Ein Fläschchen mit dem Impfstoff AstraZeneca | AFP

AstraZeneca und die EU Machtprobe beim Impfstoff

Stand: 28.01.2021 21:59 Uhr

Bei der EU liegen die Nerven blank: Weniger Impfstoff als erhofft und der Vorwurf, man habe zu wenig bestellt. Und nun AstraZeneca: Warum behandelt der Pharma-Riese die EU wie einen lästigen Geschäftspartner?

Von Helga Schmidt und Holger Beckmann, ARD-Studio Brüssel

Anfang Januar war der Impfstoff von AstraZeneca noch ein Hoffnungsträger: Preislich viel günstiger als das Konkurrenzprodukt von BioNtech und Pfizer, außerdem einfacher zu verimpfen, auch in Arztpraxen, ohne aufwendige Tiefkühlung. Mindestens 300 Millionen Dosen hatte die EU mit AstraZeneca vereinbart.

Helga Schmidt ARD-Studio Brüssel
Holger Beckmann ARD-Studio Brüssel

Am vergangenen Freitag schickt der Konzern die erste Hiobsbotschaft nach Brüssel: Weniger als die Hälfte der zugesicherten Impfstoffdosen könnten geliefert werden. Statt 80 Millionen Dosen nur 31 Millionen im ersten Quartal. Die Begründung - Engpässe in einem belgischen Werk - löst in Brüssel bissige Fragen aus: Warum werden nur die Lieferungen für die EU gedrosselt, während Großbritannien seine Impfstoffdosen im vollen Umfang bekommt?

EU gab Millionen für die Impfstoff-Entwicklung

AstraZeneca gehört zu den Pharmaunternehmen, die von der Europäischen Union mit mehreren Hundert Millionen Euro unterstützt werden. 336 Millionen sind allein für AstraZeneca reserviert. Damit sollte die Forschung am Impfstoff beschleunigt und die schnelle Produktion gesichert werden. Ein Teil des Geldes ist schon geflossen, vollständig ausgezahlt ist der Beitrag noch nicht.

Man habe viel vorfinanziert, sagt Kommissionschefin Ursula von der Leyen beim digitalen Weltwirtschaftsforum von Davos, jetzt müsse auch geliefert werden. Im gleichen Forum spricht auch AstraZeneca-Chef Pascal Soriot. Mit keinem Wort geht er auf die Vorwürfe aus der EU ein. Stattdessen Appelle an die weltweite Solidarität im Kampf gegen das Coronavirus. "Wir sind nur sicher, wenn alle sicher sind", erklärt der Pharmachef, deshalb habe AstraZeneca entschieden, den Impfstoff gemeinnützig zu entwickeln: "Wir verdienen kein Geld mit dem Mittel."

Wertzuwachs durch Corona-Vakzin

Soriot hat das britisch-schwedische Unternehmen vor mehr als sechs Jahren auf Erfolgskurs gebracht. Damals wollte Weltmarkführer Pfizer den Arzneimittelhersteller übernehmen - für einen gigantischen Preis: 117 Milliarden Dollar habe Pfizer geboten. Doch Soriot lehnte ab, glaubte an eine eigene Zukunft - und hat Recht behalten.

Erst im Dezember hat AstraZeneca selbst einen wichtigen US-Konkurrenzen übernommen und sich in den vergangenen Jahren international mit der Forschung und der Herstellung von Medikamenten gegen Krebs oder gegen Diabetes einen Namen gemacht. Das Unternehmen entwickelt zudem Präparate gegen äußerst seltene Erkrankungen. Analysten zufolge zeigt auch die Entwicklung des Corona-Impfstoffs das Potential des Konzerns. In jedem Fall hat AstraZeneca sich damit endgültig internationale Bekanntheit gesichert - und weiteren Wertzuwachs. Ein Konzern, an dem inzwischen niemand mehr vorbei kommt - jedenfalls dann nicht, wenn es um spezielle Pharmazeutika gegen schwere Krankheiten geht. Corona gehört definitiv dazu.

Soriots Machtprobe

Mit der EU versucht Soriot die Machtprobe. Erst Mittwoch, fünf Tage nach der Drosselung der Liefermenge, geht der AstraZeneca-Chef auf die Kritik ein. Sein Unternehmen habe mit der EU gar keine Liefergarantie vereinbart, so erklärte Soriot in einem Interview mit mehreren europäischen Zeitungen, sondern nur eine "Best-Effort-Lösung". Feste Mengen seien im Vertrag gar nicht festgelegt, statt dessen eine Absichtserklärung: "Wir haben unseren 'best effort' zugesagt, dass wir uns im besten Sinne bemühen." Und weiter: "Wir mögen ehrgeizige Ziele, aber wir haben keine Garantie dafür abgegeben."

Man bemüht sich, will aber nichts garantieren - die Vertragsinterpretation sorgte in der Kommission für Empörung. Eine Falschaussage sei das, konterte Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides ungewohnt scharf, "nicht zutreffend und inakzeptabel". In Brüssel kommt die Frage nach der Verlässlichkeit des Vertragspartners auf.

Dazu kommen Zweifel an der Wirksamkeit des AstraZeneca-Vakzins bei den über 65-Jährigen. AstraZeneca kann sie nicht restlos zerstreuen. "Bei den Studien, die durchgeführt worden sind, gab es nur sehr, sehr wenige ältere Menschen, die teilgenommen haben", konstatiert die Direktorin der Europäischen Arzneimittelagentur EMA, Emer Cooke. AstraZeneca sei dabei, immer noch neue Daten an die Genehmigungsbehörde zu liefern. Warum hatte der Pharmakonzern nicht von Beginn an die große Gruppe der Älteren proportional angemessen berücksichtigt? Diese Frage hat AstraZeneca bis heute nicht beantwortet.

Vertrauenverlust für AstraZeneca?

AstraZenecas Machtprobe mit der EU werde einen Vertrauensverlust für das Unternehmen zur Folge haben, sagt der CDU-Europaabgeordnete Peter Liese. "Das wird sich am Börsenwert zeigen", prophezeit der Gesundheitsexperte. "Ein Unternehmen, das seinen Ruf auf dem größten Markt der Welt komplett ruiniert, wird langfristig Schaden davontragen."

Donnerstagabend dann eine neue Kehrtwende von AstraZeneca. Soriot wolle einen Teil der angekündigten Lieferkürzung wieder zurücknehmen, berichtet die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" unter Berufung auf EU-Kreise.

Auch im Konflikt um die Frage, was im Vertrag mit der EU steht, scheint Soirot nun doch zum Einlenken bereit. Soriot habe nicht mehr auf seiner Aussage bestanden, der Vertrag enthalte keine konkreten Angaben über die Lieferverpflichtung, so die "FAZ". Nach Informationen des ARD-Studios Brüssel sind auch die Mengen des zu liefernden Impfstoffes von der EU genau festgelegt und mit AstraZeneca fest vereinbart worden.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 28. Januar 2021 um 22:25Uhr.

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