Händler an der NYSE
marktbericht

Nach guten Konjunkturdaten Erholung an der Wall Street

Stand: 27.06.2023 22:17 Uhr

Robuste Konjunkturdaten haben die Wall Street heute angeschoben. Die großen Indizes legten allesamt zu und machten Verluste des Vortages wieder wett. Auch der DAX beendete seinen Negativlauf.

Die großen US-Aktienindizes haben ihre gestrigen Verluste heute wieder wettgemacht und darüber hinaus sogar noch zugelegt. Der Leitindex Dow Jones stieg am Ende 0,63 Prozent auf 33.926 Zähler und scheiterte im Tageshoch bei 33.975 Zählern nur knapp an der Marke von 34.000 Punkten.

Deutlich stärker bergauf ging es mit der Technologiebörse Nasdaq, die noch am Vortag kräftig verloren hatte. Der Composite-Index rückte um 1,65 Prozent, der Auswahlindex Nasdaq 100 um 1,75 Prozent vor. Der S&P-500-Index ging bei 4378 Zählern um 1,15 Prozent ebenfalls deutlich gestärkt aus dem Handel.

In New York war bis Mitte des Monats der Technologie-Auswahlindex Nasdaq 100 dem Gesamtmarkt auf das höchste Niveau seit Anfang 2022 davongerannt. Die Investoren zögerten aber zuletzt, weil sie mit weiteren US-Leitzinserhöhungen rechneten, hieß es bei der Commerzbank.

Die Achterbahnfahrt bei den Aktienkursen zeigte heute einmal mehr, wie nervös die Anleger derzeit vor dem Hintergrund des aktuellen Zinszyklus sind. Die Notenbank hatte zuletzt immer wieder betont, sich bei ihren Entscheidungen an der aktuellen Datenlage zu orientieren. Die heute anstehenden neuen Konjunkturdaten wurden daher mit Spannung erwartet. Sie fielen allesamt deutlich besser aus als erwartet.

Analysten zufolge interpretierten die Investoren die Zahlen als Hinweis darauf, dass die US-Notenbank Fed sich ihrem Ziel nähert, mit Zinserhöhungen die Inflation zu dämpfen, ohne die Wirtschaft abzuwürgen. "Die Märkte halten nach jedem Hinweis Ausschau, der die Unklarheiten bezüglich der künftigen Zinspolitik der Fed aus dem Weg räumen könnte", sagte Peter Andersen, Gründer des Vermögensverwalters Andersen Capital Management.

Konkret hat die US-Industrie im Mai mit einem Zuwachs von 1,7 Prozent überraschend ein Auftragsplus eingefahren. Experten hatten einen Rückgang um 0,2 Prozent erwartet. Auch die Daten zum US-Verbrauchervertrauen fielen unerwartet stark aus. Das Barometer für die Verbraucherlaune stieg auf 109,7 Zähler von 102,5 Punkten im Mai, wie das Institut Conference Board heute zu seiner Umfrage mitteilte. Volkswirte hatten lediglich mit einem Anstieg auf 104,0 Punkte gerechnet.

Abgerundet wurde der Datenkranz von deutlich gestiegenen Neubauverkäufen im Mai, womit sich der jüngste Aufschwung am US-Hausmarkt trotz der hohen Zinsen fortsetzte.

Unter den Einzelwerten im Dow gehörten die Tech-Schwergewichte Microsoft und Intel zu den größten Gewinnern. Auch Apple, ebenfalls im Leitindex enthalten, legten 1,5 Prozent zu und erreichten zwischenzeitlich bei 188,39 Dollar ein neues Jahreshoch. Der Schlusskurs lag bei 188,06 Dollar.

Einen schwarzen Tag erwischte hingen die Aktie der Apothekenkette Wallgreens Boots Alliance, die nach einer Gewinnwarnung um 9,34 Prozent auf 28,64 Dollar abstürzte und zwischenzeitlich auf den niedrigsten Stand seit 2014 absackte. Mit einem Minus von 23 Prozent sind die WBA-Anteilscheine auch im bisherigen Jahresverlauf schwächster Dow-Wert. Im Jahr 2015 hatten sie in der Spitze noch mehr als 97 Dollar gekostet.

Das Unternehmen revidierte nach einer enttäuschenden Gewinnentwicklung im dritten Geschäftsquartal sein Ergebnisziel für das laufende Geschäftsjahr nach unten. Inklusive aller Sondereffekte musste der Konzern einen Gewinneinbruch um fast 60 Prozent verkraften. Dabei schlugen unter anderem Wertminderungen im Zusammenhang mit Lizenzen in Großbritannien negativ zu Buche.

