Montage von Getrieben für Panzer bei der Firma Renk.

Tariferhöhungen und Teuerung Schwund der Reallöhne gestoppt

Stand: 29.02.2024 10:44 Uhr

Jahrelang sanken die Reallöhne wegen der hohen Inflation. Dieser Trend ist seit 2023 gestoppt. Wirklich mehr im Portemonnaie bleibt den Beschäftigten wohl erst in diesem Jahr - aber führt das zu mehr Konsum?

Inflationsausgleichsprämie und ein höherer Mindestlohn haben die Kaufkraft der Deutschen im vergangenen Jahr erstmals seit 2019 wieder etwas steigen lassen. Allerdings fiel der Kaufkraft-Zuwachs nur minimal aus. Die Reallöhne wuchsen um durchschnittlich 0,1 Prozent im Vergleich zu 2022, wie das Statistische Bundesamt (Destatis) heute mitteilte.

Demnach legten die Löhne zwar mit 6,0 Prozent so stark zu wie seit 2008 nicht mehr. Doch blieb davon real kaum etwas übrig, weil die Verbraucherpreise mit 5,9 Prozent fast genauso kräftig stiegen.

Deutliches Plus im laufenden Jahr erwartet

Die Inflation hat einen großen Einfluss auf die Kaufkraft der Menschen. Gemessen wird dieser Zusammenhang anhand der Reallöhne - also die Nominallöhne abzüglich der Teuerung. Der Reallohn bestimmt den Verdienst, über den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer unter der Berücksichtigung von Preisänderungen tatsächlich verfügen.

Seit 2020 waren die Reallöhne Destatis zufolge in jedem Jahr gesunken. 2020 trug der vermehrte Einsatz von Kurzarbeit wegen der Corona-Krise zu sinkenden Reallöhnen bei, während 2021 und 2022 die hohe Inflation den Nominallohnanstieg aufzehrte. Nun haben die Reallöhne also eine leichte Erholung gestartet. Bereits im zweiten Quartal 2023 war die Kaufkraft erstmals seit zwei Jahren wieder gestiegen. Im laufenden Jahr stehen die Chancen nun gut, dass den Beschäftigten spürbar mehr im Portemonnaie bleibt.

So rechnet etwa das Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW) für 2024 mit einer nominalen Lohnsteigerung von 5,6 Prozent. Bei einer mutmaßlichen Inflationsrate zwischen zwei und drei Prozent ergebe das ein reales Plus von rund drei Prozent. "Wir sollten dieses Jahr den stärksten Anstieg der Reallöhne seit 2015 sehen", prognostizierte auch ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski. "Bei einer Inflationsrate von rund drei Prozent und einem Nominallohnwachstum von vier bis fünf Prozent stehen für Arbeitnehmer gute Zeiten an."

Kaufkraft auf dem Niveau von 2016

Für die akut rezessionsbedrohte deutsche Wirtschaft ist die steigende Kaufkraft eine gute Nachricht. Einen Konsumboom erwartet ING-Experte Brzeski allerdings nicht: "Dem Konsum wird das kaum helfen, da Angstsparen wohl wieder zunehmen wird". Die Verbraucher halten wegen der Konjunkturflaute ihr Geld zusammen und legen so viel auf die hohe Kante wie seit fast 16 Jahren nicht mehr, wie die GfK-Marktforscher und das Nürnberg Institut für Marktentscheidungen (NIM) bei ihrer Umfrage ermittelten.

Auch andere Experten glauben nicht, dass erwarteten Steigerungen ausreichen, um die Kaufkraftverluste aus den vergangenen Jahren aufzufangen und die Konsumausgaben der Verbraucherinnen und Verbraucher zu stabilisieren. "Innerhalb von zwei Jahren sind die Zuwächse aus einem halben Jahrzehnt verloren gegangen", sagte der Tarifarchiv-Leiter vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung, Thorsten Schulten, jüngst im Gespräch mit tagesschau.de. Die Kaufkraft der Beschäftigten sei Ende 2023 im Mittel sechs Prozentpunkte niedriger als 2020 ausgefallen und auf dem Stand von 2016.

Um das aufzuholen, sei also mindestens eine reale Lohnsteigerung von sechs Prozent nötig, so Schulten. Das sei innerhalb eines Jahres nicht realistisch. "Wenn unsere prognostizierte Reallohnsteigerung von drei Prozent eintritt, hätten wir aber zumindest wieder das Niveau von 2019 erreicht - also vor der Corona- und der Energiekrise", so Dominik Groll, Leiter der Arbeitsmarktanalyse am IfW. Das sei aber nur auf den ersten Blick eine gute Nachricht. "Selbst dann wären wir noch etwa fünf Prozent unter dem Stand, auf dem wir wohl ohne die Krisen liegen würden."

"Handel setzt Krisenkurs fort"

Bestätigt wird die Einschätzung der Fachleute vom überraschend schwachen Jahresauftakt der Einzelhändler: Ihr Umsatz schrumpfte im Januar inflationsbereinigt (real) um 0,4 Prozent zum Vormonat. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen hatten mit einem Wachstum von 0,5 Prozent gerechnet.

"Der Einzelhandel setzt seinen Krisenkurs fort", kommentierte der Chefvolkswirt der Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank AG, Alexander Krüger, die Entwicklung. "Für eine Umsatzwende müssten Verbraucher erst einmal ihre schlechte Laune abschütteln."

Zur positiven Entwicklung der Reallöhne trug derweil auch die Inflationsausgleichsprämie bei. Diese steuer- und abgabefreie Zahlung von bis zu 3.000 Euro je Arbeitnehmer ist eine freiwillige Leistung der Arbeitgeber. Auch die Erhöhung des Mindestlohns auf 12 Euro pro Stunde im Oktober 2022 hatte einen positiven Effekt. Das führte dazu, dass im vergangenen Jahr unter den Vollzeitbeschäftigten das Fünftel mit den geringsten Verdiensten das größte Lohnplus erhielten: Die Arbeitseinkommen stiegen um 11,4 Prozent.

Mit Informationen von Till Bücker, ARD-Finanzredaktion.