Interview

US-Wirtschaft Was wird aus den Wahlversprechen?

Stand: 27.08.2007 05:50 Uhr

Neben dem Irak-Kurs und dem Kampf gegen den Terrorismus war die Wirtschaft das dritte große Thema bei der US-Wahl 2004. tagesschau.de befragte dazu Mark M. Zandi, er ist Chefökonom beim Fachmagazin economy.com.

tagesschau.de: Auf welche wirtschaftlichen Bedingungen sollte sich Präsident George W. Bush in seiner nächsten Amtszeit vorbereiten?

Zandi: Wir rutschen in den USA vermutlich im nächsten Jahr in eine milde Rezession; das heißt, in den ersten beiden Quartalen rechne ich mit einem leichten Negativwachstum.

tageschau.de: Der Binnennachfrage ist in Ihrem Land die wichtigste wirtschaftliche Kraft. Wie geht es den privaten US-Haushalten?

Zandi: Die Privathaushalte haben sich etwas von der schlechten Situation vor vier Jahren erholt, als die Börsenblase platzte. Aber etwa die Hälfte hat immer noch weniger reales Einkommen als 2000. Trotz Wirtschaftswachstum gibt es wenig neue Jobs und die Löhne steigen langsamer als zuvor. Zweistellig gewachsen ist eigentlich nur die Verschuldung der privaten Haushalte.

tagesschau.de: Welche Rolle spielt der hohe Ölpreis?

Zandi: Die Energiekrise ist der letzte von vier wirtschaftlichen Schocks, denen die USA seit 2000 ausgesetzt waren. Vorher war es der Irak-Krieg, davor der 11. September und wieder davor der Börsencrash, der nicht nur viele Dotcoms vernichtete, sondern auch die Werte von privaten Anlegern.

tagesschau.de: In den letzten Monaten war immer wieder der Ölpreis Anlass zur Sorge. Wie teuer darf das Öl werden, bevor es ernsthafte Folgen für das Wachstum der US-Wirtschaft hat?

Zandi: Ich sehe die Schmerzgrenze bei 50 Dollar pro Barrel. Das würde unser Wirtschaftswachstum unter drei Prozent drücken, wir müssten weiter Arbeitsplätze abbauen. Ab 70 Dollar pro Barrel werden wir wegen der hohen Energiepreise wirtschaftlich schrumpfen – und viele Jobs verlieren.

tagesschau.de: Kann es sich der Staat in einer solchen Lage eigentlich leisten, die Steuererleichterungen für die Wohlhabenden aus der ersten Amtszeit Bushs aufrecht zu erhalten?

Zandi: Diese Steuererleichterungen nutzen den Reichen – und schaffen in der Tat sehr große Probleme. Das Staatsdefizit wird unaufhaltsam anwachsen, wenn es da keine Änerdungen gibt. Man muss fairerweise sagen, dass auch kleine und mittlere Einkommen steuerlich entlastet wurden. Aber hier hat sich der Einmaleffekt schnell abgenutzt. Ein weiteres dringendes Problem sehe ich in den hohen Ausgaben des Staats für Sozialversicherung und Krankenkassen. Das ist kaum zu bezahlen.

tagesschau.de: Hier hat Bush eine Teilprivatisierung angedeutet.

Zandi: Der einzige Weg, um das Problem einzudämmen.

tagesschau.de: Was halten Sie von Bushs geplanten hohen Ausgaben für Sicherheit und Bildung?

Zandi: Ich denke, die Pläne sind falsch. Nach meiner Ansicht handelt es sich um reinen Wahlkampf. Diese Ausgaben werden so nicht kommen, da bin ich mir sicher.

Die Fragen stellte Christian Radler, tagesschau.de