Heck einer Lufthansa-Maschine
Interview

Spitzentreffen im Tarifstreit "Lufthansa-Gipfel muss Perspektive liefern"

Stand: 02.12.2015 05:01 Uhr

Bei Lufthansa tobt ein heftiger Tarifkonflikt. Für heute hat der Konzern die Gewerkschaften zum "Jobgipfel" eingeladen. ARD-Luftfahrtexperte Michael Immel erklärt im tagesschau.de-Interview, was das Treffen bewirken soll - und worum es in dem Streit geht.

tagesschau.de: Lufthansa hat die Gewerkschaften UFO und ver.di sowie die Vereinigung Cockpit (VC) zum Jobgipfel eingeladen, um mit ihnen über die Sicherheit von Arbeitsplätzen und Versorgungsfragen zu sprechen. Wo steht der Konzern in den Tarifverhandlungen?

Michael Immel: Monatelang war der Eindruck: Der Tunnel wird immer länger. Jetzt gibt es Licht am Horizont! Für den Hoffnungsschimmer hat ver.di gesorgt. Überraschend und fast geräuschlos hat die Gewerkschaft vor ein paar Tagen eine Tarifeinigung mit der Lufthansa erzielt. Dabei geht es um 30.000 Beschäftigte der sogenannten Bodendienste. Auf der einen Seite gibt es ein ordentliches Lohnplus, auf der anderen Seite ist auch das Thema Altersversorgung geregelt worden - all das ohne einen Streiktag.

Ver.di stellt heraus: Es gibt für die Mitarbeiter keine Abstriche bei der Rente. Und aus dem Lufthansa-Management heißt es: Das ist der Einstieg in wettbewerbsfähige Kostenstrukturen. Ungewöhnlich ist die lange Laufzeit des neuen Tarifvertrags. Dieser gilt nämlich von April 2015 bis Ende Dezember 2017.

Michael Immel
Zur Person

Michael Immel arbeitet beim Hessischen Rundfunk. Er ist ARD-Luftfahrtexperte und beobachtet die Entwicklung in der Branche seit vielen Jahren.

tagesschau.de: Was heißt das für die Lufthansa-Beziehungen zu den anderen Tarifpartnern?

Immel: So viel Planungssicherheit wünscht sich Lufthansa auch von den anderen beiden Tarifparteien. Aber das ist längst nicht ausgemacht. Dennoch erscheint der Tarifpoker zwischen UFO und Lufthansa - nach dem bislang größten Ausstand in der Geschichte der Lufthansa - leicht entschärft. Einen wesentlichen Beitrag hat dazu der Vorstandsvorsitzende Carsten Spohr geliefert. Er hat sich in den festgefahrenen Tarifstreit persönlich eingeschaltet. Das allein war schon ein wichtiges Signal.

Auch wenn es noch keinen Durchbruch bei den Tarifgesprächen für die 19.000 Kabinenmitarbeiter der Lufthansa gibt. Wenigstens konnten sich beide Tarifparteien auf Eckpunkte verständigen. Und es gibt mit Matthias Platzeck einen Schlichter im zweiten Anlauf, der nun die Gewerkschaft der Flugbegleiter und die Lufthansa bei der Lösung des Konflikts betreuen soll. Ein erstes Schnuppergespräch gab es schon.

Streikende Lufthansa-Flugbegleiter

Die Flugbegleiter legten die Arbeit für eine Woche nieder.

tagesschau.de: Bleibt noch der ungelöste Tarifstreit mit den Piloten...

Immel: An dieser Tariffront ist es seit Monaten sehr ruhig. VC hatte in den beiden zurückliegenden Jahren dreizehn Mal zum Streik aufgerufen, ergebnislos. Schließlich mussten die Piloten dann eine schmerzliche Niederlage vor dem Hessischen Landesarbeitsgericht einstecken. Das Streikziel, die Verhinderung der Billigtochter Eurowings, darf nach dem Urteil nicht mehr genannt werden.

Daher verhandelt die VC jetzt strikt zum Tarifthema Übergangsversorgung für die 5400 Piloten bei Lufthansa, Germanwings und Lufthansa Cargo. Bislang ohne Ergebnis.

tagesschau.de: Welche Themen stehen im Mittelpunkt des Tarifstreits mit den verschiedenen Gewerkschaften?

