Dax Kurstafel  | picture alliance / dpa

Weitere Verluste am Aktienmarkt Steigende Zinsen drücken den DAX

Stand: 23.09.2022 18:25 Uhr

Vor dem Hintergrund weltweit steigender Zinsen ziehen sich die Anleger aus den Aktienmärkten zurück. Auch der DAX geriet zum Wochenschluss unter Druck und markierte im Verlauf einen neuen Tiefstand.

Die Aussicht auf weiter steigende Zinsen hat die Anleger heute weiter aus dem Aktienmarkt getrieben. Der DAX fiel zwischenzeitlich auf den tiefsten Stand seit November 2020, ehe er zum Schluss seine Verluste dann noch etwas eingrenzte. Deutlich abwärts ging es am Ende trotzdem - auf 12.284 Punkte, ein Tagesverlust von 1,97 Prozent. Auf Wochensicht ergibt sich für den deutschen Leitindex ein deutlicher Verlust von knapp 3,6 Prozent, mit dem Rutsch von heute ist der DAX in diesem Jahr nun schon fast 23 Prozent im Minus.

Noch stärker erwischte es den industrie- und exportlastigen MDAX, den Index der Nebenwerte. Dieser ging bei 22.541 Punkten aus dem Handel, ein hoher Tagesverlust von 3,12 Prozent.

Zinsdruck lastet massiv auf den Märkten

Ursächlich für den Abwärtsdruck ist die derzeitige Straffung der Geldpolitik durch die Notenbanken weltweit, allen voran durch die US-Notenbank Federal Reserve (Fed). Die Geldpolitiker wollen damit die ausufernde Inflation eindämmen, dies schürt aber gleichzeitig Inflationsängste. Die Anleger verunsichert dabei vor allem, mit welchem Tempo und mit welcher Vehemenz die Währungshüter gegen die anhaltend hohe Teuerung vorgehen. Damit hatten viele bis vor kurzem noch nicht gerechnet.

Gleichzeitig werden festverzinsliche Wertpapiere durch die höheren Zinsen attraktiver, wodurch der Aktienmarkt von zwei Seiten in die Zange genommen wird. Für Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank steht fest, dass die Aktienmärkte erst dann wieder Impulse nach oben bekommen werden, "sobald das Ende der Zinstreppe absehbar ist". Kurzfristig geschehe das jedoch nicht.

Rezession ist ausgemachte Sache

"Dass zumindest Europa in eine Rezessionsphase eintritt, wird inzwischen nur noch von den wenigsten bezweifelt", sagte Analyst Jens Herdack von der Weberbank. Da die heimische Wirtschaft sowohl unter den Zinserhöhungen der Notenbanken als auch unter der durch den Ukraine-Krieg ausgelösten Energiekrise leide, werde der Abschwung voraussichtlich deutlicher ausfallen als in den USA.

Nachdem das bisherige Jahrestief bei 12.390 Punkten heute unterschritten wurde, steigen auch die markttechnischen Risken. "Bei einem Unterschreiten des Jahrestiefs würden die runde 12.000 und anschließend das Verlaufstief aus dem Oktober 2020 bei 11.450 Punkten ins Blickfeld rücken", so Portfoliomanager Thomas Altmann von QC Partners.

Dow Jones fällt unter 30.000 Punkte

In New York stehen die führenden Aktienindizes ebenfalls tief in der Verlustzone und weiten ihre Verluste immer weiter aus. Der Leitindex Dow Jones rutscht dabei unter die Marke von 30.000 Punkten und verliert derzeit deutlich 1,9 Prozent. Nach dem dritten großen US-Zinsschritt in Folge sorgen sich die Anleger noch mehr vor einer Rezession als Kollateralschaden im Kampf gegen die hohe Inflation. Auch an der zinssensitiven Nasdaq-Börse geht es erneut stärker bergab um rund 2,1 Prozent.

"Steigende Zinsen, steigende Schmerzen", schlussfolgerte Jürgen Molnar, Kapitalmarktstratege bei Robomarkets. Mit der Aussicht auf zwei weitere Zinsschritte bis Jahresende habe die US-Notenbank Fed die Rendite 10-jähriger Staatsanleihen auf den höchsten Stand seit elf Jahren katapultiert. Das mache Aktien unattraktiver. "Die Anleger sehen sich mit einer Zinswende in noch nie dagewesenem Tempo konfrontiert und bleiben dem Aktienmarkt fern", schrieb Molnar.

