Händler an der New Yorker Börse | dpa
Marktbericht

Sechster Verlusttag in Folge Zinssorgen belasten US-Börsen weiter

Stand: 27.09.2022 22:22 Uhr

Der amerikanische Leitindex Dow Jones und auch andere wichtige Indizes büßten ihre anfänglichen Gewinne wieder ein. Die Angst vor weiteren Zinserhöhungen hat Erholungsversuche in den USA und auch in Europa gestoppt.

Auch der amerikanische Markt musste seinen Erholungsversuch nach einer fünftägigen Verlustserie abbrechen. Der Dow-Jones-Index der Standardwerte fiel bis zum Börsenschluss um 0,43 Prozent auf 29.135 Punkte, nachdem er im frühen Handel - ähnlich wie der DAX - optimistisch mit einem Plus gestartet war. Aussagen von James Bullard, dem Präsidenten der Notenbank von St. Louis in den USA, haben jedoch Sorgen vor weiteren Zinserhöhungen am Markt neu entflammt. Ihm zufolge sind mehr Zinserhöhungen erforderlich, um die hohe Inflation zu bekämpfen. Zudem seien die Risiken für die Wirtschaft weiterhin erhöht. Ähnlich hatten sich zuvor bereits andere Vertreter der amerikanischen Notenbank Federal Reserve (Fed) geäußert.

Frische US-Konjunkturdaten gaben dem Markt zudem keine klare Richtung. So sanken die Aufträge für langlebige Güter im August erneut leicht. Die Stimmung der Verbraucher aber hellte sich im September überraschend deutlich auf.

Für den marktbreiten S&P 500 ging es um 0,21 Prozent auf 3647 Zähler nach unten. Der Technologiewerte-Index Nasdaq 100 legte dagegen leicht um 0,16 Prozent auf 11.272 Punkte zu. Tech-Werte waren bereits gestern weniger stark als der Gesamtmarkt gefallen, nachdem die Experten der US-Bank JPMorgan in einer Studie von einem günstigen Einstiegspunkt für Anleger gesprochen hatten.

Konsumlaune in USA steigt überraschend stark

Die Stimmung der US-Konsumenten hat sich im September überraschend deutlich aufgehellt. Das Barometer für die Verbraucherlaune stieg auf 108 Zähler von revidiert 103,6 Punkten im August, wie das Institut Conference Board heute zu seiner Umfrage mitteilte. Ökonomen hatten nur mit 104,5 Zählern gerechnet. Die Verbraucher bewerteten die aktuelle Lage und die Aussichten besser als zuletzt.

Verkauf von US-Eigenheimen steigt

Derweil sind Verkäufe neuer Eigenheime in den Vereinigten Staaten im August unerwartet gestiegen. Der Absatz bestehender Häuser kletterte um 28,8 Prozent zum Vormonat auf eine Jahresrate von 685.000, wie das Handelsministerium mitteilte. Von Reuters befragte Ökonomen hatten mit einem Rückgang auf 500.000 Einheiten gerechnet.

DAX beendet Handelstag erneut im Minus

Nach dem holprigen Wochenstart am deutschen Aktienmarkt ist heute ein weiterer DAX-Anlauf zur Erholung gescheitert. Der deutsche Leitindex drehte im Handelsverlauf mehrmals von einem klaren Plus in die Minuszone und schloss den Tag mit einem Verlust von 0,72 Prozent bei 12.140 Punkten - das ist der niedrigste Stand seit November 2020. Für den MDAX ging es heute ebenfalls nach unten: Der Index der mittelgroßen Werte gab 0,5 Prozent auf 22.343 Punkte nach.

Für Verunsicherung am Markt sorgte ein deutlicher Preisanstieg für europäisches Erdgas im Zuge einer erneuten Eskalation der Gaskrise. Insgesamt drei Lecks waren - nach einem ersten Druckabfall in der Nacht auf Montag - sowohl in einer der Röhren von Nord Stream 2 wie auch in beiden Röhren der Nord-Stream-1-Pipeline entdeckt worden. Zwar wird aktuell durch keine der Pipelines Gas geliefert, der Gaspreis stieg angesichts der Verunsicherung aber.

Der russische Staatskonzern Gazprom drohte zudem mit Sanktionen gegen den ukrainischen staatlichen Gaskonzern Naftogaz. Dieser erhält derzeit Transitgebühren für die Durchleitung von Erdgas in andere europäische Staaten. Im Falle von Sanktionen würden die Transitgebühren nicht mehr bezahlt und die Lieferungen eingestellt.

