Claus Weselsky in Leipzig | dpa
Analyse

Nach dem GDL-Streik Einer Lösung keinen Schritt näher

Stand: 07.09.2021 15:22 Uhr

Die meisten Züge sind wieder unterwegs, die GDL wähnt sich im Aufwind, die Bahn steckt in der Klemme. Inhaltlich gibt es im Tarifstreit nach der dritten Streikwelle kaum Fortschritte.

Eine Analyse von Robert Holm, rbb

Als die mehreren Hundert GDL-Mitglieder Claus Weselsky gestern Nachmittag erkennen, bricht Jubel aus: großer Applaus für ihren Gewerkschaftschef. Dabei hat Weselsky die Streikbühne vor dem Berliner Hauptbahnhof noch gar nicht betreten. 

Robert Holm

Zu diesem Zeitpunkt liegen noch elf Stunden Streik vor der GDL - doch Weselsky wirkt schon jetzt äußerst zufrieden. Er steigt auf die Bühne, winkt dem Publikum, lässt sich feiern. Gut eine halbe Stunde wird er reden. Er spricht frei, braucht kein Manuskript, um auf die vergangenen Tage des Streiks zurückzublicken.

Weselsky obenauf

Dabei beflügelt ihn besonders der Sieg vor Gericht vergangene Woche - als die Deutsche Bahn mit ihrem Versuch scheiterte, den Streik per einstweiliger Verfügung stoppen zu lassen. "Das ist goldwert!", ruft er in die Menge. Was man hier tue, sei "rechtmäßig, zulässig und verhältnismäßig".

Seine Erleichterung ist verständlich: Immerhin hat seine Gewerkschaft mal wieder die Geduld vieler Menschen strapaziert. 110 Stunden Streik im Personenverkehr und 118 Stunden Streik im Güterverkehr: der zweitlängste Streik in der Geschichte der Deutschen Bahn AG.

"Viele Fahrgäste verlieren allmählich das Verständnis für den Streik", resümiert heute Detlef Neuss, Bundesvorsitzender des Fahrgastverbandes Pro Bahn. Auch die Wirtschaft spürt die Folgen. So teilt der Verband der chemischen Industrie mit, dass es noch einige Tage dauern werde, bis die Transporte wieder normal liefen. 

Die Bahn in Schwierigkeiten

Die kleine Gewerkschaft hat Stärke demonstriert und wartet auf weitere Zugeständnisse der Deutschen Bahn. Sie will Lohnerhöhungen noch 2021, sie will die Wiedereinführung der Zusatzrente. Und vor allem will sie das alles nicht nur für Lokführer und Zugbegleiter aushandeln. Die GDL will mehr Macht - immer wieder mit Hinweis auf das im Tarifeinheitsgesetz verankerte Grundprinzip - und bringt die Deutsche Bahn damit in Schwierigkeiten.

Denn der Vorstand der DB hatte eigentlich auf Ruhe im Konzern gehofft: Mit der Anwendung des Tarifeinheitsgesetzes (TEG) muss der Konzern nur noch mit der mitgliederstärksten Gewerkschaft einer Berufsgruppe Tarifverträge abschließen. Das ist innerhalb der rund 300 Betriebe bei der Bahn meist die Eisenbahn- und Verkehrsgesellschaft EVG.

Doch statt Ruhe hat die Bahn nun genervte Fahrgäste und eine euphorisierte GDL. Kurz nachdem sich Weselsky vor dem Berliner Hauptbahnhof von Hunderten Streikenden feiern ließ, stand Bahnsprecher Achim Stauß gestern vor dem Bahnhof Friedrichstraße alleine vor ein paar Medienvertretern: Er bedauerte kurz die vielen Zugausfälle, nannte die Streiks der GDL "unverantwortlich" und kündigte nach Streikende wieder "das komplette Programm" für die Fahrgäste an. 

Keine Lösung in Sicht

Jedoch: Kein Wort von einem neuen Angebot an die GDL. Kein Hinweis darauf, wie es weitergehen soll. Keine zweieinhalb Minuten dauerte das Statement - Nachfragen nicht erlaubt. 

Nach dem Ende des Streiks heute morgen setzt die Bahn weiter auf Verhandlungen: Die GDL solle ihre Blockade aufgeben. Doch die hat keine Not, sich rasch zu bewegen. Kaum vorstellbar, dass GDL und Bahn aus diesem Streit alleine herausfinden.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 07. September 2021 um 16:00 Uhr.