Das Logo der Deutschen Bahn ist auf einem ICE im Hauptbahnhof in Frankfurt am Main zu sehen. | dpa

Milliardenverlust des Konzerns Deutsche Bahn ringt um Strategie

Stand: 09.12.2020 06:35 Uhr

Die Corona-Krise kostet die Deutsche Bahn Milliarden. Eine Verschärfung der Maßnahmen dürfte das Finanzloch in den kommenden Wochen noch vergrößern. Was bedeutet das für die Ziele des Konzerns?

Von Andreas Braun, boerse.ARD.de

Die Zuspitzung der Corona-Krise kurz vor Weihnachten trifft die Bahn hart. Die Pandemie sorgt für immer höhere Verluste bei dem staatseigenen Konzern. Vor knapp zwei Wochen hatte die Bahn laut der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" einen Verlust von 5,6 Milliarden Euro für das Gesamtjahr in Aussicht gestellt. Im ersten Halbjahr war ein Verlust von rund 3,7 Milliarden Euro entstanden. Die Auslastung vor allem bei Fern-, aber auch Regionalzügen liegt weiter deutlich unter den Vorjahreswerten.

Weihnachtsgeschäft deutlich schwächer

Auch das Weihnachtsgeschäft 2020 dürfte angesichts der aktuellen Diskussion um eine weitere Verschärfung der Maßnahmen von Bund und Ländern zur Eindämmung des Infektionsgeschehens keine Erholung der Lage ermöglichen. Bahnsprecher Achim Stauß rechnete am Montag anlässlich eines bundesweiten Aktionstages zur Kontrolle der Maskenpflicht nicht dem großen Weihnachtsgeschäft der vergangenen Jahre, "dennoch haben wir schon viele Vorbuchungen für die Weihnachtstage".

Der Aufsichtsrat wird sich auf seiner heutigen Sitzung vor allem mit der prekären Lage der Bahn in der Corona-Krise befassen müssen. Selbst eine Überprüfung der Langfriststrategie der Bahn könnte zur Debatte stehen. Die Strategie "Starke Schiene" sieht vor, dass die Zahl der Reisenden im Fernverkehr in der Bahn bis zum Jahr 2030 verdoppelt werden soll. Der Marktanteil des Schienengüterverkehrs soll von 18 auf 25 Prozent gesteigert werden. Daran hängen auch wichtige Klimaziele. So soll die Verlagerung auf die Schiene eine Reduktion des CO2-Ausstoßes um jährlich 10,5 Millionen Tonnen ermöglichen.

Steht die Langfrist-Strategie zur Debatte?

Im Vorfeld der Sitzung hat Aufsichtsrats-Vize Klaus-Dieter Hommel von der Eisenbahn-Gewerkschaft EVG bereits erklärt, die Verdopplung der Reisendenzahl im Fernverkehr sei "nicht mehr realistisch".

Dass der Aufsichtsrat geplante Investitionen etwa in Züge eindampfen könnte, hält Verkehrsexperte Christian Böttger von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin (HTW) aber für unwahrscheinlich: "Die Züge sind nun einmal bestellt. Und auch an der Finanzierung von Stuttgart 21 durch die Deutsche Bahn wird erst einmal nicht gerüttelt", so Böttger gegenüber tagesschau.de.

"Wettbewerbsneutrale" Hilfen gefordert

Ein weiteres Thema auf der Sitzung dürfte eine Kapitalspritze über fünf Milliarden Euro vom Bund für die Bahn sein. Die ist zwar seit Mai beschlossen, doch die Freigabe der Mittel durch die EU-Wettbewerbskommission steht noch aus. Finanzielle Hilfen für den Ex-Monopolisten hatten auch die Wettbewerber auf den Plan gerufen.

Damit die EU grünes Licht für die Auszahlung der Milliardenhilfen geben kann, wäre es aus Sicht von Philipp Kosok von der Denkfabrik Agora Verkehrswende dringend erforderlich, diese Hilfen "wettbewerbsneutral" auszuzahlen. Auch Konkurrenten der Bahn wie etwa FlixTrain würden dann entsprechend profitieren. Kosok findet die Strategie der Bahn in der Corona-Krise bislang aber richtig: "Es war sinnvoll, das Angebot an Verbindungen auch während der Krise weitgehend zu erhalten. Hier stark einzusparen, könnte langfristig zu viel größeren Schäden führen, wenn Bahnkunden abspringen", so Kosok gegenüber tagesschau.de. Die Bahn könne derzeit sogar die Chance nutzen, Personal aufzustocken, das etwa bei Fluggesellschaften entlassen wurde.

Schulden als einziger Weg

Wirtschaftsprofessor Böttger zufolge muss also der Aufsichtsrat heute die weitere Schuldenaufnahme genehmigen, um die anstehenden Aufgaben zu finanzieren. "Die Ausweitung des Fernverkehrs ist politisch gewollt. Das wird so schnell auch nicht aufgegeben", so Böttger. Erst nach der Bundestagswahl in zehn Monaten und wenn die Corona-Krise hoffentlich hinter Deutschland liege, "wird die neue Regierung die Zielsetzung in der Verkehrspolitik überprüfen und gegebenenfalls Struktur und Finanzierung anpassen", so der Experte.

Auch Verkehrsexperte Kosok hält von harten Einschnitten bei der Bahn derzeit nichts. Das Unternehmen müsse stattdessen klar belegen, in welchen Bereichen welche Belastungen zu schultern seien: "Beim Projekt 'Starke Schiene' jetzt aber einfach ein Jahr Pause zu machen, können sich die Bahn und der Bund nicht leisten."

Der Bilanz des Unternehmens Deutsche Bahn und dem Schuldenstand wird die Corona-Krise einen empfindlichen, aber offenbar unausweichlichen Schaden zufügen. Bereits jetzt ist das Unternehmen mit rund 32 Milliarden Euro verschuldet. Die Pandemie wird der Bahn weitere rote Zahlen bringen. Das Verkehrs- und Finanzministerium haben den Gesamtschaden durch Corona bereits im Mai abgeschätzt: Er liegt danach bei elf bis 13,5 Milliarden Euro.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 09. Dezember 2020 um 10:41 Uhr.