Belgisches Atomkraftwerk Tihange | AFP

Pläne für EU-Taxonomie Wie viel Atomkraft in grünen Fonds steckt

Stand: 14.01.2022 11:12 Uhr

Die Pläne der EU, Atomenergie als "grüne" Energie zuzulassen, beunruhigt die deutsche Finanzbranche. Das Vertrauen in Nachhaltigkeitsfonds könnte sinken. In den meisten Fonds soll sich am Umgang mit der Atomkraft nichts ändern.

Von Notker Blechner, tagesschau.de

In der deutschen Fondsindustrie sind viele verärgert über den Vorstoß aus Brüssel zur EU-Taxonomie. Der politische Kompromiss habe in der Öffentlichkeit einen großen Schaden für Nachhaltigkeitsfonds in Sachen Glaubwürdigkeit angerichtet, sagt Roland Kölsch, Geschäftsführer des Forums Nachhaltige Geldanlagen (FNG). Die Behandlung von Atomenergie als "grüne" Energie "zerstört jegliches Vertrauen umweltbewusster Anleger in das Gütesiegel für nachhaltige Geldanlagen", schimpft auch Thomas Jorberg, Chef der GLS Bank, der ältesten sozial-ökologischen Bank Deutschlands.

Boom für nachhaltige Geldanlagen

Die Produktanbieter fürchten, dass die europäischen Vorgaben den Nachhaltigkeitsboom bremsen könnten. In den letzten Monaten zog die Nachfrage nach nachhaltigen Geldanlagen so stark an wie noch nie. Bereits 2020 stieg das Volumen nachhaltiger Geldanlagen hierzulande um 25 Prozent auf rund 335 Milliarden Euro, heißt es vom FNG. Im vergangenen Jahr gab es weitere zweistellige Zuwachsraten.

Das Angebot hat sich deutlich erhöht. Fast täglich werden neue Nachhaltigkeitsfonds aufgelegt. Die Zahl dieser Fonds verdoppelte sich bereits im ersten Halbjahr 2021 auf 2721. Ende 2020 gab es noch 1417 Nachhaltigkeitsfonds.

"Atomenergie bleibt für die meisten tabu!"

Viele Anbieter beteuern aber, dass die neuen Brüsseler Regeln ihre Anlagestrategie nicht verändern werden. "Für die meisten in Deutschland vertriebenen Fonds bleibt Atomenergie tabu", sagt Kölsch. Er rechnet nicht damit, dass die Fondsmanager den Anteil der Atomenergie in ihren ESG-Portfolios erhöhen.

"Die vorläufige EU-Entscheidung hat keinen Einfluss auf unsere Finanzprodukte", erklärt Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit bei der Deka, der Fondsgesellschaft der Sparkassen, gegenüber tagesschau.de. "Unsere Filter für nachhaltige Finanzprodukte bleiben, wie sie sind. Wir weiten sie nicht auf Firmen aus dem Atomsektor aus."

Einige Fonds schließen Kernkraft ganz aus

Mehrere Gesellschaften haben Atomenergie schon lange verbannt. Die Fürther green benefit zum Beispiel schließt seit der Auflegung ihres Öko-Fonds 2015 Atomenergie vollkommen aus - neben Rüstung, Alkohol, Glücksspielen und Kinderarbeit. Daran werde sich auch durch einen politischen Kompromiss der EU-Taxonomie nichts ändern, sagte Geschäftsführer Klaus Thurn tagesschau.de.

Die meisten Fonds begrenzen den Anteil auf fünf bis zehn Prozent

Ganz ohne Atomenergie kommen aber die meisten "grünen" Fonds doch noch nicht aus. Die Mehrheit der ESG-Anbieter hält sich die Möglichkeit offen, in Firmen zu investieren, die einen - wenn auch nur ganz kleinen - Teil ihres Geldes mit Kernkraftwerken erwirtschaften. Sie haben die Atomenergie begrenzt. Fondsgesellschaften wie die DWS und die Deka lassen nur Aktien von Unternehmen zu, die nicht mehr als fünf Prozent ihres Umsatzes mit Atomenergie machen.

Bei der DWS will man die Entscheidung aus Brüssel zur Taxonomie prüfen "und die notwendigen Anpassungen bei den Fonds vornehmen", sagte Dennis Hänsel, Leiter für nachhaltige Anlagelösungen, gegenüber tagesschau.de. Zur konkreten Ausgestaltung könne er zum derzeitigen Zeitpunkt noch nichts sagen. Allerdings stehe zu befürchten, dass sich Anleger aus weniger atomkritischen Ländern unter Verweis auf die EU-Taxonomie von Anbietern vermehrt ESG-Fonds wünschen, die Aktien von Atomkraftbetreibern einschließen.

Wie reagieren die angelsächsischen Fonds?

