Luftaufnahme von abgestellten Neuwagen verschiedener Marken | picture alliance/dpa
Analyse

"Fit for 55"-Paket Wie die EU-Pläne die Autobauer treffen

Stand: 14.07.2021 11:50 Uhr

Die EU-Kommission präsentiert ihr Paket zum klimafreundlichen Umbau der Wirtschaft. Stark betroffen ist die deutsche Autoindustrie. Einige Hersteller haben schon im Vorfeld reagiert.

Von Jakob Mayr, ARD-Studio Brüssel

Wie kommt Europa voran? Das ist die entscheidende Frage für Deutschlands Schlüsselindustrie. Denn die Autohersteller stehen angesichts der Brüsseler Pläne vor gewaltigen Umwälzungen. Der stellvertretende EU-Kommissionschef Frans Timmermans hat schon vor Monaten ein Umdenken in den Konzernen ausgemacht:

Die haben jetzt wirklich begriffen, dass es einen anderen Weg gibt, den man auch gehen muss. Wir werden bei der Ausarbeitung unserer Vorschläge damit rechnen, dass es auch einen Bedarf gibt, Schritt für Schritt diese Industrie zu ändern und wir wollen da hilfreich sein. Verbote wird’s nicht geben, aber dass wir strenger werden bei den Emissionen, das ist schon klar.
Jakob Mayr ARD-Studio Brüssel

Aus für den Verbrennungsmotor?

Die EU hat beschlossen, den Ausstoß klimaschädlicher Gase bis 2030 um 55 Prozent zu senken im Vergleich zu 1990, bis Mitte des Jahrhunderts sollen unter dem Strich gar keine Treibhausgase mehr ausgestoßen werden. Um diese Ziele zu erreichen, müssen auch die Autobauer mehr tun. Derzeit darf die Fahrzeugflotte eines Konzerns im Schnitt 95 Gramm CO2 pro Kilometer ausstoßen. Nach bisherigem Stand sollten die CO2-Emissionen bis 2030 um 37,5 Prozent sinken. Diese Vorgabe verschärft die Kommission jetzt deutlich. Vizepräsident Timmermans fordert minus 60 Prozent bis 2030 und fünf Jahre später minus 100 Prozent.

Brüssel ruft also nicht das Ende des Verbrennungsmotors aus, gibt aber vor, bis wann der Ausstoß von Neuwagen auf null sinken muss - was faktisch aufs Gleiche rauskommt. Die Brüsseler Denkfabrik Transport&Environment (T&E) unterstützt das. Ihr Deutschland-Direktor Stef Cornelis rechnet vor:

Um die europäischen Klimaziele zu erreichen, müssen spätestens 2035 alle neuen Autos, die verkauft werden, elektrisch sein. Deutschland muss und kann auch schneller handeln. Die Bundesregierung hat neulich die nationalen Klimaziele verschärft und will schon bis 2045 klimaneutral werden. Um das zu schaffen, müssen bis 2032 alle neuen Autos Elektroautos sein.

Manche machen Tempo  

Dabei sind die Hersteller laut einer Analyse von T&E unterschiedlich gut aufgestellt: Ganz vorne liegen Volkswagen und Volvo mit einer offensiven Strategie für den Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor. VW will bis 2030 die Hälfte seiner Modelle auf Batterieautos umgestellt haben. Andere wie Ford haben ein Ziel, aber keinen Plan, wie sie es erreichen wollen. BMW, Daimler und Toyota schneiden in der Studie am schlechtesten ab: geringe Absatzzahlen von E-Autos, wenig Ehrgeiz beim Ausstiegsziel, zu starker Fokus auf Plug-in-Hybride.

Die Branche ist gespalten. Ihr Verband VDA wehrt sich gegen das Aus für den Verbrenner und wirbt für Technologieoffenheit. Der zuständige Geschäftsführer Kurt-Christian Scheel erklärt:

Natürlich hat der schnelle Hochlauf der Elektromobilität klar Vorrang, er muss auch weiter beschleunigt werden, um die Klimaziele zu erreichen. Aber wir glauben, dass der Verbrennungsmotor in bestimmten Bereichen weiter gebraucht wird.

Alternativ könnten Fahrzeuge mit Wasserstoff, synthetischen oder Biokraftstoffen angetrieben werden. Das ist allerdings sehr teuer, weil die Produktion dieser E-Fuels viel Strom verbraucht.

Branche vor dem Umbruch

In jedem Fall sind künftig weniger Maschinenbauer gefragt und mehr Elektrotechniker und Softwarespezialisten - eine gewaltige Umstellung für die gut 800.000 Beschäftigten in der deutschen Automobilindustrie. Vor allem stark spezialisierte Zulieferbetriebe, die nur bestimmte Bauteile fertigen, tun sich schwer. Noch ist die Zahl der in Deutschland zugelassenen Elektroautos überschaubar, ihre Zahl wächst aber rasant - im Mai sind die   Neuzulassungen gegenüber dem Vorjahr um fast 400 Prozent gestiegen.

BMW-Vorstandschef Oliver Zipse - derzeit Vorsitzender des europäischen Herstellerverbandes Acea - hat kürzlich erklärt, die Automobilindustrie werde ihren Beitrag leisten zu einem klimaneutralen Europa bis 2050 - unter Bedingungen:

Unter den richtigen Voraussetzungen sind wir sogar offen für höhere CO2-Reduktionsziele bis 2030. Aber der Green Deal muss alle Seiten verpflichten. Die EU-Mitgliedsstaaten müssen mehr in Ladesäulen und Wasserstofftankstellen investieren." 

Ladesäulen in Europa - noch Mangelware

Denn Kundinnen und Kunden steigen nur dann auf E-Autos um, wenn sie unterwegs genügend Ladesäulen finden. Die sind nach Angaben von Acea allerdings sehr ungleich verteilt: 70 Prozent stehen in gerade mal drei Ländern, nämlich den Niederlanden, Frankreich und Deutschland.

Der Rest der EU ist unterversorgt. Rumänien verfügt demnach über 490 Ladepunkte, die sechsmal kleineren Niederlande über 67.000. Acea beruft sich auf Kommissionsberechnungen, wonach es bis 2030 etwa sechs Millionen Ladestationen bräuchte, um die CO2-Emissionen aus dem Verkehr um die Hälfte zu senken. Die EU-Kommission schreibt den Mitgliedsstaaten deshalb in ihrem Fit-for-55-Programm entsprechende Ausbauziele vor.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 14. Juli 2021 um 12:00 Uhr.