Zigarettenproduktion bei British-American-Tabacco

Tabak, Öl, Waffen Investieren mit schlechtem Gewissen?

Stand: 11.11.2022 08:09 Uhr

An der Börse erleben Aktien von Tabak-, Öl- und Waffen-Konzernen derzeit eine Renaissance. Wie ist das zu erklären - und ist das moralisch vertretbar? Sollte man an der Börse die Moral außen vor lassen?

Von Bianca von der Au, tagesschau.de

Für den Investor Christian Röhl ist die Börse schlicht ein Handelsplatz. Die einzelnen Akteure auf diesem Handelsplatz haben eine Moral - die werde aber individuell von sehr unterschiedliche Wertevorstellungen bestimmt, so Röhl. Er folgt beim Investieren in erster Linie der Strategie, sich breit aufzustellen und die denkbaren Risiken abzudecken.

"Nein, da überkommt mich kein schlechtes Gewissen. Ich habe sicher nicht das typische Depot. Ich schließe bestimmte Branchen nicht aus", sagt er und bestätigt: "Ich habe Tabak-Aktien, ich habe auch Öl-Aktien und ich habe Rüstungsaktien."

Kein schwarz-weiß, kein Gut oder Böse

Aus Sicht des Vermögensverwalters und Podcasters gibt es bei der Geldanlage kein schwarz oder weiß - kein nur Gut oder nur Böse, sondern immer mindestens zwei Seiten. Röhl nennt als Beispiel Rüstungskonzerne, die seit dem russischen Angriff auf die Ukraine einen guten Lauf haben.

"Man hat sich über Jahre scheinbar daran gewöhnt, dass wir in einer sehr sicheren Welt leben, und der Ukraine-Krieg hat uns vor Augen geführt: Die Welt ist leider nicht so gut, wie wir sie gerne hätten." Da muss aus Sicht von Röhl eine entsprechende Reaktion von staatlicher Seite kommen, "das werden Investitionen in Rüstung sein, und da wird jetzt von den Kursen einiges vorweggenommen."

Bestimmte Aktien als "No Go"

Zwei Seiten beim Investieren gibt es für Henrik Pontzen nicht - jedenfalls nicht beim Thema Klimaschutz. Gewisse Aktien sind für den Leiter Nachhaltigkeit bei Union Investment ein rotes Tuch. "Aktien von Unternehmen, die Kohle nicht nur fördern, sondern die Kohleförderung sogar noch ausbauen, sind für mich ein No Go. Denn sie leugnen den Klimawandel und verweigern sich, die nötigen Aufgaben zu seiner Lösung anzugehen."

Investieren bedeutet für den Portfoliomanager, Mittel bereit zu stellen, um Zukunft zu gestalten. Auch die Investition in einen Ölkonzern könne nachhaltig sein, wenn dieser etwa den Umbau hin zu mehr klimafreundlicher Technik vorantreibe.

Geraucht wird immer, auch in der Krise

Den Erfolg von Tabakaktien erklärt Nachhaltigkeitsexperte Pontzen damit, dass in der Krise Dinge teurer werden, und auf diese Teuerung von Gütern können Süchtige viel schlechter mit Konsumverzicht reagieren als andere. "Und das bedeutet dann im Umkehrschluss, dass Produzenten von Suchtmitteln wie Tabak oder Alkohol gerade in der Krise stabile Umsätze ausweisen können und damit auch die Kursverläufe ihrer Aktien typischerweise in Krisen stabiler laufen."

Ob man als Anleger von solchen Entwicklungen profitieren möchte, das müsse dann letzten Endes jede und jeder mit seinem eigenen moralischen Kompass und Gewissen vereinbaren.

Druck machen für Veränderung

Alexandra Niessen-Ruenzi, BWL-Professorin mit Forschungsschwerpunkt verhaltensorientierte Finanzmarktforschung, weist darauf hin, dass durch eine Investition in Konzerne, die nicht der eigenen Moral entsprechen, aber durchaus Druck zur Veränderung entstehen kann. "Das ist jetzt nichts für den Kleinanleger, der nicht die Mittel hat, was zu verändern, aber es gibt institutionelle Anleger, die suchen sich solche Firmen gezielt aus, um Veränderungsprozesse anzustoßen."

So wie zuletzt im Mai dieses Jahres, als der aktivistische Hedgefonds "Engine No. 1" den US-Mineralölriesen Exxon bei der Hauptversammlung überrumpelte und zwei neue Aufsichtsrats-Mitglieder durchsetze, die ein klimafreundliches Umdenken fordern. Das gelang mit einem Anteil von nur 0,02 Prozent der Unternehmensaktien.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 11. November 2022 um 02:38 Uhr.