Das iPhone von Apple | AFP

Kampf gegen Kinderpornografie Massive Kritik an Apples Fotofunktion

Stand: 07.08.2021 08:54 Uhr

iPhones sollen künftig kinderpornografische Bilder erkennen und den Behörden melden. US-Datenschützer sind alarmiert. So könne die Funktion missbraucht werden, um Unschuldige zu diskreditieren.

Von Marcus Schuler, ARD-Studio Los Angeles

Die neue Funktion "neuralMatch" soll ab Herbst zunächst in den USA auf allen iPhones aktiviert werden. Laut Apple kann sie eindeutig kinderpornografische Bilder erkennen. Die Software komme immer dann zum Einsatz, wenn User ihre Fotos in die iCloud zum Backup hochladen.

Marcus Schuler ARD-Studio Los Angeles

Findet "neuralMatch" Fotos, die auf Kinderpornografie hindeuten, sollen sie von einem Menschen überprüft werden. Ist das Ergebnis eindeutig, meldet Apple den Besitzer oder die Besitzerin des Geräts den Behörden. Das System vergleicht Bilder mit einer Datenbank.

Laut Apple müssen sich Eltern, die Fotos von ihren Kindern in der Badewanne aufnehmen, aber keine Sorgen machen.

Bald gefakte kinderpornografische Fotos?

Matthew Green sieht das anders. Er ist einer der führenden Verschlüsselungsexperten in den USA und Professor an der Johns-Hopkins-Universität. Im Interview mit der ARD warnt er: Das System könne missbraucht werden - um zum Beispiel unschuldige Menschen zu betrügen. "Es wird sicherlich bald Leute in Foren wie Reddit geben, die diese neue Funktion ausnutzen, in dem sie gefakte kinderpornografische Fotos bauen und einem anderen User unterjubeln und so das System aktiviert wird. Hat Apple die Funktion getestet? Hat es seine Algorithmen dazu veröffentlicht? Das ist nicht passiert."

Die Funktion jetzt auf einer Milliarde iPhones zu aktivieren, sei absolut leichtsinnig, sagt Green: "Ich bin sehr überrascht und hoffe, Apple stoppt das wieder."

Heftige Kritik hagelt es auch von der Datenschutzorganisation Electronic Frontier Foundation. Apple vollziehe eine schockierende Kehrtwende und enttäusche alle Nutzer, die angenommen hatten, das Unternehmen sei führend, wenn es um den Schutz von Daten und der Sicherheit gehe.

Snowden: Massenüberwachung auf der ganzen Welt

Deutliche Worte findet auch die gemeinnützige Organisation Center of Democracy and Technology in Washington. Sie fordert Apple auf, die Funktion zurückzuziehen, weil dadurch die End-zu-End-Verschlüsselung zerstört werde.

Und auch Whistleblower Edward Snowden meldet sich aus seinem russischen Exil zu Wort. Via Twitter erkläre er, Apple rolle eine Massenüberwachung auf die ganze Welt aus. Wenn das Unternehmen heute nach Kinderpornos scanne, könne es morgen nach allem scannen.

Kryptoexperte Green sieht bei Apple einen plötzlichen Strategiewechsel. Habe man 2015 gegenüber der Bundespolizei FBI es noch abgelehnt, das iPhone der Attentäter des Anschlags von San Bernardino zu knacken, gehe man jetzt genau in diese Richtung. "Das Problem mit dieser Technologie ist: Hat man sie erst einmal gebaut, werden einen Regierungen in der Welt bedrängen, um die Telefone nach anderen Dingen zu durchsuchen. Das ist ein Schritt in genau die falsche Richtung."

Apple bestreitet, dass die Änderungen den Schutz der Daten seiner Nutzer aufweiche oder die Verschlüsselung beeinträchtige. Es handle sich um eine sorgfältig durchdachte Innovation, die die Privatsphäre der Benutzer nicht stören, sondern vielmehr schützen werde.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 07. August 2021 um 09:32 Uhr.