Das könnte vor allem ein Abwägungsproblem für weltweit aktive angelsächsische Fondsgesellschaften wie Blackrock oder Fidelity mit globaler Produktpalette werden. So will Fidelity International, das stark auf dem deutschen Markt vertreten ist, erst mal abwarten. Es sei zu früh, um zu sagen, was die EU-Vorgaben konkret bedeuten, insbesondere auf der Produktebene, betont ein Sprecher. Alle in Deutschland zugelassenen ESG-Fidelity-Fonds sind in Luxemburg aufgelegt.

Schon jetzt sind über die Hälfte aller in Deutschland vertriebenen Publikumsfonds im Großherzogtum aufgelegt. Ob die Luxemburger Behörden Auflagen für Atomenergie in Nachhaltigkeitsfonds verlangen, wird sich zeigen.

BaFin erwägt Grenze von zehn Prozent

Spannend wird die Frage sein, welche Position die deutsche Finanzaufsicht BaFin zur EU-Taxonomie einnimmt. Sie kann über die Finanzmarkt-Richtlinie Mifid II die Kriterien für den Privatkundenvertrieb in Deutschland bestimmen. In ihrem Entwurf für eine Richtlinie zu nachhaltigen Investmentvermögen hat die BaFin eine Grenze von zehn Prozent gesetzt. Das heißt: ESG-Fonds dürfen Firmen aufnehmen, die bis zu zehn Prozent ihres Umsatzes mit Kernkraft generieren. Das hört sich deutlich weicher an als die Beschränkungen verschiedener Fondsgesellschaften.

Freilich: Aktien von reinen AKW-Betreibern wie die französische EDF sind in deutschen Nachhaltigkeitsfonds so gut wie ausgeschlossen. Andererseits sind in vielen "grünen" Fonds durchaus Titel von Unternehmen vertreten, die mit einem hohen Energieverbrauch auffallen oder die auf fossile Energieträger wie Öl setzen. Die Organisation Finanzwende monierte jüngst, dass große Ölkonzerne wie Shell, BP und Exxon Mobile mit Millioneninvestments in nachhaltigen Portfolios vertreten seien.

"Best-in-Class"Ansatz lässt Shell und BP zu

Die Fondsanbieter verweisen darauf, dass diese Firmen ökologische Vorreiter in ihrer Branche seien. Denn die meisten Nachhaltigkeitsfonds bauen auf das sogenannte "Best-in-Class"-Prinzip. Demnach werden die Firmen ausgewählt, die im Vergleich zu ihren Mitbewerbern in Sachen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung (ESG) am besten abschneiden. Nur wenige Anbieter wie Ökoworld oder green benefit fokussieren sich ausschließlich auf Öko-Aktien. Dadurch entsteht oft der Eindruck, dass nicht alles "grün" ist, was in "grünen" Fonds steckt.

Unterschiedliche nationale Siegel

Die EU-Taxonomie könnte dazu führen, dass europaweit Nachhaltigkeitsfonds noch undurchsichtiger werden. Schon jetzt gibt es einen Flickenteppich an nationalen Siegeln. Deutschland hat das FNG-Siegel. Es existiert kein weltweit anerkanntes und verbindliches Gütesiegel für Nachhaltigkeit. "Das führt leider dazu, dass immer noch manche Anbieter Greenwashing betreiben", bedauert Werner Hedrich, Deutschlandchef des nachhaltigen Vermögensverwalters Globalance, der ESG-Fonds und ein Analysetool anbietet, das den Footprint der Portfolios jedes einzelnen Anlegers misst.

Zudem existieren in Deutschland unterschiedliche Kategorien für ESG-Fonds. Es gibt Fonds mit geringem Nachhaltigkeitsanspruch (nach Artikel 6 der EU-Offenlegungsverordnung) sowie "hellgrüne" Fonds, die ökologische und soziale Kriterien integrieren (Artikel 8) und "dunkelgrüne" Fonds nach Artikel 9. Dass es da für Privatanleger schwer sei, den Durchblick zu behalten, räumen auch Fondsexperten und Bankberater ein.

Kommt im August der Durchbruch?

Die Fondsbranche hofft, dass es bis zum Sommer mehr Klarheit und einheitliche Kriterien für die "grünen" Fonds gibt. Denn ab Anfang August sind Bankberater bei Wertpapiergeschäften verpflichtet, ihre Kunden nach ihren Nachhaltigkeitspräferenzen zu fragen. Das könnte einen neuen Schub für Ökofonds auslösen. Bisher sind laut Umfragen knapp ein Drittel der Bevölkerung noch unentschlossen, ob sie ihr Geld nachhaltig investieren wollen. Nur rund 31 Prozent lehnen nachhaltige Geldanlageprodukte kategorisch ab.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 03 2022 um 18:07 Uhr.