Aluminium mit Aufschrift des russischen RUSAL-Konzerns | REUTERS

Aluminiumhütte Rheinfelden Bedenken gegen Verkauf an RUSAL

Stand: 29.03.2021 10:52 Uhr

Der geplante Verkauf der Aluminiumhütte Rheinfelden an den russischen Konzern RUSAL wirft viele Fragen auf. Es geht um Sicherheit, Patente und Folgen für die deutsche Autoindustrie.

Von Edgar Verheyen, SWR

Wie ein Sperrgürtel aus Metall und Beton liegt die Aluminiumhütte am Rhein bei Lörrach. Auf der anderen Seite - die Schweiz. Es ist ein süddeutsches Industrierefugium und steht für Hightech. Mehr als 120 Jahre war das Werk in Familienbesitz. 70 Patente wurden entwickelt und stehen für das, was die Firma ausmacht: Es sind Aluminium-Speziallegierungen, die hier hergestellt werden. Produkte, die die Autoindustrie benötigt, aber auch die Luft- und Raumfahrt - und schließlich auch die Rüstungsindustrie.

Doch die Automobilbranche bestellte zuletzt, coronabedingt, immer weniger. Im vergangenen Jahr geriet die "Alu", wie die Fabrik in der Region liebevoll genannt wird, in Schieflage. Man benötigte neues Geld. Doch ausgerechnet die Banken, die der Firma stets zur Seite standen, zogen die Notbremse. Also musste das Unternehmen Insolvenz beantragen, brauchte einen Käufer.

RUSAL greift schnell zu

Der russische Konzern RUSAL, Nummer Zwei in der weltweiten Aluminiumproduktion, war sehr schnell zur Stelle. Mit dem Konzern hatte das Unternehmen früher schon einmal verhandelt. Man konnte sich Jahre zuvor jedoch nicht einigen. Die Forderungen der "Alu" schienen den Russen zu hoch. Jetzt war die Lage anders. Das Unternehmen an der Grenze zur Schweiz musste verkaufen.

Mit RUSAL hatte man einen potenten Käufer gewinnen können. Nach eigenen Angaben produziert der russische Aluriese in 43 Fabriken auf allen Kontinenten. Als im Februar die Verträge unterschrieben wurden, waren denn auch die Mitarbeiter froh - gab der russische Investor doch das Versprechen ab, den Standort Rheinfelden zu erhalten und sogar noch weitere Mitarbeiter einzustellen.

Was steckt hinter dem Kaufinteresse?

Doch entsprach dies den wahren Absichten des Käufers? Die frühere Eigentümerin hegt vielmehr den Verdacht, dass es der Käufer aus Russland nur auf die Patente abgesehen habe. Ihr Anwalt Thomas Kaiser warnt deshalb gegenüber dem SWR:

Der Verlust dieses Know Hows hätte mittelfristig Auswirkungen auf die Marktführerschaft der deutschen Automobilindustrie bei modernen und zukunftsweisenden Werkstoffen und Technologien. Dieses ist auch der Grund, weshalb derzeit ein deutsches Investorenkonsortium mit Hochdruck daran arbeitet, die Aluminium Rheinfelden-Gruppe aufzufangen, um sie dann zu sanieren und weiter zu entwickeln.

Mit der Abwicklung des Unternehmens wurde Rechtsanwalt Detlef Specovius betraut. Der Fachanwalt für Insolvenzrecht teilt diese Bedenken nicht:

Wenn RUSAL nur die Patente hätte erwerben wollen oder nur Interesse an den Patenten gehabt hätte, dann hätten sie zum Beispiel nicht das Grundstück, auf dem wir uns hier befinden, mit erworben, sondern hätte dann versucht, lediglich die Unternehmung zu kaufen, die die Patente hat, oder nur die Patente zu kaufen. Das haben sie aber nicht gemacht.