Immel: Offiziell geht es in den Tarifgesprächen um zwei Themen: um eine Lohnrunde, die in allen Fällen als völlig unproblematisch anzusehen ist. Und es geht um die Neuregelung der Altersversorgung. Da handelt es sich um eine Frührente, die die Lufthansa Übergangsversorgung nennt.

Das ist eine Altlast aus den 60er-Jahren, als der Konzern noch ein Staatsbetrieb war. Damals sahen die Tarifverträge eine Altersgrenze von 55 Jahren für fliegende Mitarbeiter vor. Und so musste die Versorgungslücke bis zum frühestmöglichen Rentenbeginn geschlossen werden. Piloten durften damals gar nicht bis zur gesetzlichen Rente fliegen. Die Reform des Systems ist überfällig, die Materie äußerst komplex. Und es geht um Milliardenbeträge für die Lufthansa.

tagesschau.de: Die Lufthansa steht auch von außen stark unter Druck...

Immel: All das geschieht in einer Zeit, in der der Konzern grundlegend umgebaut wird. Die Konkurrenz in der Branche ist brutal. Und so wundert es nicht, dass in den jeweiligen Tarifgesprächen auch über Beschäftigungsperspektiven und vor allem auch über Kostensenkungspotenziale geredet und gerungen wird. Es geht um eine grundlegende Neuausrichtung der Lufthansa. Und dabei gerät der Fokus auch immer wieder auf die Billigtochter Eurowings. Das Projekt Eurowings ist der Knackpunkt im Tarifpoker.

tagesschau.de: Was ist von dem heutigen Treffen zu erwarten?

Immel: Lufthansa will heute ein klares Signal setzen. Ob Jobgipfel oder Spitzentreffen: Die Wortwahl verrät schon, dass wir an einer entscheidenden Stelle angekommen sind.

Und auch das ist klar: Spohr hat den Konflikt längst zur Chefsache erklärt. Dafür steht viel zu viel auf dem Spiel. Da muss jetzt zunächst eine Struktur vereinbart werden. Es geht um die Frage: Wie geht's weiter bei der "Agenda Kabine" und beim "Bündnis für Wachstum und Beschäftigung". Und auch wenn ver.di den Tarifabschluss schon in der Tasche hat - auch dort bleibt die Frage: Wie können die Mitarbeiter bei dem anstehenden Veränderungsprozess mitgenommen werden.

Lufthansa-Chef Spohr

Lufthansa-Chef Spohr hat den Tarifstreit inzwischen zur Chefsache erklärt.

Heute muss zumindest ein erster entscheidender Schritt gelingen: Die von tiefgreifendem Misstrauen geprägte Atmosphäre muss sich aufhellen. Der Gipfel muss eine Perspektive liefern. Er kann und soll keine konkreten Tarifverhandlungen ersetzen. Dafür sind und bleiben die Tarifkommissionen zuständig.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 02. Dezember 2015 um 12:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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Bikky-kun 02.12.2015 • 05:36 Uhr

So nicht, Herr Immel

Das Interview geht schon wieder mit einer Falschmeldung los. Nicht die Lufthansa hat zu diesen "Jobgipfel" eingeladen. Es waren vielmehr die Gewerkschaften. - Überhaupt scheint der Herr "Luftfahrtexperte" es mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen. In mehreren Interviews berichtete er über die "Kompromisslosigkeit der Gewerkschaften", ließ dabei aber stets (absichtlich?) außen vor, dass es das LH-Management ist, die Jahre lang kein neues Angebot vorgelegt hat, sondern immer nur das selbe mit neuem Datum. - Ebenso wird in diesem Interview unterschlagen, dass das Management erwiesendermaßen wiederholt gelogen hat. Denn die Gewerkschaften UFO und VC sind sehrwohl bereit, an den Kostensenkungen mitzuarbeiten (sie haben sogar vernünftige Angebote vorgelegt). Als Journalist muss Herr Immel die Frage stellen, wie vertrauenswürdig ein solches Lügenmanagement ist.