Fläschchen für Impfdosen des Vakzins von BioNTech/Pfizer | dpa
Hintergrund

Corona-Vakzine Was die Impfstoff-Produktion bremst

Stand: 14.06.2021 08:11 Uhr

Noch immer ist Corona-Impfstoff in Deutschland knapp. Dabei läuft die Produktion der Vakzine seit Monaten auf Hochtouren. Was macht die schnelle Herstellung in großen Mengen so schwierig?

Von David Zajonz, WDR

In der Theorie darf sich in Deutschland seit einer Woche jeder impfen lassen, der es möchte. In der Praxis, genauer gesagt in der Arztpraxis, bekommen viele Impfwillige aber immer wieder die gleiche Auskunft: "Wir würden Sie gerne impfen, aber wir haben leider nicht genug Impfstoff." In nordrhein-westfälischen Impfzentren finden wegen der Versorgungsengpässe zurzeit sogar überhaupt keine Erstimpfungen statt.

David Zajonz

Fast ein halbes Jahr nach Beginn der Corona-Impfkampagne in Deutschland ist Impfstoff noch immer knapp. Entsprechend groß ist der Frust vieler Menschen, die noch keine Impfung bekommen haben.

Bisherige Produktion "absolut sensationell"

Dennoch sei das Tempo bei der Impfstoff-Produktion enorm, findet Rolf Hömke vom Verband Forschender Arzneimittelhersteller (vfa). Normalerweise dauere es mehrere Jahre, einen neuen Impfstoff im großen Stil zu produzieren: "Gemessen an allen Erfahrungen früherer Impfstoff-Projekte ist es absolut sensationell, wie schnell die zusätzliche Produktion aufgebaut wurde", sagt Hömke.

Zur Verdeutlichung führt er zwei Zahlen an: Vor Corona wurden nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation weltweit pro Jahr gut fünf Milliarden Impfdosen hergestellt - gegen Tetanus, Masern und viele weitere Krankheiten. Auf der anderen Seite wurden im Kampf gegen Corona bis Anfang Juni bereits mehr als zwei Milliarden Impfdosen verabreicht.

Allein von dem in Deutschland am häufigsten genutzten Vakzin von BioNTech/Pfizer wurden nach aktuellen Unternehmensangaben bereits mehr als 700 Millionen Impfdosen produziert und weltweit ausgeliefert - bis Jahresende sollen es bis zu drei Milliarden sein.

Personal und Materialien fehlen

Dass es mit der Impfstoff-Produktion nicht noch schneller vorangeht, hat mehrere Gründe. Die Herstellung sei komplex, sagt Udo Reichl, Experte für die Produktion von Vektorimpfstoffen an der Universität Magdeburg. "Vektorimpfstoffe werden in Bioreaktoren produziert", erläutert er. "Der Aufbau einer neuen Produktionsanlage mit Bioreaktoren kann ein bis zwei Jahre benötigen." Daher lasse sich die Produktion nicht beliebig hochfahren.

Die Hersteller haben außerdem Schwierigkeiten, qualifiziertes Personal zu finden. Darüber hinaus mangelt es an Materialien, die für die Produktion gebraucht werden, so vfa-Sprecher Hömke. "Es fehlen beispielsweise Ersatzteile für die Produktionsanlagen, sterile Plastikhüllen und spezielle Chemikalien."

Besonders begehrt seien Lipide, also Fette, die für die mRNA-Impfstoffe gebraucht werden, sagt Hömke. "Ein großer Hersteller von Lipiden für Impfstoffe hat uns berichtet, dass er Anfang 2020 mit einer Nachfrage für einige Kilo dieser Lipide gerechnet habe. Jetzt kann er einige Tonnen davon verkaufen."

Pharmafirmen arbeiten zusammen

Um schneller produzieren zu können, gehen die Pharmaunternehmen ungewöhnlich viele Kooperationen ein. Prominentes Beispiel ist die Zusammenarbeit des kleinen Mainzer Forschungsunternehmens BioNTech mit dem US-Pharmariesen Pfizer. Der französische Hersteller Sanofi wiederum, dessen eigenes Impfstoff-Projekt ins Stocken geraten ist, will in seinem Frankfurter Werk bald den Impfstoff von BioNTech/Pfizer produzieren.

Ein weiteres Beispiel: BioNTech hat sein Werk in Marburg vom Schweizer Pharmahersteller Novartis übernommen - inklusive der Mitarbeiter. Neue Anlagen aufzubauen, dauere lange, erklärt Impfstoff-Experte Reichl. Bereits bestehende Produktionsanlagen umzubauen, sei hingegen wesentlich einfacher.

Sorge um ärmere Länder

Die gemeinsamen Anstrengungen der Pharmaunternehmen führen dazu, dass die Impfstoffknappheit hierzulande bald vorbei sein dürfte: "In Europa werden wir über den Sommer schrittweise eine Entspannung in der Versorgung mit Impfstoffen sehen", glaubt Reichl.

Sorgen macht ihm allerdings die Versorgung von ärmeren Ländern. "Ein Großteil der Weltbevölkerung hat noch kaum Zugang zu Impfstoffen. Wenn wir in Europa für die Impfung gegen neue Mutationen weitere Impfstoffe brauchen, stehen diese dann wiederum nicht für andere Länder zur Verfügung." Es könnte also passieren, dass Europäer und Nordamerikaner drei oder vier Mal geimpft sein werden, während Menschen in anderen Teilen der Welt noch auf ihre erste Spritze warten. Umso wichtiger sei es deshalb, so Reichl, weitere Impfstoff-Produktionen in ärmeren Ländern aufzubauen.​

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. Februar 2021 um 08:15 Uhr in einem Interview und am 26. April 2021 tagesschau24 um 16:00 Uhr.