Doch reicht das als Begründung? Müssen die Behörden nicht genauer hinschauen? Zunächst prüfte das Bundeskartellamt. Es ging um die Frage, ob "fusions- und kartellrechtlich" der Deal in Ordnung sei. Dies hat die Bonner Behörde vor wenigen Tagen bejaht.

RUSAL-Personal nicht unumstritten

Jetzt muss noch das Außenwirtschaftsamt seinen Segen geben und das prüft derzeit - Ende offen. Beobachter rechnen mit einem Ergebnis in wenigen Wochen. Eine solche Prüfung ist auch notwendig. Denn tatsächlich ist der russische Aluminiumkonzern nicht unumstritten.

Er beliefert die gesamte russische Wirtschaft mit Aluminiumteilen; die Landwirtschaft, aber vor allem die Luftfahrt,- die Automobil- und auch die Rüstungsindustrie. Auch Präsident Wladimir Putin betonte bei einem Werksbesuch dessen strategische Bedeutung für die russische Wirtschaft.

Auch eine andere Person sorgte dafür, dass die Produktion reibungslos lief: Oleg Deripaska. Der kremlnahe russische Oligarch war viele Jahre lang bis 2018 Vorstandsvorsitzender und Verwaltungsrat bei RUSAL, Miteigentümer des Konzerns. Ihm wirft die US- Regierung vor, sich zugunsten von Donald Trump in den US-Wahlkampf 2016 eingemischt zu haben. Die USA verhängten im April 2018 Sanktionen gegen ihn und acht von ihm kontrollierte Unternehmen. Seine Vermögenswerte wurden eingefroren, und US-Bürgern wurden Geschäfte mit ihm untersagt. Oleg Deripaska zog sich danach aus dem RUSAL-Konzern zurück. Doch Zweifel an der Seriosität des Unternehmens sind geblieben.

Oleg Deripaska | picture alliance/dpa

Oleg Deripaska war bis 2018 Vorstandschef des RUSAL-Konzerns. Bild: picture alliance/dpa

Wird die "Alu" weiter Speziallegierungen produzieren?

Inzwischen hat deshalb die frühere Eigentümerin der Aluminiumhütte Rheinfelden einen Sicherheitsberater damit beauftragt, den Deal mit RUSAL zu prüfen. Es handelt sich dabei um den ehemaligen Kriminaloberrat Klaus-Dieter Matsche aus Frankfurt. Auch er teilt die Bedenken, die gegen den Verkauf sprechen. Gegenüber dem SWR erklärt er:

Die Russen kaufen hier Produkte ein, mit denen sie auch im Bereich der Militärtechnik punkten können, denn wenn es darum geht, Panzer leichter zu machen, haben sie hier sehr gute Möglichkeiten. Ich denke, man sollte verhindern, dass jetzt diese Firma nach Russland ausverkauft wird.

Die RUSAL-Pressestelle weist auf Anfrage die Vorwürfe zurück:

Die Annahme, dass RUSAL nur an den Patenten interessiert wäre, ist vollkommen haltlos.  Wir weisen alle Vorwürfe entschieden zurück und freuen uns auf die Zusammenarbeit mit Aluminium Rheinfelden, um Produkte entlang der Wertschöpfungskette durch neue, fortschrittliche Technologien für deutsche und internationale Kunden in der Automobilindustrie zu entwickeln.

Jetzt muss das Bundeswirtschaftsministeriums prüfen, ob tatsächlich Sicherheitsbedenken gegen den Verkauf sprechen. Ein Ergebnis wird in den nächsten Wochen erwartet. Für den Fall, dass der Deal über die Bühne geht, ist dennoch klar: Die deutsche Industrie muss ihre Aluminium-Speziallegierungen künftig in Russland bestellen. Der Sicherheitsexperte Matschke fürchtet: In Deutschland werden sie dann wahrscheinlich nicht mehr produziert.

Über dieses Thema berichtete SWR aktuell am 19. März 2021 um 18:51 Uhr.