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Tag des Erfinders "Aus der Not entstand das Tüfteltum"

Stand: 09.11.2020 14:28 Uhr

Bei den Patentanmeldungen liegt Deutschland im europäischen Vergleich an der Spitze. Besonders viele Erfindungen stammen aus Süddeutschland. Woher kommt dieser Erfindergeist?

Von Celine Jost, SWR

Eigentlich müsste Daniel Düsentrieb ein Schwabe sein. Denn dessen Motto "Dem Ingeniör ist nichts zu schwör" passt ziemlich gut in den Südwesten, wo die schwäbischen Düsentriebs seit Jahrhunderten an Erfindungen tüfteln, die bis heute unseren Alltag bestimmen: Vom Auto bis zur Motorsäge, von künstlicher Intelligenz bis zu alternativer Energiegewinnung. Deutschland habe keine Bodenschätze wie Gold, Diamanten oder Öl, sagt Werner Ruppert, Präsident des Deutschen Erfinderverbands. "Das Einzige, wovon Deutschland lebt, das ist 'Intellectual Property', unser geistiges Eigentum. Also Erfindungen."

Ruppert ist selbst leidenschaftlicher Tüftler. Vor 20 Jahren habe er das papierlose Büro erfunden, sagt er. Ihm und seinem Team sei es dabei in erster Linie darum gegangen, den Computer als Werkzeug einzusetzen und den Menschen zu unterstützen. Schnelle Arbeitsabläufe, so seine Vision damals, sollten die lästige Zettelwirtschaft ersetzen.

Süddeutschland bei Patenten vorne

Die meisten Erfindungen in Deutschland entstehen im Süden. Bayern und Baden-Württemberg liefern sich Jahr für Jahr ein Kopf-an-Kopf-Rennen. So gab es 2019 nach Angaben des Deutschen Patent- und Markenamts 67.437 Anmeldungen. 15.230 kamen dabei aus Baden-Württemberg, 14.064 aus Bayern.

Schild des Deutschen Patent- und Markenamts | Bildquelle: picture alliance/dpa
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Im vorigen Jahr gab es 67.347 Anmeldungen bei deutschen Patent- und Markenamt.

Doch warum gibt es im Südwesten die meisten Erfindungen? Reinhold Weber, Professor für geschichtliche Landeskunde an der Universität Tübingen, hat dafür eine Erklärung: Das Gebiet des heutigen Baden-Württemberg war lange Zeit eine landwirtschaftlich arme Region. Schlechte Erde bedeutet kleine Kartoffeln und somit eine schlechte Ernte. Den Schwaben blieb nichts anderes übrig, als sich etwas einfallen zu lassen. Sie begannen zu tüfteln. "Aus der Not entstand das Tüfteltum", sagt Weber. Die daraus erwachsene Mentalität der Menschen aus Süddeutschland sei von Generation zu Generation übertragen worden und verantwortlich dafür, dass der Süden noch immer zu den Regionen mit den meisten Erfindungen zählt, so Weber.

Erfindergeist und Wirtschaft

Ruppert glaubt, dass die Hartnäckigkeit der Süddeutschen die entscheidende Voraussetzung war, um innovativ zu sein. Im Norden sei das anders gewesen. Dort habe es Kohle und sehr viel Reichtum gegeben. Dennoch gebe es natürlich auch überzeugende norddeutsche Erfindungen, meint Ruppert augenzwinkernd. Etwa bei der Gewinnung erneuerbarer Energie durch Windräder, eine Kernkompetenz der Norddeutschen, wo der Wind stärker bläst als gewöhnlich im Süden. Dennoch: Die dichte Infrastruktur und Ballung der wirtschaftlichen Aktivität des Südens begünstige das Erfindertum.

Nicht selten kommen Erfindungen deshalb aus großen Unternehmen. Til Huber, Sprecher des Deutschen Patent- und Markenamts in München, erklärt sich so die hohe Zahl der Patentanmeldungen im Süden Deutschlands: "Die große Masse an Erfindungen kommt aus Entwicklungsabteilungen großer Technologierunternehmen zum Beispiel der Automobilindustrie, die sich hauptsächlich im Süden konzentrieren."

Freelancer-Düsentriebs

Trotzdem gibt es auch sie noch: Die unabhängigen Geister, die "Freelancer"-Düsentriebs, die sich als freie Erfinder ohne großes Unternehmen oder finanzielle Unterstützung im Rücken den Freuden des kreativen Tüftelns hingeben. Durchaus mit Erfolg: Beispiele sind Stadtpläne mit handlicher Faltung, neuartige Fußballschuhe mit Schraubstollen und die unverzichtbaren Spreizdübel - allesamt Erfindungen, die nicht aus der Entwicklungsabteilung eines Unternehmens, sondern von freien Erfindern angemeldet wurden.

Bayern ist in der freien Erfinderszene zwar noch immer Spitzenreiter, aber dicht dahinter folgt Nordrhein-Westfalen. "In Sachen freie Entwickler ist zum Beispiel auch NRW sehr stark", sagt Patentamtssprecher Huber. "Man kann also sagen dass es Erfindergeist nicht nur im Süden, sondern allen Teilen Deutschlands gibt."

Erfindungen wieder im Trend

Vor allem mit der Wiedervereinigung Deutschlands sei ein steiler Anstieg von Patentanmeldungen verzeichnet worden, so Huber. Danach stagnierte die Zahl der Anmeldungen jahrelang. Doch schaut man auf die Statistiken der vergangenen Jahre, ist - besonders seit 2010 - in allen Bereichen wieder ein Anstieg an Patentanmeldungen zu verzeichnen.

"Deutschland ist Erfinderland", sagt Verbandspräsident Ruppert. Der 79-jährige Diplom-Ingenieur erfindet nicht nur selbst, sondern unterstützt in seinem Verband Erfinder zwischen 16 und 80 Jahren. Über Ideen sprechen, vernetzen und sich gegenseitig unterstützen - das alles gehöre zum Prozess einer Erfindung dazu, sagt er. In den vergangenen Jahren geht es dabei meist um künstliche Intelligenz oder alternative Energiegewinnung. "Die meisten Sachen sind noch nicht erfunden. Vor allem in Sachen künstliche Intelligenz."

Auch wenn die meisten Erfindungen von Männern angemeldet werden, sind es immer wieder Frauen, die die entscheidende und zündende Idee haben. So auch Hedy Lamarr, eigentlich Filmschauspielerin, die das Frequenzsprungverfahren erfunden hat. Diese für eine Schauspielerin ungewöhnliche Erfindung war der Durchbruch in der Funktechnologie. Ihr Geburtstag, der 9. November, wurde zum Tag der Erfinder erklärt.

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Celine Jost, SWR

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