Auch an anderen europäischen Börsen hat der starke Anstieg des Gaspreises eine zaghafte Erholung nach den jüngsten Verlusten zunichte gemacht. Die wichtigsten Indizes in Großbritannien der Frankreich rutschten im späten Handel in die Verlustzone.

Rezession im Winter erwartet

Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) befürchtet für 2023 einen Einbruch der Konjunktur um 1,75 Prozent, nach 1,25 Prozent Wachstum in diesen Jahr. "Alles deutet darauf hin, dass Deutschland unkontrolliert in eine Rezession schlittert", sagte IW-Direktor Michael Hüther. Der Staat müsse jetzt massiv gegensteuern. Neben den Verbrauchern müssten auch die Unternehmen entlastet - und notfalls die Schuldenbremse erneut ausgesetzt werden. Am Donnerstag veröffentlichen zudem die vier führenden Wirtschaftsforschungsinstitute ihr Herbstgutachten für die Bundesregierung.

Deutsche Exportaussichten mager

Die Exporterwartungen der deutschen Wirtschaft sind derweil nach Angaben des ifo-Instituts auf den niedrigsten Wert seit Mai 2020 gefallen. Der Index sank im September auf minus 6,0 Punkte, nach minus 2,8 Punkten im August. Auch mittelfristig sei aufgrund der abkühlenden Weltkonjunktur kaum eine größere Dynamik zu erwarten, sagte ifo-Präsident Clemens Fuest. In den meisten Industriebranchen seien die Exporterwartungen negativ.

Pfund und Euro stabilisieren sich wieder

Der Euro und das britische Pfund haben sich nach einem turbulenten Wochenauftakt heute wieder stabilisiert. Ein Euro kostete zuletzt 0,9597 US-Dollar. Gestern war der Kurs mit 0,9554 Dollar auf einen 20-jährigen Tiefststand gefallen. Das britische Pfund legte etwas zu und wurde mit 1,0731 Dollar gehandelt. Gestern war die britische Währung auf ein Rekordtief von 1,0350 Dollar gesunken.

Als wesentlicher Grund für den Einbruch der beiden Währungen gilt der schon seit einiger Zeit starke Dollar. "Der US-Dollar profitiert gerade einfach auch davon, dass die anderen großen Währungen mit ihren ganz eigenen Problemen in den Schlagzeilen stehen", kommentierte Esther Reichelt, Devisenexpertin der Commerzbank. "Diese führen dem Markt gerade wieder die Abwärtsrisiken der jeweiligen Währungen klar vor Augen." Auf dem Euro lasten die Energiekrise, die trüben Konjunkturaussichten und auch der Sieg der rechten Parteien in Italien. Das britische Pfund wird vor allem durch finanzpolitische Sorgen unter Druck gesetzt.

Ölpreise steigen

Nachdem der Ölpreis gestern auf den tiefsten Stand seit Januar gefallen war, geht es mit den Preisen heute wieder nach oben. Ein Barrel der Nordseesorte Brent verteuerte sich um 2,84 Prozent auf 86,52 Dollar, die US-Sorte WTI steht 2,69 Prozent höher bei 78,89 Dollar. Hintergrund sind die trüben Konjunkturaussichten und steigende Zinsen. Beides belastet die Nachfrage nach Erdöl und Ölprodukten wie Benzin oder Diesel. Öl erhielt Börsianern zufolge darüber hinaus von möglichen Ausfällen der US-Förderung wegen eines Wirbelsturms im Golf von Mexiko Rückenwind.

Goldpreis legt leicht zu

Gold verteuerte sich geringfügig um 0,15 Prozent auf 1630 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm). Vergangenen Freitag war der Preis für das Edelmetall auf den tiefsten Stand seit April 2020 gefallen. "Jede Schwäche des Dollar löst eine Erleichterungsrally aus, wenn auch nur eine kurze", sagte Analyst Geordie Wilkes vom Research-Haus Sucden. Eine Abwertung der Weltleitwährung macht Rohstoffe für Investoren außerhalb der USA attraktiver, da Gold in US-Dollar gehandelt wird.

Technologiewerte setzen sich an DAX-Spitze

In der DAX-Familie setzte sich heute die Erholungsrally bei den zuletzt gebeutelten Technologie- und Internetwerten fort. An die Spitze des deutschen Leitindex hat sich der Berliner Online-Händler Zalando mit einem Plus von zwei Prozent geschoben. Die Papiere des Halbleiterkonzerns Infineon stiegen um 0,98 Prozent.

