Schild am ehemaligen Gebäude von Wirecard in Aschheim | BR/Mathias Flasskamp

Aschheim ohne Wirecard Wenn ein Dorf seinen DAX-Konzern verliert

Stand: 15.11.2021 14:22 Uhr

Die Wirecard-Gewerbesteuern füllten lange die Kassen des Münchner Vororts Aschheim. Nun fehlt diese Geldquelle. Zudem drohen Millionen-Forderungen des Insolvenzverwalters. Wie geht es weiter im Dorf, das seinen DAX-Konzern verlor?

Von Mathias Flasskamp, BR

Aschheim war das Paradebeispiel für eine prosperierende Gemeinde im Speckgürtel Münchens und eines der ganz wenigen Dörfer mit einem DAX-Konzern. Viele Unternehmen haben sich hier angesiedelt. Das bei weitem größte davon war der Finanzdienstleister Wirecard.

Mehr als ein Jahr nach der Wirecard-Insolvenz ist herbstliche Ruhe eingekehrt in Aschheim. Alle warten auf den Prozess, die Gemeinde ist nicht mehr täglich in den Schlagzeilen. An der ehemaligen Wirecard-Zentrale erinnert nichts mehr an die Milliarden-Firma, die am Ende eine Milliarden-Pleite hinlegte. Das berüchtigt gewordene Logo mit dem Namenszug in Kleinbuchstaben und dem roten Punkt über dem "i" ist überall abmontiert. An der Fassade hängt ein Schild mit der Aufschrift: Büroflächen zu vermieten.

Gemischte Gefühle in Sachen Wirecard

Von den Bäumen gefallene bunte Blätter bedecken den ehemaligen Wirecard-Parkplatz und dämpfen die Schritte von Gemeinderat Sepp Lausch, der hier regelmäßig vorbeischaut. An dem Ort, der Aschheim bundesweit bekannt machte, beschleichen ihn gemischte Gefühle. Lange Zeit sei man stolz gewesen auf die Erfolgsgeschichte, die sich hier abgespielt habe, berichtet er. Wirecard sei immer etwas ganz Großes und die Aschheimer seien gerne mit dabei gewesen, erzählt der Kommunalpolitiker.

Im Frühsommer 2020 folgt das unsanfte Erwachen: Bilanzskandal und Pleite. Gut 1500 Arbeitsplätze sind plötzlich weg, genau wie die ominösen knapp zwei Milliarden Euro, die Wirecard irgendwo in Asien geparkt haben will. Als der Insolvenzantrag gestellt wird, lassen Lausch und seine Parteifreunde von den Freien Wählern eine Schätzung der Gewerbesteuereinnahmen anfertigen. Denn Thomas Glashauser von der CSU, der Erste Bürgermeister, will weder im Stadtrat noch in der Öffentlichkeit die drohenden Einnahmeausfälle beziffern. Er beruft sich auf das Steuergeheimnis. Lausch und die anderen Stadträte aber wollen genauer wissen, was der Gemeinde da möglicherweise bevorsteht.

Falls die Wirecard-Gewinne Lug und Trug waren, hätte der Konzern auch keine Gewerbesteuern zahlen müssen. Das weiß auch Michael Jaffé, der Insolvenzverwalter, der Wirecard AG. Er ist gerade dabei, sämtliche Überreste des Fintech-Unternehmens zu Geld zu machen - von Unternehmensbeteiligungen in Malaysia bis zum Teppich im ehemaligen Vorstandsbüro. Denn im Sinne der betroffenen Gläubiger ist er verpflichtet, Steuerzahlungen zurückzufordern, für die es keine Grundlage gab.

Das Ortsschild von Aschheim steht vor einem Verkehrskreisel. | BR/Mathias Flasskamp

Viele Leistungen in Aschheim konnten durch Einnahmen aus der Wirecard-Gewerbesteuer finanziert werden - diese fehlen der Gemeinde nun. Bild: BR/Mathias Flasskamp

Hohe Rückzahlung von Gewerbesteuen droht

Davor hat nicht nur Sepp Lausch Angst. Auf Basis der im Bundesanzeiger veröffentlichen Umsätze und Gewinne der Wirecard AG konnten die Freien Wähler eine ziemlich genaue Schätzung anstellen, wie hoch die Rückforderungen ausfallen dürften: "Für den Zeitraum von 2016 bis 2019 kommen wir auf eine Summe von 25 bis 30 Millionen Euro", sagt Lausch. Das wäre auch fürs wohlhabende Aschheim keine Kleinigkeit. Es entspräche etwa dem Aufkommen der gesamten Gewerbesteuereinnahmen eines Jahres. Wirecard hätte nach dieser Rechnung jahrelang etwa einen großen Teil der gesamten Gewerbesteuereinnahmen in Aschheim allein erbracht.

