Ein weibliche Hand hält russische Rubel-Banknoten. | dpa

Sanktion gegen Russland Verfehlt das Anleiheverbot sein Ziel?

Stand: 28.02.2022 18:57 Uhr

Nach der Verschärfung der Sanktionen kam es heute zu einer Massenflucht von Investoren aus russischen Staatsanleihen. Doch ironischerweise könnte Russland vom Kursverfall der Anleihen profitieren, meinen Experten.

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Während die russische Börse heute geschlossen war, ging es am Anleihemarkt rund: Kurz- und langfristige russische Staatsanleihen büßten mehr als die Hälfte ihres Werts ein. Im Gegenzug verdoppelten sich die Renditen der Bonds mit einer Laufzeit bis 2024 auf mehr als 17 Prozent. Längere Anleihen, die noch bis 2043 laufen, rentierten gar mit gut 20 Prozent.

Dollar-Anleihen Russlands brechen ein

In Dollar gehandelte russische Anleihen brachen ähnlich heftig ein. Der Kurs der mit sieben Milliarden Dollar größten Russland-Anleihe sackte zwischenzeitlich ebenfalls um mehr als 50 Prozent ein.

Am Devisenmarkt befand sich der Rubel im freien Fall. Im Gegenzug stieg der Dollar im russischen Inlandshandel um mehr als 31 Prozent auf ein Rekordhoch von 109,19 Rubel. Das ist der größte Kurssprung seiner Geschichte. Daran änderte auch die überraschende Entscheidung der russischen Notenbank wenig, den Leitzins auf 20 Prozent zu verdoppeln.

"Die Zinserhöhung der russischen Zentralbank soll Einlagen in Rubel attraktiver machen und die nun einsetzende Kapitalflucht eindämmen", meint Ökonom Friedrich Heinemann vom  Mannheimer ZEW. Dies werde kaum gelingen: "Russland-Aktiva und der Rubel sind an den Finanzmärkten mit dem russischen Überfall auf die Ukraine schlagartig zu Ramsch geworden."

Droht Russland der Zahlungsausfall?

Angesichts des Ausverkaufs russischer Staatsanleihen sprachen manche Marktbeobachter von Panikverkäufen. Manche Investoren spekulieren inzwischen schon auf einen kurzfristigen Zahlungsausfall Russlands.

Diese Gefahr sieht ZEW-Ökonom Heinemann vorerst nicht. "Eine unmittelbare Zahlungsunfähigkeit Russlands droht nicht", sagte er gegenüber tagesschau.de. Noch sitze Moskau auf immensen Devisenreserven von 630 Milliarden Dollar. Mittelfristig sei eine Pleite Russlands aber vorstellbar, falls das Land jahrelang isoliert werde. Die Flucht der Investoren aus russischen Anleihen sieht Heinemann nicht als Panikreaktion, sondern als eine fundamentale Neubewertung des Landes.

Die Blockade der russischen Nationalbank-Reserven hält Heinemann für ein noch schärferes Schwert als der Ausschluss russischer Bank aus dem SWIFT-System. Die USA, Kanada, Großbritannien und die EU haben der Notenbank verboten, auf den in ihren Ländern lagernden Teil der Devisenreserven zurückzugreifen. Experten schätzen, dass 40 bis 55 Prozent der gesamten Reserven davon betroffen sind. "Wegen der Sanktionen müsste Russland auf Umwegen versuchen, seinen Devisenschatz zu Geld zu machen, denn die relevanten Börsen sind für die Russen nun verschlossen", sagt Helaba-Exerte Christian Apelt.

Experte: Russland profitiert vom Kursverfall der Anleihen

Deutlich weniger dramatisch sieht Anleihenexperte Arthur Brunner von der ICF Bank die Lage. Die verhängten Sanktionen seien ein "stumpfes Schwert", sagt er gegenüber tagesschau.de. Russland würde sich ins Fäustchen lachen, denn der Kursverfall der Anleihen sei für das Land optimal. Der Staat könne so die Anleihen billiger zurückkaufen. Seiner Meinung nach werde es deshalb auch zu keinem Zahlungsausfall Russlands kommen. Die Sanktionen seien nur dann ein Problem, wenn Russland neues Kapital aufnehmen wolle. Momentan brauche das Moskau aber nicht.

Brunner zieht Parallelen zur Russland-Krise 1998. Damals hatte das Land einen Großteil seiner eigenen Staatsanleihen bei Kursen um etwa 30 Prozent des Nominalbetrags selbst zurückgekauft und sich somit elegant entschuldet.

Die eigentlichen Verlierer seien die vor allem institutionellen Anleger, die nun aus regulatorischen Gründen weit unter dem Nennwert ihre russischen Staatsanleihen verkaufen müssten. Betroffen sind offenbar vor allem europäische Banken wie Société Générale und die Raiffeisen Bank International, in geringem Maße auch deutsche Geldinstitute und Fondsgesellschaften sowie Pensionsfonds.