Vor diesem Hintergrund senkten die Experten der US-Bank Goldman Sachs die Prognose für den marktbreiten S&P 500 Index. Weil die Zinsanstiege die US-Aktien nach unten ziehen, dürfte der Index laut den Experten bis Jahresende 16 Prozent tiefer liegen als bisher angenommen. Anleger seien gut beraten, vorerst in der Deckung zu bleiben.

Der Euro-Salami-Crash geht weiter

Weiter stetig bergab geht es auch mit dem Euro, der seine Tagesverluste vor allem am Vormittag immer weiter ausgebaut hat und sich mittlerweile unter der Parität zum Dollar einzurichten beginnt. Er steht damit so tief wie seit 20 Jahren nicht mehr. Am Nachmittag kostete die Gemeinschaftswährung zeitweise nur 0,9707 Dollar. Aktuell werden nur noch 0,9726 Dollar für einen Euro bezahlt.

Offensichtlich glaubten die Marktteilnehmer nicht mehr daran, dass die EZB mit dem Zinstempo der Fed mithalten kann, was den Druck auf die Gemeinschaftswährung verstärkt, hieß es von Experten. Die Europäische Zentralbank setzte den Referenzkurs auf 0,9754 (Donnerstag: 0,9884) Dollar fest.

Ölpreise sacken deutlich ab

Die Ölpreise sind heute ebenfalls kräftig gesunken. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent kostete am späten Nachmittag 85,78 US-Dollar. Das waren 4,68 Dollar weniger als am Vortag. Der Preis für ein Barrel der US-amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI) fiel um 5,07 Dollar auf 78,42 Dollar. Damit liegt der WTI-Preis erstmals seit Januar unter 80 Dollar.

Nach Einschätzung von Rohstoffexperten der Commerzbank werden die Ölpreise durch "hohe Konjunkturrisiken" in Schach gehalten. Analysten verwiesen auf mehrere Notenbanken, die im Laufe der Woche ihre Leitzinsen im Kampf gegen die hohe Inflation deutlich angehoben haben. Durch die steigenden Zinsen gibt es unter Anlegern die Sorge, dass die Konjunktur weiter an Fahrt verliert und die Nachfrage nach Rohöl sinken könnte.

Einkaufsmanager zunehmend pessimistisch

Weitere Rezessionsanzeichen kamen heute von den Einkaufsmanagern. Denn die deutsche Wirtschaft schrumpft im September wegen hoher Inflation und steigender Zinsen so stark wie seit den Anfängen der Corona-Pandemie vor fast zweieinhalb Jahren nicht mehr.

Der Einkaufsmanagerindex für die Privatwirtschaft - Industrie und Service-Sektor zusammen - sank um 1,0 auf 45,9 Punkte. Das sei der niedrigste Stand seit Mai 2020, teilte der Finanzdienstleister S&P Global am Vormittag zu seiner monatlichen Umfrage unter rund 800 Unternehmen mit. Damit liegt das an den Finanzmärkten viel beachtete Barometer merklich unter der Marke von 50, ab der es ein Wachstum signalisiert.

"Angesichts der beschleunigten Talfahrt und der sich weiter eintrübenden Frühindikatoren dürfte die deutsche Wirtschaft im dritten Quartal 2022 schrumpfen", kommentierte S&P-Ökonom Phil Smith die Entwicklung. "Und der Ausblick für das vierte Quartal ist ebenfalls wenig positiv."

Die Unternehmensstimmung im Euroraum hat sich im September ebenfalls weiter verschlechtert. Der Einkaufsmanagerindex von S&P Global fiel zum Vormonat um 0,7 Punkte auf 48,2 Zähler. Der Indikator liegt damit so tief wie seit 20 Monaten nicht mehr. "Angesichts der sich verschlechternden Geschäftslage und des zunehmenden Preisdrucks infolge steigender Energiekosten ist mit einer Rezession in der Eurozone zu rechnen", erklärte S&P-Chefökonom Chris Williamson.

