Ugur Sahin (r) und Özlem Türeci bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes | EPA

BioNTechs Erfolgsgeschichte "Eine unbezahlbare Image-Kampagne"

Stand: 19.03.2021 06:34 Uhr

Sie sind Deutschlands berühmtestes Forscher-Paar und vom Erfolg ihrer Firma BioNTech profitiert die gesamte Branche. Nun haben Özlem Türeci und Ugur Sahin das Bundesverdienstkreuz verliehen bekommen.

Von Sandra Biegger, SWR  

An der Goldgrube: Dieses Mainzer Straßenschild wurde mittlerweile schon x-fach gefilmt und fotografiert. Hier befindet sich der Hauptsitz von BioNTech. Die Firma gibt es seit 2008, lange war sie nur Expertinnen und Experten ein Begriff. Doch im vergangenen Jahr hat sich das schlagartig geändert, nachdem die Firma einen Corona-Impfstoff entwickelt und dann gemeinsam mit dem US-Pharmagiganten Pfizer auf den Markt gebracht hatte. 

Alles auf die Corona-Impfstoffkarte gesetzt  

Schon Anfang 2020 hatte Ugur Sahin erkannt, dass sich Corona zu einer weltweiten Pandemie entwickeln wird - zu einem Zeitpunkt, als die meisten noch glaubten, die Krankheit werde auf unser Leben in Europa keinen Einfluss haben. Am 24. Januar entschied Sahin gemeinsam mit seiner Frau am Frühstückstisch, die Arbeit an den laufenden Forschungsprojekten auf Eis zu legen und die gesamte Kraft in die Entwicklung eines Corona-Impfstoffes zu stecken. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen anfangs dagegen gewesen sein, doch die Geschichte gibt Sahin Recht. BioNTech schaffte es, den Impfstoff BNT 162b2 in Rekordzeit auf den Markt zu bringen.  

Am Anfang stand die Krebsforschung 

Der Corona-Impfstoff von BioNTech arbeitet - wie auch der von Moderna - mit dem mRNA-Verfahren: Dabei wird dem Körper quasi ein Gebrauchsanweisung gespritzt, wie die Zellen selbst ein Protein herstellen können, das sonst eigentlich auf der Oberfläche des Coronavirus vorkommt. Gegen dieses Protein bilden die Zellen dann wiederum Antikörper.

Dieses mRNA-Verfahren funktioniert bei Viren, aber auch bei Krebszellen - dem eigentlichen Forschungsschwerpunkt von Türeci und Sahin, dem sie sich schon seit Jahrzehnten verschrieben haben. Beide Wissenschaftler haben mit den Schwerpunkten Krebs und Immunsystem habilitiert; mit ihrem ersten, 2001 gegründeten Unternehmen Ganymed haben sie eine neue Therapie gegen Magen- und Speiseröhrenkrebs entwickelt.  

Jeder Krebspatient soll individuell behandelt werden  

Türeci und Sahin träumen davon, dass jede Krebspatientin und jeder Krebspatient eine individuelle Therapie bekommt - und das schnell und günstig. Damit will BioNTech die Tumorbehandlung weltweit grundlegend verändern. Derzeit hat das Mainzer Unternehmen nach eigenen Angaben elf Studien in den USA und Deutschland dazu laufen.  

David Beck aus der SWR-Wissenschaftsredaktion hält das Verfahren für erfolgsversprechend: "Die Idee, mit mRNA Krebs individuell zu behandeln, ist sehr spannend. Der Mechanismus dahinter ginge auch anders, zum Beispiel mit bestimmten Proteinen, aber mRNA ist viel einfacher und schneller herzustellen - das hat BioNTech im vergangenen Jahr  bewiesen." 

BioNTech setzt auf Immuntherapie  

Bislang lagen die Schwerpunkte von BioNTech auf Infektionskrankheiten und der Krebsforschung - mittelfristig will das Unternehmen nach eigenen Angaben aber weltweit führend in der Immuntherapie werden. Das mRNA-Verfahren soll dann auch bei Entzündungen, Autoimmunerkrankungen und regenerativen Therapien eingesetzt werden. Zu Beginn des Jahres haben Türeci und Sahin in der Fachzeitschrift "Science" berichtet, dass sie gemeinsam mit anderen Forscherinnen und Forschern das Voranschreiten der Autoimmunerkrankung Multiple Sklerose bei Mäusen aufhalten konnten - in einigen Fällen sei es sogar gelungen, durch die Krankheit ausgelöste Lähmungen rückgängig zu machen.

Im Moment arbeiten für BioNTech rund 1300 Menschen an neun Standorten. Sieben davon befinden sich in Deutschland, zwei in den USA. Medienberichten zufolge sitzt BioNTech derzeit an einer Strategie, in welchen Bereichen man weitere Partnerschaften eingehen will - wie zum Beispiel mit Pfizer bei der Herstellung und Vermarktung des Corona-Impfstoffes. Darüber hinaus kooperiert BioNTech bereits jetzt mit Firmen wie Siemens, Bayer Animal Health, Sanofi und Genentech, einem Unternehmen der Roche Gruppe.  

Eine Branche aus dem Nischendasein geholt

Aber BioNTech will auch weiter wachsen und - wenn es von der Firmenkultur her passt - Wettbewerber samt Personal übernehmen; wie im Mai 2020 die Firma Neon Therapeutics in Cambridge, Massachusetts. Der Standort ist mittlerweile der US-Hauptsitz von BioNTech. 

SWR-Wissenschaftsredakteur Beck glaubt, dass BioNTech gute Chancen hat, sich in den kommenden Jahren im Bereich Pharmazie als wichtigen Player zu etablieren. Dass die Mainzer Firma in die Riege der ganz Großen aufsteigt, glaubt er jedoch nicht. Im wichtigsten Markt, den USA, sei der Konkurrent Moderna, der ebenfalls mit dem mRNA-Verfahren arbeite, deutlich bekannter. Den Corona-Impfstoff aus Mainz bringe auch kaum jemand mit dem Namen BioNTech in Verbindung. Das Vakzin werde eher als Produkt aus dem Hause Pfizer gesehen.

Egal, wohin sich BioNTech noch entwickelt: Von der Erfolgsgeschichte des Unternehmens profitiere schon heute die ganze Biotechnologiebranche, sagt Oliver Schacht, Chef der deutschen Biotechnologie-Industrie-Organisation BIO. In Deutschland hätten zuvor viele Menschen Vorbehalte gegenüber der Biotechnologie gehabt. Dass BioNTech den ersten Corona-Impfstoff auf den Markt bringen konnte, sei eine unbezahlbare Imagekampagne gewesen. Und die Geschichte zeige, dass man mit Biotechnologie auch richtig Geld verdienen könne - wenn man risikofreudig sei und einen langen Atem habe.

Über dieses Thema berichtete NDR 2 am 19. März 2021 um 11:00 Uhr in den Nachrichten.