Der DAX hat seinen jüngsten Negativlauf heute beendet und erstmals seit sieben Sitzungen wieder im Plus geschlossen. Zins- und Rezessionsängste, die zuvor durch Äußerungen von EZB-Chefin Christine Lagarde noch angefeuert wurden, traten nach robusten US-Konjunkturdaten zurück. Im Sog der anziehenden Wall Street legte auch der DAX zu und schaffte den Sprung in die Gewinnzone.

Der heutige Wendepunkt zum Guten hierzulande ging von der Wall Street aus, wo die besser als erwartet ausgefallenen Konjunkturdaten positiv aufgenommen wurden. Am Ende schloss der deutsche Leitindex bei 15.847 Punkten um 0,22 Prozent moderat höher und über der zuletzt bestimmenden technischen Unterstützungsmarke von 15.800 Punkten.

Zuvor hatte sich ein ähnlich trister Handelsverlauf wie schon die letzten Tage angedeutet, als Ausbruchsversuche schnell verpufften. Das Tagestief lag heute bei 15.758 Punkte, das Hoch bei 15.895 Zählern. Der MDAX legte in der gleichen Größenordnung zu und schloss bei 26.894 Zählern.

"Die hartnäckige Inflation lässt die Anleger befürchten, dass die Wiederherstellung der Preisstabilität einen viel höheren wirtschaftlichen Preis haben könnte, was das Vertrauen ein wenig erschüttert hat. Es werden nicht nur weitere Zinserhöhungen eingepreist, sondern auch die Aussicht auf Zinssenkungen in diesem Jahr ist mehr Fantasie als Realität geworden", kommentiert Craig Erlam vom Broker Oanda.

So weit wie die US-Notenbank ist die EZB noch nicht, sie liegt im Zinszyklus zurück. Europas Währungshüter steuern vielmehr trotz überwiegend mauer Konjunkturdaten im Kampf gegen die Inflation mit Volldampf auf die nächste Zinserhöhung zu.

"Sofern sich die Aussichten nicht wesentlich ändern, werden wir die Leitzinsen im Juli erneut anheben", so EZB-Präsidentin Christine Lagarde bei einer Konferenz der Notenbank im portugiesischen Sintra. Es sei "unwahrscheinlich, dass eine Zentralbank in naher Zukunft mit absoluter Überzeugung erklären kann, dass die Leitzinsen ihren Höchststand erreicht haben". Die EZB hat die Zinsen im Euroraum seit Juli 2022 achtmal in Folge angehoben.

Auch Jerome Powell, der Chef der US-Notenbank Federal Reserve (Fed), hatte sich zuletzt in diesem Sinne geäußert. Vor allem Hoffnungen auf eine baldige Zinssenkung hatte er eine klare Absage erteilt - zumindest solange, bis das von der(n) Notenbank(en) angestrebte Zinsziel von 2,00 Prozent erreicht sei. Danach sieht es unmittelbar nicht aus.

"Natürlich geht es einigen Ländern viel schlechter als anderen, wie zum Beispiel Großbritannien, aber auch anderswo sind die Fortschritte viel langsamer als erhofft, und es ist wahrscheinlich, dass sich der Weg von vier Prozent auf zum Beispiel zwei Prozent wieder als schwieriger erweisen könnte" so Erlam weiter.

Update Wirtschaft vom 27.06.2023

Antje Erhard, HR, tagesschau24, 27.06.2023 09:00 Uhr

Auch von der Konjunkturseite gibt es wenig Anschub für den Aktienmarkt. Langsam beginnen die hohen Zinsen zu wirken, was sich zumindest in Europa mit zunehmend schwächeren Konjunkturdaten und Erwartungen niederschlägt.

Nach dem schwachen ifo-Gesamtindex gestern, ist auch das ifo-Barometer für die Erwartungen in der deutschen Exportindustrie im Juni auf minus 5,6 Punkte gefallen, nach plus 1,0 Zählern im Mai. Das ist der niedrigste Wert seit November 2022, wie das Münchner Institut zu seiner monatlichen Unternehmensumfrage mitteilte.

"Neben der inländischen Nachfrageschwäche zeichnen sich jetzt auch noch weniger Aufträge aus dem Ausland ab", so der Leiter der ifo-Umfragen, Klaus Wohlrabe.

Abzulesen sind die schwächeren Wirtschaftsaussichten auch am Anlegerverhalten am Rentenmarkt. Der viel beachtete Rendite-Abstand - im Fachjargon Spread genannt - zwischen zwei- und zehnjährigen Bundesanleihen stieg auf 0,844 Prozentpunkte und übertraf damit sein am Freitag erreichtes 31-Jahres-Hoch. Experten sprechen hier von einer "inversen Renditekurve", weil üblicherweise kürzer laufende Titel wegen des kleineren Risikos niedriger verzinst werden als Langläufer. Unter Experten gilt eine solche Entwicklung als Vorbote einer Rezession.

