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Interview zum HSH-Deal "Omega 55" - mit Bilanztricks in die Katastrophe

Stand: 13.10.2009 09:21 Uhr

Mit der Zweckgesellschaft "Omega 55" ist die HSH Nordbank risikoreiche Geschäfte eingegangen. Im Interview mit tagesschau.de erklärt der Finanzwirtschaftler Peter Nippel von der Uni Kiel, wie solche komplexen Geschäfte abgewickelt werden und wer die Risiken trägt.

tagesschau.de: Peter Nippel, Sie befassen sich unter anderem mit komplexen Finanzprodukten. Was ist "Omega"?

Peter Nippel: "Omega 55" ist eine sogenannte Zweckgesellschaft. Die Bank BNP Paribas hat sie in Dublin gegründet, um mit der HSH Nordbank hochriskante Wertpapiergeschäfte außerhalb der Bilanzen durchführen zu können.

Dazu hat mir die NDR-Redaktion "Markt" Auszüge aus einem nicht öffentlichen Wirtschaftsprüfergutachten vorgelegt: Die Konstruktionen sind so komplex, dass sie nur schwer zu durchdringen sind. Aber aus den Unterlagen geht hervor, dass sich die HSH stark von Marktschwankungen abhängig gemacht hat. Tatsächlich gab es wegen des Preisverfalls an den Wertpapiermärkten und vor allem in Folge von Bankenpleiten immense Verluste.

alt Professor Dr. Peter Nippel

Zur Person

Peter Nippel ist Professor für Finanzwirtschaft an der Universität Kiel. Seine Schwerpunkte sind Corporate Finance, Kapitalmaßnahmen und Strukturierte Kapitalanlageinstrumente.

tagesschau.de: Wie groß war denn der Verlust für die HSH Nordbank?

Nippel: Der Abschreibungsbedarf beläuft sich insgesamt auf 517,2 Millionen Euro. Das entspricht einem Drittel der Wertberichtigung im Konzernabschluss 2008. Diese Abschreibungen entstanden vor allem auch durch die Lehman-Pleite und den Ausfall isländischer Banken.

Die HSH hatte große Bestände an Wertpapieren - auch dieser Banken, in denen Forderungen aus Immobilienkrediten und anderen Kreditgeschäften verbrieft waren. Das war ja, wie wir heute wissen, schon schlimm genug. Die HSH hat ihr Risiko aber durch die Beteiligung an den genannten Zweckgesellschaften noch weiter gesteigert.

tagesschau.de: Warum richtet man dafür Zweckgesellschaften ein?

Nippel: Die HSH Nordbank saß zu Beginn des Jahres 2008 auf einem Berg hochriskanter Wertpapiere. Sie brauchte dringend Liquidität, und der Markt für diese Papiere begann zu kippen. Deshalb suchte man einen Partner, der die Papiere übernahm. Das war BNP Paribas.

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"Eine besonders trickreiche Form der Bilanzkosmetik, wobei dann allerdings der Schuss nach hinten losgegangen ist", meint Finanzwirtschaftler Nippel.

Nehmen wir zum Beispiel "Omega 55". So, wie ich das Geschäft verstehe, hat die HSH in diesem Fall ein Wertpapierportfolio von 816 Millionen Euro an zuerst an die BNP Paribas oder gleich an "Omega 55" übertragen. So beschaffte sie sich Liquidität, und die Risikopapiere waren aus der Bilanz. Die Zweckgesellschaft diente sicher zunächst einmal dazu, dass die riskanten Papiere nicht in der BNPP-Bilanz auftauchten. Darüber hinaus dürfte diese aber auch kein Interesse an der Übernahme des wirtschaftlichen Risikos gehabt haben. Also wurde eine Gesellschaft in Irland gegründet, deren einziger Zweck es war, mit diesen Papieren zu handeln.

tagesschau.de: Und damit war das Risiko beseitigt?

