Wafer Produktion bei Infineon

Infineon-Werk in Villach Neue Chips für Europa?

Stand: 19.09.2021 23:42 Uhr

Der Halbleitermangel bremst seit Monaten die Autobranche und andere Teile der Industrie. Die EU sucht händeringend nach neuen Produktionskapazitäten. Heute eröffnet Infineon in Österreich ein neues Werk. Reicht das?

Die meisten Menschen verbinden mit Kärnten Urlaub am Wörthersee oder auf den Skipisten der Gerlitzen. Nun wird das kleine Bundesland im Südosten Österreichs zum neuen Hoffnungsträger der Autoindustrie. Denn in Villach - am Dreiländereck zwischen Österreich, Italien und Slowenien - wird heute ein neues Chipwerk von Infineon eröffnet. Es soll den Halbleiter-Mangel der Autoindustrie lindern.

Die Werkseröffnung kommt genau zur richtigen Zeit angesichts des grassierenden Chip-Mangels. "Das Timing könnte nicht besser sein", sagte Infineon-Produktionsvorstand Jochen Hanebeck bei der Eröffnungszeremonie, "Die Kunden reißen uns derzeit die Chips aus der Hand."

Infineon-Werk früher als geplant fertig

Als Mitte 2018 die Entscheidung für das 1,6 Milliarden Euro teure Werk getroffen wurde, "wurden wir noch belächelt, und jetzt wollen alle bauen", erklärte Infineon-Österreich-Chefin Sabine Herlitschka. Nach zwei Jahren Bauzeit geht die neue Fabrik nun sogar drei Monate früher als geplant in Betrieb. Ein Grund: Selbst im Corona-Lockdown konnten die Bauarbeiten unter speziellen Bedingungen fortgesetzt werden.

Die neue Chipfabrik ist voll automatisiert. Bis zu 600 Maschinen fertigen die Chips auf so genannten Wafern, hauchdünnen Silizium-Scheiben mit einem Durchmesser von 300 Milimetern. Mitarbeiter dürfen den so genannten reinraum nur nach einer Luftdusche und mit Sicherheitsanzug betreten. Die Luft ist sauberer als in einem Operationsaal einer Klinik.

Wichtiger Beitrag zur Energiewende

Mit dem neuen Werk will Infineon vor allem die Elektromobilität beschleunigen. Die Fabrik kann theoretisch jährlich gut 25 Millionen Elektroautos mit Leistungshalbleiter ausstatten. Die Halbleiter sollen aber auch in Rechenzentren sowie für Solar- und Windenergie-Anlagen zum Einsatz kommen. Mit den Mengen, die in Villach hergestellt werden, ließen sich so viele Photovoltaikanlagen bestücken, dass diese mehr als 300 konventionelle Kraftwerke ersetzen können, erklärte Infineon-Chef Reinhard Ploss bei der Eröffnung des Werks.

Die neuen Leistungshalbleiter sind besonders energiesparend und sollen einen wichtigen Beitrag zur Energiewende liefern. "Kein Windrad, keine Photovoltaik-Anlage und kein E-Auto sind ohne Infineon-Chips denkbar", prahlte Infineon-Chef Ploss bei der Eröffnung. Allein bei der VW-ID-Familie hat der Münchner Chipkonzern 50 Komponenten verbaut.

Ende der Chipflaute frühestens 2022

An der weltweiten Knappheit von Chips dürfte aber auch die neue Anlage von Infineon vorerst wenig ändern. Schließlich werden in Villach Leistungshalbleiter gefertigt und nicht die in der Autoindustrie händeringend benötigten Mikroprozessoren. Erst 2022 rechnen die Autohersteller mit einer Normalisierung. Daimler-Chef Ola Källenius geht sogar erst 2023 von einer Entspannung der Lage aus. Alleine in diesem Jahr dürften wegen der fehlenden Chips gut fünf Millionen Autos weniger gebaut werden.

