Interview

Vier Roboter sitzen in einem Büro. | Bildquelle: NDR

Zukunft der Arbeit "Man muss den Wandel mitgehen"

Stand: 26.10.2016 11:33 Uhr

Schon heute dämpft die Digitalisierung der Arbeit den positiven Beschäftigungstrend in Deutschland. Das ergeben ARD-Analysen mit exklusiven Daten der Bundesagentur für Arbeit. Datenjournalist Schwentker erklärt, warum er trotzdem optimistisch in die Zukunft blickt.

tagesschau.de: Herr Schwentker, Sie haben anlässlich der ARD-Themenwoche zur "Zukunft der Arbeit" den sogenannten Job-Futuromat gebaut: Was ist das und wie funktioniert er genau?

Björn Schwentker: Über den Job-Futuromat kann man herausfinden, inwieweit der eigene Beruf heute schon von einer Maschine ausgeführt werden könnte. Man gibt seinen Beruf in einer Suchmaske ein, und bekommt dann eine Prozentzahl. Zusätzlich haben wir Daten der Bundesagentur für Arbeit (BA) zur Beschäftigung und zum mittleren Gehalt der Berufsgruppen für die vergangenen drei Jahre zusammengetragen. Diese Daten hat es so noch nie in einem Online-Tool für alle Berufe in Deutschland gegeben.

alt Björn Schwentker | Bildquelle: Björn Schwentker

Zur Person

Björn Schwentker ist freier Datenjournalist aus Hamburg. Er setzt Datenprojekte und -Geschichten für digitale und analoge Medien um, recherchiert und analysiert Daten an der Schnittstelle von Journalismus, Staat und Wissenschaft. Er ist außerdem Trainer für Datenjournalismus. Für die ARD hat er den Job-Futuromat entworfen und sich ins Thema "Digitalisierung der Arbeit" vertieft.

tagesschau.de: Sie haben die Daten analysiert: Inwiefern wirkt die Automatisierung des Arbeitsmarkts sich bereits auf die Beschäftigungszahlen aus?

Schwentker: Je mehr Tätigkeiten eines Berufs nur von Menschen erledigt werden können, desto stärker stieg in den Jahren von 2012 bis 2015 durchschnittlich die Anzahl der Beschäftigten. Andersrum ausgedrückt: Wo mehr Automatisierung möglich ist, sind die Aussichten nicht so gut. Momentan gibt es zwar generell mehr Arbeitsplätze, weil es der Wirtschaft in Deutschland gut geht. Sogar für Berufe, die heute schon größtenteils von Maschinen ersetzt werden könnten, stieg die Beschäftigung von 2012 bis 2015 im Mittel um knapp vier Prozent. In Berufen, die eine niedrige Automatisierbarkeit haben, stieg sie im selben Zeitraum aber um fast elf Prozent. Das ist schon ein Unterschied.

tagesschau.de: Hat Sie das überrascht?

Schwentker: Ja, weil gar nicht unbedingt gesagt ist, dass die Automatisierbarkeit sich zwangsläufig auch direkt auf die Beschäftigung niederschlägt. Es gibt nämlich einige Berufe, in denen immer mehr Leute arbeiten, obwohl sie schon komplett, also zu 100 Prozent automatisierbar wären. Ein Beispiel sind die Kassierer. Deren Beschäftigungszuwachs liegt sogar über dem Trend.

tagesschau.de: Wie erklären Sie sich das?

Schwentker: Das kann daran liegen, dass Maschinen in diesem Bereich noch zu teuer sind oder nicht effizient genug arbeiten. Aber auch daran, dass Supermarktkunden gerne menschliches Personal vor Ort haben. Deshalb kommt es in einigen Berufsfeldern durchaus vor, dass die Beschäftigung steigt, obwohl die Berufe eigentlich schon ersetzbar wären.

tagesschau.de: Mehr als die Hälfte aller Berufe wird in den kommenden 20 Jahren durch Software und Maschinen ersetzt werden: Zu diesem Ergebnis kam eine ING-DiBa-Studie, die wiederum auf einer Oxford-Studie für den amerikanischen Markt basiert. Wie hoch ist die Gefährdung von Arbeitsplätzen in Deutschland tatsächlich einzuschätzen?

Schwentker: Wir kommen hier nicht auf 50 Prozent - oder gar mehr. Für Deutschland zeigen unsere Daten, dass lediglich 15 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten - das sind etwa 4,7 Millionen Menschen - einen Beruf haben, dessen Automatisierbarkeit als "hoch" gilt. Das heißt, dass in diesen Berufen mehr als 70 Prozent der wesentlichen Tätigkeiten heute schon von einer Maschine oder einer Software erledigt werden könnten.

tagesschau.de: Sie reden von heute. Die ING-DiBa-Studie war eine Prognose für die nächsten 20 Jahre.