Nippel: Wenn "Omega 55" Verluste schreibt - was schon aus damaliger Sicht recht wahrscheinlich war - muss irgendjemand dafür aufkommen. BNPP wollte das Risiko sicherlich nicht allein tragen, deshalb hat sich die HSH verpflichtet, unter bestimmten Bedingungen an "Omega 55" zu zahlen. Diese Bedingungen sind so gestaltet, dass das Risiko der HSH offenbar noch gesteigert wurde. Die HSH hat die Risiken des Wertpapierportfolios abgegeben, dafür aber auf den ersten Blick nicht erkennbare Risiken aus der Beteiligung an "Omega 55" übernommen. Das nennt man Risikotausch.

tagesschau.de: Warum haben die HSH-Banker einen solchen Risikotausch eingeleitet, wenn die Bank am Ende die Risiken ihrer Spekulationen doch nicht los wird?

Nippel: Mit Geschäften wie über "Omega 55" verfolgt man vielleicht mehrere Zwecke. In diesem Fall hat man riskante Papiere zu Geld gemacht. Das macht sich in der Bilanz erst einmal gut, weil die liquiden Mittel wachsen. Dass man die Risiken dennoch wieder zurückholt, taucht in der Bilanz nicht auf. Welche Risiken man im Gegenzug eingeht, wird verschleiert. Dass die Beteiligung an der Zweckgesellschaft in Irland dazu führen kann, dass die HSH sehr schnell einen dreistelligen Millionenbetrag zahlen muss, ist für den Laien nicht erkennbar - und möglicherweise auch nicht für den Vorstand in Deutschland, den Aufsichtsrat und die Bankenaufsicht.

Man könnte sagen, "Omega 55" war eine besonders trickreiche Form der Bilanzkosmetik, wobei dann allerdings der Schuss nach hinten losgegangen ist.

Außerdem darf man nicht vergessen, dass mit solchen komplexen Transaktionen auch Provisionen und Honorare verdient werden. Daher haben Investmentbanker, Berater und Anwälte ein Interesse an derartigen Dingen - ohne dass dies immer den Interessen der Bank entspricht. 

tagesschau.de: Unverständlich ist, dass die HSH sofort 35 Millionen Euro zahlen musste. Wie erklären Sie sich das?

Nippel: Das geht aus dem Gutachten nicht hervor. Aber das könnte dazu gedient haben, den Finanzierungsbeitrag der BNPP zu reduzieren. Oder sie diente dazu, die Kosten des ganzen Geschäftes zu decken. Dann war es fast so etwas wie ein durchlaufender Posten. Ob aus diesen Mitteln auch verdeckte Provisionen gezahlt wurden, kann ich nicht sagen. Aber wenn verdeckte Provisionen in Form von Beraterhonoraren gezahlt wurden, weshalb die Bank nun Strafanzeige erstattet hat, musste das Geld ja irgendwo herkommen.

tagesschau.de: Wie konnte das alles geschehen, ohne dass die Risiken sichtbar wurden?

Nippel: In der Bilanz wurde sicherlich nur abgebildet, dass es da einen Wertpapierverkauf gegeben hat - und zur selben Zeit einen Kredit für eine Zweckgesellschaft in Dublin. Dass das Ganze ein Kreislaufgeschäft war, um Risiken aus der Bilanz zu bekommen und sie auf dem Umweg über Irland wieder zurückzunehmen, ist nur für den erkennbar, der die Gesamtstruktur des Geschäftes durchschaut. Der oberflächliche Betrachter sieht bestenfalls, dass HSH eine sogenannte bedingte Zahlungsverpflichtung zugunsten von "Omega 55" eingeht. Das Risiko für millionenschwere Verluste ist so ohne Weiteres nicht zu sehen.

Jetzt kommt es darauf an, ob Investmentbanker in London am Vorstand und Aufsichtsrat in Deutschland vorbei agiert haben - vielleicht sogar mit krimineller Energie -, oder ob der Vorstand der HSH Nordbank und die Bankenaufsicht eingebunden waren. Nach meiner Erfahrung vermute ich, dass ein Geschäft in einer solchen Größenordnung - immerhin ging es bei "Omega 55" anfangs um ein Portfolio von 816 Millionen Euro - ohne Wissen des Vorstands gar nicht möglich war. Wenn doch, ist das umso erschreckender. Aber das müssen die Ermittlungen zeigen.

Das Interview führte Patrik Baab, Redaktion Wirtschaft und Ratgeber, NDR Fernsehen

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