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Abschied vom Verbrenner Die Ausstiegsstrategien der Autobauer

Stand: 23.03.2021 16:43 Uhr

Vor dem Autogipfel im Kanzleramt hat der Lobbyverband VDA zugesichert, bis 2050 nur noch klimaneutrale Antriebe zu fertigen. Doch die deutschen Hersteller wollen sich auf kein konkretes Datum festlegen.

Von einem genauen Rückzugstermin aus der Verbrennertechnik will die deutsche Autoindustrie immer noch nichts wissen, denn mehr als 90 Prozent aller aktuell verkauften Fahrzeuge laufen nach wie vor mit Benzin- und Dieselmotoren. Daran wird sich nach Überzeugung der Hersteller trotz massiver staatlicher Subventionen so schnell nichts ändern. Denn das Kundeninteresse an Verbrennermotoren ist ungebrochen.

Dennoch haben die Hersteller den sich abzeichnenden Umbruch fest im Blick. "Die Zukunft fährt elektrisch", verkündete kürzlich Audi-Chef Markus Duesmann im Gespräch mit der "FAZ", stellvertretend für die anderen heimischen Autobosse. Und er lieferte auch gleich eine Begründung dazu: Die von der EU-Kommission geplante strenge Abgasnorm Euro 7 mache eine Entwicklung von Verbrennern extrem schwierig, zudem sei die gesamte Branche im Wandel. Deshalb will Audi keinen neuen Verbrennungsmotor mehr entwickeln. Ein genaues Ausstiegsdatum nannte Duesmann allerdings nicht.

Volkswagen will es mit Tesla aufnehmen

Damit ist er hierzulande in bester Gesellschaft. "Aktuell gehe ich nicht davon aus, dass noch einmal eine komplett neue Motorenfamilie an den Start geht", sagte VW-Markenchef Ralf Brandstätter der "Automobilwoche". Stattdessen will er die derzeit genutzten Motoren weiterentwickeln. Ähnlich äußerte sich zuvor Konzernchef Herbert Diess. "Der Wechsel zur E-Mobilität erfolgt weltweit unterschiedlich schnell, abhängig von der lokalen Gesetzgebung und der Verfügbarkeit von CO2-freier Primärenergie", begründete er den Verzicht auf ein fixes End-Datum.

Dennoch stellt Volkswagen seine Produktion zunehmend auf E-Mobilität um. So sollen bis 2030 die Hälfte aller verkauften Fahrzeuge vollelektrisch sein. Die Wolfsburger mausern sich sogar zum Tesla-Jäger, wollen bereits in diesem Jahr 450.000 elektrifizierte Fahrzeuge verkaufen. Zudem sollen bis Ende des Jahrzehnts sechs Gigafabriken für konzerneigene Batterien in Europa entstehen, um den Akku-Bedarf des Konzerns sicherzustellen.

Viel hängt von der neuen Abgasnorm ab

Ein offizielles Ablaufdatum für den Verbrenner gibt es auch bei BMW nicht. Allerdings soll bis 2030 die Hälfte aller verkauften Fahrzeuge vollelektrisch sein. Daimler hält sich ebenfalls alle Türen offen. Entwicklungsvorstand Markus Schäfer sagte Anfang März lediglich, Daimler wolle keine neue Motorengeneration mehr entwickeln.

Wie schnell sich die Hersteller vom Verbrenner verabschieden, hängt aus seiner Sicht entscheidend von der Abgasnorm Euro 7 ausfällt. "Je nachdem, welche Regularien am Ende angewendet werden, kann sich die Perspektive für Verbrenner noch einmal dramatisch verändern - bis hin zu einem Szenario, das es fast unmöglich macht, ab 2025 noch Verbrenner zuzulassen", so Schäfer.

Ausländer nennen Ausstiegsdatum

Ausländische Hersteller gehen offensiver mit dem Thema um. So hat General Motors im Januar als erster, großer Autobauer angekündigt, bis 2035 ein Aus der Produktion von Verbrennungsmotoren anzustreben. So wolle das Unternehmen bei neuen "light-duty vehicles" - nach US-Definition Pkw und leichte Nutzfahrzeuge bis 3,8 Tonnen - ab 2035 die "Auspuffemissionen eliminieren".

