Ein VW Tiguan Diesel wird in München (Bayern) mit AdBlue betankt. | picture alliance / Stefan Puchne

Diesel-Abgasreinigung Legt AdBlue-Mangel den Lkw-Verkehr lahm?

Stand: 10.11.2021 08:05 Uhr

Die Logistikbranche warnt vor einem Kollaps der Lkw-Transporte, weil teures Gas auch die Produktion des wichtigen Diesel-Abgasreinigers AdBlue beeinträchtigt. Noch musste aber kein Lastwagen stehen bleiben.

Von Lilli Hiltscher, tagesschau.de

Die explodierenden Energiepreise haben in der Transportbranche Befürchtungen ausgelöst, dass Lkw und Busse mit modernen Dieselmotoren bald reihenweise lahmgelegt werden könnten. Denn wegen der gestiegenen Gaspreise drosseln immer mehr Hersteller ihre Produktion des Abgasreinigers AdBlue. Ohne den dürfen neuere Dieselfahrzeuge nicht mehr fahren. Nun gibt es Berichte über erste Lieferengpässe, die Logistikbranche warnt gar vor Flottenstilllegungen und einem "drohenden Versorgungskollaps".

Lilli Hiltscher

Schon Mitte Oktober hatte der Güterverkehrsverband (BGL) vor den Folgen eines Mangels gewarnt, in der vergangenen Woche forderte der Verband die Politik zum Handeln auf: "Um kurzfristig Marktstabilität zu wahren, bedarf es flankierender Maßnahmen von Seiten der Politik, sowohl beim Kraftstoffpreis als auch bei der AdBlue-Herstellung", sagte Vorstandssprecher Dirk Engelhardt.

Was ist AdBlue?

Neuere Dieselautos, Lkw oder Busse brauchen neben dem Kraftstoff regelmäßig den Zusatz AdBlue zur Abgasreinigung, der sich in einem zusätzlichen Tank befindet. Bei einem leeren Tank lassen sich die Fahrzeuge nicht starten.

AdBlue ist eine Lösung aus destilliertem Wasser und Harnstoff. Sie wird bei Autos mit dem sogenannten SCR-System ("Selective Catalytic Reduction") vor dem Katalysator in die Abgasanlage eingespritzt. Durch die Hitze der Abgase wird die Harnstofflösung zersetzt - und Ammoniak entsteht. Dieses reagiert im Katalysator mit den Stickoxiden: Die gefährlichen Schadstoffe werden größtenteils zu Wasserdampf und ungefährlichem Stickstoff umgewandelt.

Beispielsweise bei Lkw der Abgasnorm Euro V und VI ist ein SCR-Katalysator mit AdBlue seit vielen Jahren vorgeschrieben. Auch bei neuen Diesel-Pkw ist die Technik heute Standard. Je nach Größe des Tanks reicht der AdBlue-Vorrat zwischen 5000 und 15.000 Kilometern. Viele Fahrer von Dieselautos müssen den Zusatz also nur ein- bis zweimal pro Jahr nachtanken.

Brief an den Minister

"Die Lieferketten wären damit akut gefährdet, die Versorgung der Bevölkerung mit Waren und Dienstleistungen nicht mehr sicher", heißt es in einem Brief des BGL und des Bundesverbands Deutscher Omnibusunternehmer (BDO) an den geschäftsführenden Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier. Der Verband warnt, dass bei einem bundesweiten Mangel an AdBlue 90 Prozent der Lkw-Transporte nicht mehr stattfinden könnten.

Der geschäftsführende Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer zeigte sich von den Warnungen der Transportbranche alarmiert: "Wir haben die Lage genau im Blick und nehmen die Warnungen der Logistiker sehr ernst", sagte er dem "Handelsblatt". "Oberstes Ziel muss es sein, unsere Lieferketten weiter am Laufen zu halten."

Wie Filter mit AdBlue funktionieren

Bei der SCR-Technologie werden die Stickoxidemissionen, die während des Verbrennungsprozesses im Dieselmotor entstehen, anschließend in einem Katalysator in elementaren Stickstoff und Wasser umgewandelt.