Schwentker: Das stimmt. Ich glaube, dass man so eine Prognose nicht machen sollte, weil man nicht in die Zukunft sehen kann. Da muss man viele Annahmen über die zukünftige Entwicklung machen. Nicht nur über die technischen Möglichkeiten, sondern auch darüber, wie weit und schnell neue Maschinen und Software tatsächlich eingesetzt werden. Wir sehen am Beispiel der Kassierer, dass das zum Teil nur sehr langsam oder nur graduell geschieht. Solche Prognosen mögen gut gemeint sein, im Endeffekt ist das aber Angstmacherei.

tagesschau.de: Wie sind die Angaben zur Automatisierbarkeit im Job-Futuromat methodisch entstanden?

Schwentker: Die Bundesagentur für Arbeit führt einen ziemlich detaillierten Katalog über die fast 4000 Berufe in Deutschland. Darin steht, welche Tätigkeiten in jedem Beruf im Wesentlichen ausgeübt werden. Das sind bis zu 30 Tätigkeiten pro Job und über 3000 für alle Berufe insgesamt. Die IAB-Forscher haben für jede dieser Tätigkeiten herausgearbeitet, welche heute schon von Robotern übernommen werden könnten. Letztlich haben sie für jeden Beruf ausgerechnet, welcher Anteil seiner Tätigkeiten schon ersetzbar ist. Daraus ergibt sich die Prozentzahl, die man im Futuromat abrufen kann. Das ist so realistisch kalkuliert, wie es eben geht. Letztlich ist aber keine der Methoden perfekt.

Auftaktveranstaltung der ARD-Temenwoche "Zukunft der Arbeit"
tagesschau 14:00 Uhr, 26.10.2016, Anke Hahn, ARD Berlin

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tagesschau.de: Welche Jobs sind am ehesten von der Digitalisierung gefährdet? 

Schwentker: Am ehesten betroffen sind die Jobs, für die man keine oder nur eine kurze Ausbildung braucht, sogenannte Helfer-Berufe. Je besser die Ausbildung ist, desto weniger läuft man Gefahr, dass der Job ersetzt wird. Das ist der generelle Trend. Wenn man studiert hat und in einem Feld Experte ist, dann ist die Gefahr geringer.

tagesschau.de: Was passiert mit den Menschen, die ersetzt werden? Entstehen neue Jobs oder droht uns ein enormer Anstieg der Arbeitslosigkeit?

Schwentker: Tja, das ist die Gretchenfrage. Die Wahrheit ist ganz unsexy: Wir wissen es nicht. Es gibt Forscher, die sehr pessimistisch sind, und glauben, dass viele Arbeitsplätze verloren gehen. Und es gibt andere, die sagen, es passiert genau das Gegenteil. Ich persönlich neige eher dazu, optimistisch zu sein. Und zwar aus einer historischen Perspektive heraus: Spätestens seit Henry Ford das Förderband in der Autoproduktion erfunden hat, haben wir diesen Effekt, dass Maschinen immer mehr von dem übernehmen können, was Menschen machen. Seitdem ist die Beschäftigung aber gleichzeitig immer weiter gestiegen, weil auch die Wirtschaft immer weiter gewachsen ist. Das ist ein Trend, der - abgesehen von ein paar Krisen - eigentlich die ganz Zeit über anhält. Und man müsste schon Argumente liefern, warum wir jetzt qualitativ vor einem Sprung stehen, wie wir ihn historisch noch nicht erlebt haben.

tagesschau.de: Stellen vollautomatisierte Fabriken, von denen ja häufig die Rede ist, denn keine neue Dimension dar?

Schwentker: Industrie 4.0 ist erst mal vor allem ein Buzzword. Es gibt ganz wenige Betriebe in Deutschland, in denen das überhaupt so umgesetzt wird, wie man sich das vielleicht vorstellt. Und selbst, wenn das so kommt, ist die industrielle Fertigung bei weitem nicht der einzige Wirtschaftszweig, der den Arbeitsmarkt bestimmt. Mit zunehmender Automatisierung verlagern sich die Arbeitsplätze weiter in Richtung Dienstleistung. Das ist ein Trend, den wir schon länger beobachten können. In dem Bereich wachsen auch die Beschäftigtenzahlen. Ich neige da nicht zu großer Angst. Wandel gibt es immer. Man muss den Wandel mitgehen. Und am besten selbst prägen.

Das Interview führte Aimen Abdulaziz-Said, tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 26. Oktober 2016 um 09:00 Uhr.

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