Ferdinand Dudenhöffer zur GM-Entscheidung
Interview

Autoexperte Dudenhöffer im Interview "Die Strategie mit dem höchstmöglichen Risiko"

Stand: 04.11.2009 13:40 Uhr

Es kommen Monate der Unsicherheit auf Opel und den Mutterkonzern GM zu, meint Autoexperte Dudenhöffer im EinsExtra-Interview. Die Entscheidung, Opel doch nicht zu verkaufen, sei die "Strategie mit dem höchstmöglichen Risiko". GM hätte sich auf die Probleme im Heimatland USA konzentrieren sollen.

EinsExtra: Was war Ihre erste Reaktion, als Sie die Nachricht von dieser Kehrtwende gehört haben?

Ferdinand Dudenhöffer: Völliges Unverständnis und Überraschung, wie es wohl allen gegangen ist. Keiner hat mit dieser Kehrtwende gerechnet, die General Motors sich da über Nacht überlegt hat. Wir sind alle, wenn man das so offen und ehrlich sagen darf, baff.

EinsExtra: Was bedeutet diese Entscheidung für Opel?

Dudenhöffer: Dass jetzt sehr schwierige Zeiten auf Opel zukommen, aber auch auf General Motors. Denn GM spielt eine Strategie, die mit einem höchstmöglichen Risiko verbunden ist. Man wäre besser beraten gewesen, wenn man sich auf den Schwerpunkt USA konzentriert und dort das Unternehmen saniert hätte. Dort hat GM ein schwaches Händlernetz, sehr schwache Marken und Produkte, die erneuert werden müssen. Gleichzeitig ist der Konzern in China gut unterwegs. Wenn man die beiden Dinge richtig gemacht hätte, hätte man mehr erreicht, als wenn man jetzt versucht, drei Dinge gleichzeitig zu machen. Der europäische Markt ist der intensivste Markt den wir kennen. Hier hat GM in den letzten zehn Jahren nur Verluste gemacht. Das System GMs, Produktentscheidungen zu treffen, die weit weg liegen von der Realität, hat dazu geführt, dass Opel heute da steht, wo es steht. Deshalb ist es sehr wenig verständlich, wie GM Amerika und gleichzeitig die ganz große Baustelle Europa für sich positiv nach vorne bringen will.

EinsExtra: Was könnte dann aus Sicht von General Motors das entscheidende Kriterium dafür gewesen sein, dass es jetzt zu dieser Entscheidung kam?

Dudenhöffer: Die führenden Manager hatten sich ja gegen das Verbleiben von Opel bei GM ausgesprochen und für den Verkauf. Gekippt ist diese ganze Geschichte im Aufsichtsrat, oder im Verwaltungsrat, wie es bei General Motors heißt. Dieser Verwaltungsrat ist zusammengesetzt aus Obama-Leuten, Obama-Abgeordneten, die vorher überhaupt nichts mit der Automobilindustrie zu tun hatten, die aus anderen Branchen kommen, die auch Europa nicht kennen, die das Autogeschäft in Europa nicht kennen. Dort hat man jetzt einen oder zwei Monate mal ein bisschen bessere Verkaufszahlen in Amerika gesehen und glaubt jetzt, man könnte schon die Welt damit ändern. Also eine völlige falsche Einschätzung von den Verwaltungsratsmitgliedern in Amerika, die in der Automobilindustrie in der Vergangenheit wenig Erfahrungen gesammelt haben.

EinsExtra: Stärkt oder schwächt so eine Entscheidung das Opelgeschäft?

Dudenhöffer: Die Entscheidung schwächt das Opelgeschäft natürlich sehr stark. Sie wird auch Auswirkungen auf die Marke haben. Jetzt weiß man ja überhaupt nicht, wie es weitergeht. Es existiert angeblich ein Restrukturierungsplan, das ist so eine kleine Blaupause, auf der draufsteht, welche Werke geschlossen werden sollen. Diese Gespräche werden jetzt in den nächsten Wochen und Monaten geführt. Dann will man mit der Bundesregierung reden, damit man Kredite erhält. Das wird aussichtslos sein, aber es wird Zeit verbrauchen. Das heißt, die Mitarbeiter werden in den nächsten zwölf Monaten in höchster Unsicherheit leben, denn die Mitarbeiter wissen, dass mehr als 11.000 Arbeitsplätze europaweit abgebaut werden. Und sie gehen auch davon aus, dass einige Fabriken geschlossen werden.

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