Trotz der politischen Turbulenzen in Russland legte der Euro gegenüber dem US-Dollar zu. Er profitierte unter anderem von der deutlichen Zinsansage von EZB-Chefin Lagarde. Zudem wurde die US-Währung nicht als Fluchtwährung in Krisenzeiten genutzt, ein Effekt der sonst gerne den Markt zugunsten des Greenback beeinflusst.

Im US-Handel wurde der Euro zuletzt bei 1,0963 gut ein halbes Prozent höher Dollar gehandelt. Die Europäische Zentralbank setzte den Referenzkurs auf 1,0951 (Montag: 1,0918) US-Dollar fest.

Trotz der unklaren politischen Situation in Russland haben die Ölpreise ihre gestrigen Gewinne heute wieder eingebüßt. Ein Barrel der Nordseesorte Brent kostete rund 2,2 Prozent weniger, ebenso wie die US-Leichtölsorte WTI.

Eine Drosselung der Produktion von E-Autos im Volkswagen-Werk in Emden setzte der VW-Aktie zu. Die Papiere des Autobauers gehörten zu den größten Verlierern im DAX. Auf Anfrage von Reuters teilte Volkswagen mit, die Auslastung der Produktion in Emden dürfte nach der Markteinführung des Modells ID.7 Ende des Jahres wieder steigen.

Analyst Daniel Schwarz vom Brokerhaus Stifel zeigte sich allerdings skeptisch. "Wir wissen, dass der Auftragseingang für batterieelektrische Fahrzeuge in den letzten Wochen schwach war. Die Tatsache, dass Volkswagen die Zahl der Leiharbeiter reduziert und eine Schicht streicht, signalisiert allerdings, dass es nicht davon ausgeht, dass sich die Situation kurzfristig verbessert."

Der Stuttgarter Sportwagenbauer Porsche will beim Fußballklub VfB Stuttgart einsteigen und Mercedes als Namensgeber von dessen Stadion ablösen. Das ehemalige Gottlieb-Daimler-Stadion soll künftig den Namen "MHP Arena" tragen, nach der Ludwigsburger IT- und Management-Beratungs-Tochter der Porsche AG.

Zudem seien der knapp dem Abstieg entronnene Bundesligist und die Volkswagen-Tochter "im Austausch über eine mögliche Beteiligung von Porsche an der VfB Stuttgart AG", hieß es in einer heute verbreiteten Mitteilung. Dem Sportmagazin "kicker" zufolge geht es um 11,75 Prozent - einen ebenso hohen Anteil hält die Mercedes-Benz Group.

Der Sportwagenbauer Porsche lädt am Mittwoch (10.00 Uhr) zu seiner ersten Hauptversammlung nach dem Börsengang. Abgestimmt wird unter anderem über die Dividende für das vergangene Geschäftsjahr. Für Stammaktien mit Stimmrecht hatten Vorstand und Aufsichtsrat eine Höhe von einem Euro je Wertpapier vorgeschlagen, für Vorzugsaktien ohne Stimmrecht 1,01 Euro.

Im DAX gehörte die Aktie des Energiekonzerns nach den heftigen Verlusten zuletzt mit rund plus zwei Prozent zu den größten Gewinnern. Die US-Investmentbank Goldman Sachs hat das Kursziel für Siemens Energy mit Blick auf die zurückgezogene Gewinnprognose zwar von 31,70 auf 25,90 Euro gesenkt, aber die Einstufung auf "Buy" belassen.

Die dafür verantwortlichen Qualitätsprobleme bei der Windkrafttochter Siemens Gamesa dürften den Energietechnikkonzern mehr als eine Milliarde Euro kosten. Die negative Kursreaktion der vergangenen Wochen sei aber übertrieben. Der VW-Konzern hatte den Hersteller von Sport- und Geländewagen im September 2022 an die Börse gebracht. Ein Viertel der Vorzugsaktien wird seitdem frei gehandelt. Seit vergangenem Dezember ist Porsche auch im Leitindex DAX. Die, ebenfalls im DAX notierte, Familienholding Porsche SE erwarb im Zuge des Börsengangs eine Sperrminorität an den Stammaktien.

Zur besseren Stimmung in der Windkraftbranche trug auch bei, dass der Windturbinen-Hersteller Nordex seine Prognose bestätigte. "Was Nordex betrifft, gibt es zusätzlich zu den Informationen, die wir basierend auf unserem gegenwärtigen Kenntnisstand bereits kommuniziert haben, keine neuen Sachverhalte", erklärte das Unternehmen. "Unsere Guidance bleibt unverändert gültig."

