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Klimaschutz erhöht Preise Wie sich die "grüne Inflation" auswirkt

Stand: 06.01.2022 14:51 Uhr

Die hohe Inflationsrate hängt auch mit dem Klimaschutz zusammen. Investitionen in die Energiewende und die steigende CO2-Steuer tragen zum Preisauftrieb bei. Experten warnen vor "grüner Inflation".

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Der renommierte britische Ökonom Charles Goodhart sagte bereits im Februar 2021 voraus, dass sehr bald eine dauerhaft höhere Inflation kommen werde. Schuld daran seien nicht nur die abnehmende Globalisierung und die alternde Bevölkerung, sondern auch der teure Kampf gegen den Klimawandel. Die höheren CO2-Preise könnten eine Art "grüne Inflation" erzeugen, warnte der 84-jährige Ökonom.

Sinn: Energiewende zusätzlicher Inflationstreiber

Hans-Werner Sinn, früherer Chef des ifo-Instituts und langjähriger Kritiker der lockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB), pflichtet Goodhart bei. Sinn sieht die Energiewende als zusätzlichen Inflationstreiber. "Das Verbot der billigen traditionellen Energiequellen zwingt die Wirtschaft, auf teurere Energieträger auszuweichen", sagte er im Interview mit der "Welt". Durch die Abkehr von der Kernenergie und der Kohle erhöhten sich die Produktionskosten massiv. Gegenüber der dadurch erzeugten Teuerung könnten die Preissteigerungen nach der Ölkrise in den 1970er-Jahren verblassen, meint Sinn.

Tatsächlich dürften die Klimaschutz-Programme wie das Fit-for-55-Paket der EU-Kommission und der Umstieg auf die vorerst teureren erneuerbaren Energien die Strom- und Verbraucherpreise hierzulande weiter antreiben. Hinzu kommt die Bepreisung der Treibhausgase. Die Bundesregierung hat im Rahmen eines nationalen Emissionsrechte-Handelssystems die CO2-Steuer von 25 Euro auf nunmehr 30 Euro je Tonne angehoben. Bis 2025 soll sie sukzessive auf 55 Euro je Tonne klettern.

CO2-Zertifikate bei mehr als 80 Euro

Auch auf europäischer Ebene kosten die Verschmutzungsrechte immer mehr. Der Preis für die an die Leipziger Strombörse gehandelten CO2-Zertifikate haben sich binnen eines Jahres nahezu verdreifacht auf 82 Euro. Zeitweise wurde sogar die Schwelle von 90 Euro überschritten. Wegen des steigenden Gaspreises wichen Stromerzeuger auf die schmutzigere Kohleverstromung aus, sagen Händler. Dadurch steige der Ausstoß an Treibhausgasen und die Nachfrage nach CO2-Zertifikaten. Kraftwerke und andere Industrieanlagen benötigen die europäischen Berechtigungen. Pro Tonne ausgestoßenem CO2 müssen sie ein Zertifikat bei der Emissionshandelsstelle abgeben.

Es dürfte wohl nur noch eine Frage der Zeit sein, bis die CO2-Zertifikate die Marke von 100 Euro je Tonne erreichen. Den Effekt eines solchen Preisanstiegs hat die US-Investmentbank Morgan Stanley berechnet. Ein Preis von 100 Euro je Tonne würde eine kumulative Auswirkung auf die Stromkosten der Haushalte von zwölf Prozent haben, prophezeite Morgan Stanley Mitte Juli. Das würde zu einem Anstieg der Gesamtinflation um 35 Basispunkte im Euroraum beitragen.

Deutsche CO2-Politik trägt zur Inflation bei

In Deutschland wirkt sich die steigende CO2-Abgabe ebenfalls auf die Verbraucherpreise aus. Laut dem Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel, Leiter des gewerkschaftsnahen Instituts Arbeit und Wirtschaft an der Uni Bremen, steuerte die deutsche CO2-Politik bereits im vergangenen Jahr bis zu 1,1 Prozentpunkte bei.

Schon jetzt spüren Verbraucher also die Folgen der CO2-Bepreisung. Die Strompreise sind laut Verivox im vergangenen Jahr um mehr als 18 Prozent gestiegen. Die Gaspreise zogen noch stärker an. Auslöser der Preisexplosion waren in erster Linie die rasante Wirtschaftserholung nach den Corona-Lockdowns und das Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage auf dem Öl- und Gasmarkt.

Warnung vor einem teuren Winter

Mehrere Versorger haben Strom- und Gaspreise erhöht. Das dürfte sich in den Stromrechnungen vieler Verbraucher in den nächsten Wochen und Monaten niederschlagen. Die "Bild"-Zeitung spricht schon von einem "Teuer-Winter". Immerhin gab es zuletzt etwas Entspannung. Im Dezember sind die Ölpreise etwas gesunken, auch der Sprit an der Zapfsäule wurde zum Jahresende etwas billiger. Und: Zum Jahreswechsel fallen jetzt die Auswirkungen der vorübergehenden Mehrwertsteuer-Senkung von Juli bis Dezember 2020 aus der Inflationsstatistik.

Doch bei den CO2-Preisen wird die Richtung weiter nach oben gehen. Die politisch gewollte Verteuerung der Treibhausgase werde die "grüne Inflation" antreiben, meint der Bremer Wirtschaftswissenschaftler Hickel. Angesichts des CO2-Aufschlags auf 55 Euro bis 2025 sei der Inflationseffekt programmiert.

Wie gefährlich ist "grüne Inflation"?

Wird die "grüne Inflation" also 2022 und die Jahre danach zur Gefahr? Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, die Bank der Zentralbanken, ist besorgt. Die Dekarbonisierung der Wirtschaft werde zu Verwerfungen führen, die Einfluss auf die Inflation haben könnte, warnt sie.

Dennoch halten einige Ökonomen halten die Diskussion über die "grüne Inflation" für verfehlt. Zu ihnen zählt Marcel Fratzscher, Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Die Meinungen, dass die "grüne Inflation" schädlich und schlecht sei, nennt er "zynisch und falsch". Nicht Klimaschutz und CO2-Preis führten zu Problemen bei den Lieferketten und zu einer erhöhten Inflation. Im Gegenteil: Der Klimawandel an sich und auch durch ihn ausgelöste globale Handelskonflikte stellten die größte Bedrohung dar.

"Preise für klimaschädliches Verhalten müssen steigen"

Ein gewisses Maß an "grüner Inflation" sei richtig und notwendig, sagt Fratzscher. Denn sie spiegele eine Anpassung relativer Preise wider. "Die Preise für klimaschädliches Verhalten müssen steigen, um Anreize für Innovationen und klimaneutrale Wirtschaftsprozesse zu setzen", sagt der DIW-Chef.

Sollten die Berechnungen stimmen, wonach die CO2-Bepreisung in den nächsten Jahren mit einer um 0,5 Prozentpunkte höheren Inflation einhergeht, würde die Teuerungsrate nicht mehr bei durchschnittlich 1,4 Prozent, sondern bei 1,9 Prozent liegen, erklärt Fratzscher. Das sei immer noch unter der von der EZB angepeilten Inflationsrate von zwei Prozent.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. Januar 2022 um 07:15 Uhr und 16:36 Uhr.