Der Konzern reagiert damit auf die Ankündigungen einiger Länder und Regionen, Verbrennungsmotoren ab 2035 auszuschließen. So sollen in Kalifornien, dem wichtigsten Automarkt der USA, ab 2035 keine neuen Pkw mehr verkauft werden, die mit Diesel oder Benzin fahren. Japan, die drittgrößte Autonation der Welt, hat ebenfalls ein Verbrennerverbot ab 2035 verkündet. In Paris sollen bereits ab 2030 keine Verbrenner mehr fahren dürfen.

Skepsis gegenüber GM und Ford

Doch Fachleute bleiben skeptisch. Sie verweisen auf Hintertüren, die sich GM offen lässt. Dazu zähle, dass schwere Fahrzeuge über 3,8 Tonnen von dem Vorhaben ausgenommen sind. Auch dass das Unternehmen an entscheidender Stelle das Wort "anstreben" verwendete, weckt Misstrauen. Ganz ähnlich bei Ford. Der Konzern will ab 2030 nur noch elektrische Pkw anbieten. Bei den Ford Trucks bleibt es aber bei Verbrennern.

Kleinere Hersteller sowie Nischenanbieter haben es da einfacher. So verkündete Mitte Februar Jaguar, schon ab 2025 nur noch Elektroautos bauen zu wollen. Bei Land Rover soll es zumindest eines pro Baureihe sein. Vorgeprescht in Sachen E-Mobilität war zuvor Volvo. Zwar verkündete der vom chinesischen Geely-Konzern kontrollierte Hersteller kein offizielles Ausstiegsdatum. Firmenchef Hakan Samuelsson erklärte jedoch, er wäre überrascht, wenn Volvo bis 2030 nicht bereits ein reiner Elektroautohersteller wäre.

So flexibel wie möglich

Auch bei den Franzosen gibt es ein echtes Ausstiegsziel bestenfalls inoffiziell. Firmenchef Luca de Meo sagte der "Financial Times", er erwarte, dass der Konzern sein letztes Fahrzeug mit Verbrennermotor in Europa zwischen 2030 und 2035 verkaufe. "Eine pragmatische Haltung", loben Analysten der Pariser Bank BNP Paribas, denn niemand könne derzeit genau sagen, wie schnell sich die Umstellung der Märkte vollziehe. Viel hänge von den Vorstellungen der Kunden sowie der Infrastruktur ab. Und deren Ausbau lasse nach wie vor zu wünschen übrig.

Dass sich die deutschen Hersteller bisher vor allem auf Eckdaten für einen Ausstieg festlegen, erklären Experten wie Ferdinand Dudenhöffer, Leiter des Duisburger CAR-Instituts, damit, dass rund 75 Prozent der heimischen Produktion auf ausländischen Märkten verkauft werde. VW, BMW, Daimler & Co müssten also so flexibel wie möglich agieren und bis zum endgültigen Aus der Verbrennertechnik zweigleisig fahren. Auch müsse das Risiko für die Autoindustrie vor dem Hintergrund betrachtet werden, dass bis zum Ausstieg bis zu 25 Jahre liegen. Entsprechend werde den Autobauern ausreichend Zeit gegeben, umzusteuern.

Autogipfel diskutiert verschärftes Klimaziel

Beim heutigen Autogipfel mit der Kanzlerin soll es hauptsächlich darum gehen, wie sich das schärfere EU-Klimaziel für 2030 auf die deutsche Autoindustrie auswirkt. Nach derzeitigem Stand müssen Pkw-Neuwagen in der EU bis 2030 im Vergleich zu heute rund 37,5 Prozent weniger CO2 ausstoßen. Die EU plant sogar, die Vorgabe auf etwa 50 Prozent zu verschärfen. Dabei spielt auch die neue Euro-7-Norm eine Rolle. Die deutsche Autobranche hält die diskutierten Vorgaben für deutlich zu streng. Für Deutschlands wichtigsten Industriezweig steht also viel auf dem Spiel.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 23. März 2021 um 07:20 Uhr.