Mitschuld am Hableiter-Mangel ist die Autobranche selbst. Sie hatte in der Corona-Krise die Bestellungen bei Halbleiterherstellern heruntergefahren. Stattdessen orderte die IT-Industrie mehr Halbleiter, um den wachsenden Bedarf nach Tablets, Notebooks, Spielkonsolen und Software im Homeoffice zu stillen. Als der Automarkt wieder ansprang, waren die Kapazitäten bereits andersweitig vergeben. Nun fehlen den meisten Autoherstellern die Chips - mit Ausnahme von Tesla.

Produktionsstopps in Japan und Malaysia

Die Chipkrise wurde verschärft durch Produktionsstopps in Fabriken. So gab es in einem japanischen Chipwerk von Renesas einen Brand. Und seit August ist die Produktion in den malaysischen Chipwerken lahmgelegt - wegen Lockdowns nach neuen Corona-Ausbrüchen.

Dabei rächt sich, dass sich die führenden Chip-Giganten allesamt in Asien befinden. Weltmarktführer TSMC hat seinen Sitz in Taiwan. Die Nummer Zwei der Branche, Samsung, kommt aus Südkorea.

EU will sich unabhängiger von Asien machen

Um sich von dieser Abhängigkeit von Asien zu befreien, versucht EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton seit Monaten, die Produktionskapazitäten in Europa auszubauen. Brüssel träumt von einem "Airbus of Chips". Bis 2030 soll Europa möglichst ein Fünftel der benötigten Chips auf dem Alten Kontinent herstellen, hat Breton als Ziel ausgegeben.

Davon ist man momentan noch weit entfernt. Der Anteil der EU am weltweiten Chipmarkt beträgt zurzeit noch weniger als zehn Prozent. Unter den zehn größten Chipherstellern kommt nur ein Unternehmen aus Europa: Infineon.

USA und China liefern sich Chip-Investitionsduell

Europa könnte in naher Zukunft noch mehr abgehängt werden, weil sich die USA und China einen Milliardenwettstreit um Chip-Investitionen liefern. US-Präsident Joe Biden will mit gut 52 Milliarden Dollar die heimische Chipfertigung ankurbeln. China plant sogar 1,4 Billionen Dollar an Förderprogrammen für Technologien wie die Chipbranche.

Zwar hat die EU nun auch ein "Europäisches Halbleitergesetz" angekündigt, um die Industrie anzukurbeln. Doch das lange schon beschlossene neue EU-Chip-Förderprogramm ist immer noch nicht umgesetzt. Die Industrie verliert allmählich die Geduld. "Die Lücke zwischen Ankündigungen und Umsetzung ist zu groß", moniert der Branchenverband Silicon Saxony. "Wir brauchen auf EU-Ebene dringend mehr Tempo und Verlässlichkeit." Auch Infineon-Chef Ploss ist unzufrieden mit der EU und hadert über die "kontraproduktive Kooperationspolitik" in der Chipbranche.

Intel will Mega-Fabrik in Europa bauen

Immerhin liebäugeln nun auch die Chip-Giganten mit Werken in Europa. Intel will dort eines seiner acht großen Chip-Mega-Fabriken bauen. Dafür investiert der Halbleiter-Gigant 80 Milliarden Euro. Allerdings seien bis zu 24 Milliarden Euro an staatlichen Subventionen nötig. Bis Ende des Jahres wird Intel entscheiden, für welchen europäischen Standort er sich entschieden hat.

Selbst Weltmarktführer TSMC erwägt den Bau seiner ersten Fabrik in Europa. Deutschland werde als Standort ernsthaft geprüft, sagte unlängst der Chef des weltgrößten Auftragsfertigers.

Dabei könnten europäische Hersteller wie Infineon auch eine Zusammenarbeit mit den Chip-Giganten eingehen. "Es ist logisch über Kooperationen nachzudenken", sagte Infineon-Chef Ploss bei der Eröffnung des neuen Werks in Villach. Selbst wenn Infineon dabei eine Junior-Rolle einnehme, sei das nicht so wichtig.