Im MDAX eroberten Aktien des Softwareanbieters Teamviewer den Spitzenplatz mit einem Aufschlag von 4,3 Prozent. Ihnen folgten die Papiere des MDAX-Neulings und Kochboxenversenders HelloFresh mit plus 3,8 Prozent. Für den Chipindustrie-Ausrüster Aixtron ging es um zwei Prozent nach oben.

Vonovia will Mietern wegen Energiekosten nicht kündigen

Deutschlands größter Immobilienkonzern Vonovia will Mieterinnen und Mietern nicht im Zusammenhang mit hohen Energiekosten kündigen. "Bei uns wird niemand eine Wohnung verlieren, nur weil die Heizkosten nicht gezahlt werden können", zitierte die "Welt" (Mittwoch) Vonovia-Chef Rolf Buch. Man kümmere sich intensiv um einzelne Fälle, in denen Mieter wegen hoher Energiepreise in Schwierigkeiten geraten seien. Notfalls können Vereinbarungen über Ratenzahlungen getroffen werden. Der Konzern helfe auch bei der Suche nach staatlichen Unterstützungsleistungen.

"Eine Kündigung wegen hoher Energiekosten werden wir nicht aussprechen." Angesichts der weiter stark steigenden Energiepreise verdoppelt Vonovia allerdings die monatlichen Abschläge für die Heizkosten seiner Mieter, wie die "Westdeutschen Allgemeine Zeitung" online berichtete. Eine Konzernsprecherin sagte dazu auf dpa-Anfrage, das werde nicht sofort für alle 490.000 Wohnungen greifen, sondern nach und nach umgesetzt.

Deutsche Bank DAX-Schlusslicht

Die Konjunktureintrübung und höhere Zinsen werden aus Sicht von EZB-Vizepräsident Luis de Guindos an den Banken nicht spurlos vorübergehen. "Man muss berücksichtigen, dass wir eine Abkühlung der Konjunktur haben werden und dass höhere Zinsen gleichzeitig klare Auswirkungen auf die Solvenz von Unternehmen haben", sagte der Stellvertreter von Notenbankchefin Christine Lagarde heute auf einer Finanz-Veranstaltung in London. Die Deutsche Bank, das größte deutsche Geldhaus, war im deutschen Leitindex heute größter Verlierer mit einem Minus von mehr als vier Prozent.

mBank belastet Commerzbank weiter

Ihre polnische Tochtergesellschaft mBank wird die Commerzbank auch im dritten Quartal belasten. Das Institut habe im Zusammenhang mit ihrem Schweizer-Franken-Portfolio eine zusätzliche Vorsorge von umgerechnet rund 490 Millionen Euro gebildet, teilte das Geldhaus heute mit. Das operative Ergebnis der Commerzbank werde im dritten Quartal in entsprechender Höhe belastet. Trotz der neuerlichen Vorsorge in Polen hält die Bank an ihrem Ergebnisziel für 2022 fest und will weiterhin ein Konzernergebnis von mehr als eine Milliarde erreichen, wie Finanzchefin Bettina Orlopp ankündigte. Diese Prognose setze weiterhin voraus, dass sich die wirtschaftlichen Auswirkungen der geopolitischen Situation nicht deutlich verschärften und die Unsicherheiten über die Energieversorgung keine signifikante Erhöhung der Risikovorsorge für potenzielle zukünftige Kreditausfälle erforderten.

Konkurrenz hilft Delivery Hero

Positive Aussichten des Konkurrenten Just Eat Takeaway gaben heute auch den Papieren von Delivery Hero Auftrieb. Europas größter Essenslieferant Just Eat Takeaway will nun schneller als erwartet wieder in die Gewinnzone kommen. Man rechne mit einem bereinigten Gewinn bereits in der zweiten Jahreshälfte, teilte das Unternehmen heute mit. Der Hintergrund seien Kostensenkungen und eine Erhöhung des Umsatzes pro Bestellung gewesen. Die Anteile von Delivery Hero zogen merklich an, nachdem der britische Wettbewerber seine Jahresziele veröffentlicht hatte. In der Spitze betrug das Plus bei Delivery Hero mehr als fünf Prozent, reduzierte sich bis Handelsschluss jedoch auf 1,5 Prozent.