Danach strebt Nordex 2023 einen Umsatz von 5,6 bis 6,1 Milliarden Euro und eine operative Ergebnis-Marge von minus 2,0 bis 3,0 Prozent an. Die Nordex-Aktie legt nach der Bestätigung der Prognose zeitweise auf plus drei Prozent zu, konnte das Spitzenniveau aber nicht behaupten.

Fundamentalen Rückenwind für die Branche der Alternativen Energien gab es durch die Nachricht, dass Wind, Wasser, Sonne oder Biomasse im ersten Halbjahr mehr als die Hälfte des in Deutschland verbrauchten Stroms erzeugten. Im Mai erreichte der Anteil der Erneuerbaren am Stromverbrauch wegen des sonnigen Wetters sogar 57 Prozent, wie die vorläufigen Berechnungen des Branchenverbands BDEW und des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW) ergaben. Höher war der Anteil bislang nur im Februar 2022 mit außergewöhnlich viel Windstrom gewesen.

Der deutsche Rüstungskonzern Rheinmetall liefert im kommenden Jahr 14 Leopard-2-Kampfpanzer an die Ukraine. Darüber sei eine vertragliche Vereinbarung mit Vertretern der Bundesregierung und der beiden Auftraggeber - der Niederlande und Dänemarks - getroffen worden, so das Unternehmen.

Zuvor war bekannt geworden, dass das US-Unternehmen General Dynamics und die US-Tochter des deutschen Rheinmetall-Konzerns im Rennen um die Entwicklung eines Nachfolgers des US-Schützenpanzers Bradley eine Runde weiter sind. Die beiden Konzerne seien unter fünf Bewerbern ausgewählt worden, um konkrete Vorschläge und später Prototypen für das Waffensystem zu entwickeln, teilte die US-Armee in der Nacht mit.

JPMorgan hat die Rheinmetall-Aktie derweil bei einem Kursziel von 310 Euro bei "Overweight" belassen. Selbst wenn der Krieg in der Ukraine ein Ende finden sollte, so stehe Europa doch erst am Anfang eines fünf- bis zehnjährigen Investitionszyklus in die Rüstung, schrieb Analyst David Perry in einer am Dienstag vorliegenden Branchenstudie. Das gelte auch für fernöstliche Staaten wie Japan und Australien.

Im Diesel-Betrugsprozess ist der frühere Audi-Chef Rupert Stadler zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und neun Monaten verurteilt worden. Zudem muss er ein Bußgeld in Höhe von 1,1 Millionen Euro zahlen, wie das Landgericht München II am Dienstag mitteilte. Stadler hatte in dem Prozess ein Geständnis abgelegt und dabei Betrugsvorwürfe eingeräumt; ihm war vorgeworfen worden, den Verkauf von mit Abschalteinrichtungen manipulierten Dieselfahrzeugen nicht gestoppt zu haben, nachdem er von der Manipulation erfahren hatte.

Eine Erhöhung der Erstattung von Dialyse-Behandlungskosten im Rahmen des staatlichen Medicare-Programms ist niedriger ausgefallen als von Experten erwartet. Aktien von FMC aus dem MDAX, das in den USA Dialyse-Kliniken betreibt, büßten knapp sechs Prozent ein und waren damit größter MDAX-Verlierer. Nach Angaben der US-Bank JPMorgan wird die Erstattung von Dialyse-Behandlungskosten um 1,7 Prozent erhöht. Das sei deutlich weniger als die Markterwartung, die bei über drei Prozent gelegen hatte.

Bei der von UBS übernommenen schweizerischen Bank Credit Suisse (CS) kommt es Kreisen zufolge zum Kahlschlag. Mehr als die Hälfte der Arbeitnehmer sollen ihren Job verlieren, berichtete die Nachrichtenagentur Bloomberg am Abend unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Personen.

Eine erste Abbaurunde solle bereits im Juli stattfinden, weitere dann im September und Oktober. Besonders um ihren Job zittern müssten Angestellte der Investmentbank in London, New York und Asien. Konkret steht laut den Angaben insgesamt ein Abbau von rund 35.000 Stellen im Raum. UBS wollte dies gegenüber Bloomberg nicht kommentieren.

Dass es wegen der Notübernahme von CS durch UBS zu einem Stellenabbau kommt, ist allerdings nicht neu. Ein solcher sei nicht zu vermeiden, hatte UBS-Chef Sergio Ermotti schon mehrfach gesagt. Beziffert wurde der Abbau bislang aber nicht.

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 27. Juni 2023 um 09:00 Uhr.