Hohe Zuschüsse für Kitas und Vereine

Infolge der jahrelang sprudelnden Einnahmen fallen die sogenannten freiwilligen Leistungen der Gemeinde Aschheim spektakulär aus: Es gibt hier hohe Zuschüsse für Kindergärtenplätze. Die Bürger müssen dafür nichts bezahlen. Eine Realschule hat Aschheim auch. Ein Gymnasium ist im Bau. Geplante Kosten: 120 Millionen Euro. Hinzu kommt ein herausragendes Freizeitangebot: Die Gemeinde verfügt über neun Freiluft-Tennisplätze und eine Tennishalle mit weiteren Plätzen für den Winter. Es gibt mehrere gut gepflegte Fußballplätze, die von zwei örtlichen Vereinen genutzt werden, außerdem ein Leichtathletikstadion und eine Sportschützenanlage. Ein Schul-Schwimmbad ist ebenfalls geplant. Nicht schlecht für eine Gemeinde mit 9900 Einwohnern.

Bürgermeister Glashauser von der CSU glaubt, dass das auch so bleibt. Er gibt zwar keine Interviews, lässt aber seine Mitarbeiter auf BR-Anfrage schriftlich mitteilen, dass die Stadt über genügend finanzielle Reserven verfüge und keine Kürzungen bei den freiwilligen Leistungen geplant seien.

Bund glich Gewerbesteuerausfälle 2020 teils aus

Das Haushaltsergebnis 2020 zeigt jedoch, dass Aschheim vom Bund sieben Millionen Euro aus dem Corona-Topf für Gewerbesteuerausfälle bekommen hat. Das hat der Gemeinde massiv geholfen. Für 2021 wird es keine Kompensationen mehr geben und die Rückzahlungen, der Wirecard-Gewerbesteuer könnte fällig werden. Angesichts dieser Aussichten haben viele im Gemeinderat - im Gegensatz zum Bürgermeister - erhebliche Zweifel, dass alles einfach so weitergehen kann wie bisher.

Eugen Stubenvoll sitzt ebenfalls für die Freien Wähler im Gemeinderat und befürchtet, dass Aschheim bei den freiwilligen Leistungen möglicherweise kürzen muss. "Wenn die Rückzahlungen in der geschätzten Höhe anstehen, dann müssen wir überlegen, ob alle geplanten Investitionen und die vielen Zuschüsse, etwa für die Vereine, in der Form noch haltbar sind", meint er. Für die Vereine wäre das bitter, für die Bürger aber auch - etwa mit Blick auf die Kosten für Kita-Plätze.

Der als neue Wirecard-Zentrale geplante Bau in Aschheim ist aus der Vogelperspektive zu sehen. | BR/Mathias Flasskamp

Als Wirecard Insolvenz anmeldete, war die neue Konzernzentrale im Bau. Mit geänderten Plänen wurde verhindert, das sie zur Bauruine wurde. Bild: BR/Mathias Flasskamp

Zukunft der neuen Wirecard-Konzernzentrale geklärt

Aber es gibt auch positive Entwicklungen: Zum Zeitpunkt der Wirecard-Pleite befand sich die neue Konzernzentrale bereits im Bau. Das Gebäude war maßgeschneidert auf die Ansprüche und Vorlieben des Vorstandes. Andreas Wißmeier von der Rock Capital Group berichtet von Sonderwünschen wie geschwungenen Übergängen von Teppich auf Parkett und Glasflächen an der Außenfassade, die immer wieder durch andere Materialien unterbrochen sein sollten. Angesichts solcher Ideen habe man oft heimlich den Kopf geschüttelt, erinnert er sich. Aber es sei eben der Wunsch des Kunden gewesen, dem man nachzukommen versuchte.

Vorgesehen war der neue Standort für 2000 Mitarbeiter - am Ende kam kein einziger. Der 42.000 Quadratmeter große Bürokomplex mit riesigem Atrium wird trotzdem nicht zur Bauruine werden. Wißmeier hatte nach dem Wirecard-Insolvenzantrag zwar einige schlaflose Nächte: "Wenn sich bei einem so großen Projekt der einzige Mieter plötzlich in Luft auflöst, dann muss man schon mehr als nur heftig durchatmen, aber wir haben alles noch einmal neu geplant und ersetzen jetzt einen großen durch 15 kleine Mieter", berichtet der Immobilenmanager. Ein völlig neues Bürokonzept mit gesunder, nachhaltiger Arbeitsumgebung soll hier entstehen, deutlich weniger protzig als ursprünglich geplant. Neue Normalität - vielleicht ein Symbol für ganz Aschheim.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 12. November 2021 um 06:38 Uhr.