Porsche-Aktie im Fokus

Inmitten eines von Sorge geprägten Umfelds an den internationalen Finanzmärkten wagt Porsche den großen Auftritt: Am Donnerstag geht der Sportwagenhersteller an die Frankfurter Börse. Es wird einer der größten Börsengänge Europas der vergangenen Jahre. Die Porsche-Muttergesellschaft Volkswagen hofft auf einen Erlös von 9,4 Milliarden Euro durch den Börsengang und eine Bewertung des Autoherstellers von bis zu 75 Milliarden Euro. Zwei Tage vor dem geplanten Mega-Börsengang der VW-Sportwagentochter Porsche signalisierten die begleitenden Banken, dass die Papiere wohl am oberen Ende der bis 82,50 Euro reichenden Angebotsspanne zugeteilt werden.

Ob der Börsengang ein Erfolg wird, hängt vom derzeit noch "schwierigen wirtschaftlichen Umfeld" ab, wie Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer betont. Ukraine-Krieg, Inflation, drohende Rezession und steigende Zinsen - derzeit sei "nicht die beste Zeit für einen Börsengang" und es gebe "wenig Argumente, Anleger für Aktienkäufe zu begeistern". Gleichwohl markierten Porsche und der Börsengang eine "internationale Wertschätzung deutscher Ingenieurskunst" und das Potenzial für einen Börsenerfolg sei da.

Elektroautohersteller gefragt

Unter den amerikanischen Einzelwerten waren mit der Lucid Group und Tesla zwei Hersteller von Elektroautos gefragt. So zogen Tesla nach einem Bericht des Branchendienstes Electrek zeitweise um bis zu vier Prozent an. Demnach habe das Unternehmen in einer E-Mail an die Angestellten angekündigt, in den letzten Tagen des dritten Quartals ein "sehr hohes Volumen an Fahrzeugen" ausliefern zu wollen. Im Nasdaq 100 schnellten die Anteilscheine von Lucid Group um mehr als fünf Prozent in die Höhe, gaben danach jedoch wieder einen Teil der Gewinne ab. Hier erwies sich ein positiver Analystenkommentar von Cantor Fitzgerald als Antrieb. Im Vergleich zu den Wettbewerbern böten die Luxus- und Premiumfahrzeuge von Lucid eine größere Effizienz, eine größere Reichweite und mehr Platz. Zudem würden die Autos schneller laden.

Biogen muss 900 Millionen Dollar zahlen

Der US-Biotechnologiekonzern Biogen soll Ärzte mit Schmiergeldern dazu animiert haben, seine Medikamente gegen Multiple Sklerose zu verschreiben, und muss dafür nun 900 Millionen Dollar zahlen. Die Bundesstaatsanwaltschaft teilte gestern mit, der Konzern lege auf diese Weise eine Whistleblower-Klage des ehemaligen Biogen-Mitarbeiters Michael Bawduniak bei. Im Rahmen des Vergleichs wird Biogen mehr als 843 Millionen Dollar an die Bundesregierung und mehr als 56 Millionen Dollar an 15 US-Staaten zahlen, in denen Versicherungsprogrammen überhöhte Rechnungen ausgestellt wurden. Bawduniak wird einen Teil der Bundesrückzahlung erhalten. Biogen teilte mit, der Vergleich bedeute kein Eingeständnis der eigenen Haftung. Das Unternehmen habe stets im Einklang mit den Gesetzen gehandelt. An der Börse legten die Biogen-Papiere um mehr als einen Prozent zu.

Meta stoppt russische Falschinformations-Kampagne

Der Facebook-Konzern Meta hat die bisher größte russische Kampagne mit Falschinformationen im Angriffskrieg gegen die Ukraine gestoppt. Über ein Netzwerk aus Hunderten Accounts wurden gefälschte Artikel verbreitet, die vorgaben, unter anderem vom "Spiegel", der "Bild-Zeitung" und der britischen Zeitung "The Guardian" zu stammen. Darin wurde auch vor ukrainischen Flüchtlingen gewarnt, wie Meta in einem heute veröffentlichten Bericht schrieb. Auch wurde darin behauptet, die Sanktionen gegen Russland würden nur dem Westen selbst schaden.

Zu dem Netzwerk gehörten über 1600 Accounts sowie gut 700 Seiten auf Facebook und rund 30 Profile auf der zum Konzern gehörenden Foto- und Video-Plattform Instagram. Neben Deutschland nahm es auch Nutzer in Frankreich, Italien, Großbritannien und der Ukraine ins Visier. Nur etwa 4000 Accounts seien einer der Facebook-Seiten des Netzwerks gefolgt, während die Betreiber rund 105.000 Dollar (110.000 Euro) für Werbung ausgaben. Zudem seien die Inhalte zum Teil auch von Facebook-Profilen russischer Botschaften verbreitet worden.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 27. September 2022 um 17:00 Uhr.