirk Flege, der Geschäftsführer der Allianz pro Schiene.  

Das Schienennetz wächst erstmals seit neunzig Jahren

Doch das Schrumpfen des Schienennetzes habe endlich ein Ende gefunden, sagt Flege und spricht von einer Zeitenwende. Die Bahn baue nicht mehr ab, sondern das Netz wachse - so, wie es sich die Bundesregierung schon länger wünscht. 

Union und SPD hatten sich in ihrem Koalitionsvertrag darauf verständigt, die Zahl der Fahrgäste bis zum Jahr 2030 zu verdoppeln. Doch trotz politischen Willens wurde das Schienennetz bis 2020 immer kleiner und das Straßennetz immer dichter. Viele kleinere Städte verloren ihre Bahnanschlüsse.

Doch jetzt nimmt die Deutsche Bahn 20 stillgelegte Strecken mit einer Gesamtlänge von 245 Kilometern wieder in Betrieb. "Dies ist ganz klar nur der Anfang", verkündete Jens Bergmann, der Planungschef der Konzernsparte DB Netz.  Für Menschen, die auf dem Land leben, könnte das eine gute Nachricht sein.

Historische Fehlentwicklungen

Für Martin Henke vom Verband Deutscher Verkehrsunternehmen ist es sogar eine historische, denn damit ende eine Fehlentwicklung, die vor neunzig Jahren mit dem Bau der ersten Autobahn begonnen habe. In den fünfziger und siebziger Jahren habe es regelrechte Stilllegungsprogramm von Bahnstrecken gegeben, so Henke. Die Deutschen bevorzugten ganz offenbar den Pkw und bauten eines der dichtesten Autobahnnetze der Welt.

Nach der Wende ging es dann ums Optimieren, die Bahn sollte nach dem Willen der Politik als Börsenunternehmen privatisiert werden. Der ländliche Nahverkehr geriet zum Verlustgeschäft. Die Deutsche Bahn spricht von einer Abwärtsspirale: "Ging die Nachfrage zurück, wurde wenig unternommen, um die Strecke für die Fahrgäste oder den Güterverkehr wieder attraktiver zu machen." Allein zwischen 1990 und 2020 wurden laut Allianz pro Schiene mehr als 15 Prozent der Schienen entkoppelt.

Doch die Stimmung im Land scheint sich verändert zu haben. Die Schiene erfahre eine breite politische und gesellschaftliche Unterstützung, sagt Verbandsvertreter Henke. Und diese Stimmung könnte auch den Konzern verändern.

"Jeder Kilometer Gleis ist aktiver Klimaschutz"

Die Bahn nimmt unter anderem stillgelegte Verbindungen in dünner besiedelten Regionen in Mecklenburg-Vorpommern oder auch in Schleswig-Holstein wieder in Betrieb. Ob sich damit das große Geld verdienen lässt, erscheint zumindest fraglich. Aber offenbar ist das auch nicht mehr ganz so wichtig - es zählt der politische und gesellschaftliche Wille.

Bahn-Vorstand Bergmann formuliert das Konzernziel so: "Wir wollen mehr Menschen für die Bahn gewinnen, mehr Güter auf die Schiene bringen. Jeder Kilometer Gleis ist aktiver Klimaschutz." 

Über dieses Thema berichtete BR24 am 22. Juni 2021 um 17:37 Uhr.