Daimler Truck setzt auf China

DAX-Mitglied Daimler Truck baut erstmals Mercedes-Benz Lastwagen in China. In dem Gemeinschaftsunternehmen mit dem chinesischen Hersteller Foton Motor in Huairou nördlich von Peking wurde am Freitag der Startschuss für die lokale Produktion von Sattelzugmaschinen des Modells Actros gegeben.

"China ist der größte Markt für schwere Lkw der Welt und bietet ein erhebliches Wachstumspotenzial", sagte Karl Deppen, Asienchef und Vorstandsmitglied von Daimler Truck. Es seien die ersten Mercedes-Lastwagen, die "in China für China hergestellt" werden.

Das Werk des Beijing Foton Daimler Automotive (BFDA) genannten Joint Ventures umfasst zwei Produktionslinien für die Sattelzugmaschinen mit zwei Antriebsvarianten, die auf der globalen Plattform von Daimler Truck entwickelt wurden. Seit der Markteinführung des Actros 1996 wurden weltweit mehr als 1,5 Millionen Einheiten dieses Modells verkauft. In dem 2012 gegründeten Gemeinschaftsunternehmen bauen Daimler Truck und Foton bisher gemeinsam Lastwagen der Marke Foton Aumann.

Schwarzer Tag für Hypoport

Die Aktie des Finanzdienstleisters Hypoport brach im SDAX dramatisch um fast 46 Prozent ein. Das Unternehmen hat wegen der schwachen Nachfrage die Jahresziele ausgesetzt. Die derzeitige Jahresprognose werde "deutlich verfehlt", teilte Hypoport am Vorabend nach Börsenschluss in Berlin mit. Es sei nicht prognostizierbar, ob die Zurückhaltung der Verbraucher in der privaten Immobilienfinanzierung im weiteren Jahresverlauf beendet sei. Das zweite Halbjahr zeige bisher eine sehr schwache Nachfrage.

Für das dritte Quartal werde auf vorläufiger Basis mit einem Umsatz leicht unter dem Vorjahresniveau und einem ausgeglichenen Ergebnis vor Zinsen und Steuern gerechnet. Analyst Simon Keller von Hauck Aufhäuser Investment Banking sprach in einer heute vorliegenden Studie von einer "verheerenden Gewinnwarnung". Er stufte die Aktie von "Hold" auf "Sell" ab und drittelte nahezu das Kursziel von 205 auf 70 Euro.

Boeing muss 200 Millionen Dollar Strafe zahlen

Der Luftfahrtkonzern Boeing wird im Streit mit der US-Börsenaufsicht SEC nach den zwei Abstürzen des Unglücksjets 737 Max eine hohe Millionensumme zahlen. Die SEC hatte dem Konzern und dem damaligen Boeing-Chef Dennis Muilenburg vorgeworfen, Investoren über die Sicherheit seiner 737 Max getäuscht zu haben. Die Börsenaufsicht teilte am Donnerstag (Ortszeit) mit, dass Boeing 200 Millionen US-Dollar (rund 203 Millionen Euro) Strafe zahlen müsse und Muilenburg eine Million US-Dollar Strafe. Weder Boeing noch Muilenburg haben ein Fehlverhalten zugegeben, beide stimmten der Zahlung aber zu.

Der Airbus-Rivale hatte sich mit dem Justizministerium Anfang 2021 wegen Betrugs- und Verschwörungsvorwürfen im Zusammenhang mit dem Skandal auf Strafzahlungen von mehr als 2,5 Milliarden US-Dollar geeinigt. Boeing war nach zwei Abstürzen mit insgesamt 346 Toten schwer in die Kritik geraten - der Konzern rutschte in eine Krise. Der Problemflieger 737 Max war nach den zwei Abstürzen lange mit Startverboten belegt.

Credit Suisse unter Druck

In Zürich rutschten die Titel von Credit Suisse um bis zu 8,3 Prozent ab und waren mit 4,26 Franken so billig wie nie. Insidern zufolge lotet die krisengeschüttelte Bank die Bedingungen für eine Kapitalerhöhung aus. Analyst Christian Schmidinger von der Züricher Kantonalbank bezifferte den Kapitalbedarf auf bis zu vier Milliarden Franken (4,2 Milliarden Euro).

Über dieses Thema berichtete BR24 am 23. September 2022 um 08:10 Uhr.