Europas Chip-Metropole ist Dresden

Zuletzt haben Bosch und Infineon die europäische Chip-Produktion ausgebaut - in Dresden. Die sächsische Metropole entwickelt sich zum führenden europäischen Halbleiter-Standort. Globalfoundries betreibt in "Silicon Saxony" das bislang größte Chipwerk Europas mit gut 3000 Mitarbeitern.

Die Chiphersteller kommen der rasant gestiegenen Nachfrage nicht hinterher. Die französisch-italienische STMicroelectronics wird in diesem Jahr maximal gut 70 Prozent der Aufträge abarbeiten können. Zwar laufen die Fabriken auf Hochtouren, aber die Halbleiter können nur mit Verzögerung ausgeliefert werden. "So etwas hat noch keiner von uns erlebt", sagt Georg Birkmaier von Globalfoundries.

Auch Infineon-Konzern, der das meiste Geschäft mit Autochips macht, spürt die Flaute. "Die Vorräte sind auf einem historischen Tiefstand", sagte unlängst Vorstandschef Reinhard Ploss. "Die Lieferschwierigkeiten bleiben allgegenwärtig, wir kämpfen um jeden zusätzlichen Wafer."

Pwc: Erholung des Chipmarkts wird sich verzögern

Die Unternehmensberater von Pwc Strategy& glauben nicht an eine Erholung des Chipmarkts im nächsten Jahr für die Autoindustrie. Der Ausbau der Chip-Produktionsanlagen dauere bis zu zwei Jahre, die Errichtung neuer Werke gar fünf Jahre. Zudem sei die Autobranche in einer schwachen Verhandlungsposition. Verglichen mit der ITK-Branche seien die Autohersteller nur ein kleiner Kunde. Der Weltmarktführer TSMC beispielsweise mache mit der Autobranche gerade mal rund drei Prozent seines Umsatzes.

Die Autohersteller müssten daher dringend eine Chip-Strategie entwickeln, und enge Partnerschaften mit Halbleiterherstellern suchen, rät Pwc Strategy&-Experte Marcus Gloger. Wegen der zunehmenden Nachfrage nach E-Autos und Assistenzsystemen wächst der Bedarf nach Chips. "80 Prozent aller Innovationen im Auto basieren auf Software", sagt Gloger. "Ohne Halbleiter auch keine Software." Der Halbleiterbranche prophezeit Experte Gloger rosige Zeiten. Bisher habe es immer einen Zyklus mit Aufs und Abs geben. Dieser scheint nun unterbrochen.

IHRE MEINUNG

KOMMENTARE

Avatar
friedrich peter peeters 17.09.2021 • 18:05 Uhr

16.13 Forfuture - Der Staat muss anschieben.

"Wirtschaft,Bürger,Politik all diese Teile gemeinsam bilden den Staat, warum also tut man immer so, als wären es unvereinbare Gegner". Vollkommen Ihre Meinung. Leider bekämpfen die sich oft bis aufs Messer. Ja, in Amerika ist das nicht immer so. Da sieht man öfters die gemeinschaftliche Herausforderung. Und leider ist es so bei uns das das geld für neue Entwicklungen NUR für die ganz Grossen fliesst. Aber sehen wir mal den medizinischen Bereich , es war ein deutscher Newcomer der sich durchsetzte gegen die Schweizer, Französischen, Chinesischen, Japanischen, und Russischen Elefanten. Wie oft verschwinden nicht beachtenswerte Entwicklungen in den Schubfächer der Multis, aufgekauft für einige Cents unter dem Motto ja keine Konkurrenz. Das ist doch unser Problem. In dieser Monopol-Gesellschaft ist kein Platz mehr. Der Kapitalismus frisst sich selber.