"Fast alle Diesel-Lkw fahren mit AdBlue"

Allerdings relativierte der BGL auf Anfrage von tagesschau.de: "Noch musste kein Lkw wegen einem Mangel an AdBlue stehen bleiben." Martin Bulheller vom Güterverkehrsverband sagte, es sei nicht klar, ob es tatsächlich zu einem Stillstand in der Branche kommen werde - beziehungsweise wann eine solche Situation eintreten könnte. "Wir wissen aber von Mitgliedsunternehmen der Logistikbranche, dass ihre bestellten Mengen teilweise nicht geliefert werden können und Neukunden von AdBlue-Produzenten abgewiesen werden", so der BGL-Sprecher. Darauf habe man aufmerksam machen wollen, bevor es ein Problem werde.

Der ADAC-Experte Cornelius Blanke hält es für unrealistisch, dass die Hersteller des für Dieselfahrzeuge wichtigen Zusatzstoffes einen extremen Versorgungsengpass tatsächlich entstehen lassen: "Vor allem auf westeuropäischen Straßen fahren mittlerweile fast alle Diesel-Lkw mit AdBlue. Darum könnte sie ein Mangel durchaus hart treffen. Allerdings wissen die Hersteller bereits um den Mangel und werden sicher ihre Hausaufgaben machen, damit es nicht soweit kommt."

Hersteller warnt vor Produktionsstopp

Hauptgrund für den Mangel an AdBlue ist das teure Gas. Für die Herstellung des Abgasreinigers wird aus Erdgas und Luft zunächst Ammoniak und Kohlendioxid gewonnen - die Ausgangsstoffe für die Herstellung von AdBlue. Wegen der stark gestiegenen Gaspreise und dem notwendigen Kauf von CO2-Zertifikaten ist eine rentable Produktion von Ammoniak für viele Hersteller aber immer schwieriger.

Der größte Ammoniak-Hersteller in Deutschland, die Stickstoffwerke Piesteritz aus Wittenberg, hat deshalb seine Produktion weiter gedrosselt, ebenso wie weitere große europäische Konzerne wie Yara und BASF. "Ohne staatliche Maßnahmen droht in Kürze ein Produktionsstopp. Die Konsequenzen werden sich auf weiterverarbeitende Industrien, die Logistik und die deutsche Landwirtschaft auswirken", sagte Geschäftsführer der SKW Piesteritz, Petr Cingr. Neben der Logistikbranche ist die Landwirtschaft von dem Ammoniak-Engpass betroffen, da die Chemikalie auch ein wichtiger Grundstoff zur Produktion von Düngemitteln ist.

ADAC rät von Bevorratung ab

Der ADAC weist darauf hin, dass Lieferengpässe theoretisch auch Privatpersonen treffen könnten: "Von einer AdBlue-Knappheit wären zahlreiche Fahrer von Diesel-Pkw der Abgasnormen Euro V und vor allem Euro VI betroffen. Seit 2018 wurden praktisch alle Diesel mit AdBlue verkauft. Das dürften seitdem maximal fünf Millionen Autos sein", so Cornelius Blanke.

Der Experte warnt allerdings auch vor Panikmache: "Es ist wichtig, auf die Verknappung hinzuweisen, aber vor allem Privatpersonen brauchen sich bei der derzeitigen Lage keine Sorgen zu machen." Darum rät der Verband auch von Vorratskäufen ab. Die Industrie müsse auch bei hohen Gaspreisen eine Versorgung mit AdBlue sicherstellen, so Blanke.

Panikkäufe in Südkorea

Zu Hamsterkäufen ist es in anderen Ländern bereits gekommen. So berichtet die Nachrichtenagentur Reuters von Lkw-Schlangen vor Zapfsäulen in Südkorea. Bislang kamen praktisch sämtliche Harnstoff-Importe des Landes allerdings aus China. Und dort ist im vergangenen Monat de facto ein Exportstopp verhängt worden. Südkoreas Staatspräsident Moon Jae-in hat der Logistikbranche inzwischen Hilfe versprochen. Eine Militärmaschine soll 27.000 Liter Harnstofflösung aus Australien einfliegen.

Die Liefersituation in Deutschland erscheint dagegen noch vergleichsweise stabil. So verweisen große Tankstellen-Betreiber darauf, dass sie wegen entsprechender Lieferverträge bislang nicht von einem Mangel betroffen seien.