EuroSchau

Kolumne Euroschau Widerspenstiges Monster - hilflose EZB

Stand: 06.11.2013 16:02 Uhr

Trotz Geldflut der EZB und Zinsen auf Rekordtief: Die Inflation in der Eurozone ist niedrig - offenbar zu niedrig. Die Angst vor Deflation macht sich breit. Deren Folgen wären für die Wirtschaft dramatisch. Und dagegen hälfe auch keine "Bazooka".

Von Klaus-Rainer Jackisch, HR

Tokios Ginza ist die Einkaufsmeile Japans schlechthin. In der schillernden Prachtstraße mit bunten Neon-Leuchten, angelegt im 19. Jahrhundert nach den Vorbildern aus London und Paris, kann man shoppen, bis die Kreditkarte glüht. Doch trotz allem Glamour hatten die Einzelhändler dort jahrzehntelang nicht viel zu lachen: Es wurde nicht geshoppt. Denn die Japaner gaben kein Geld aus.

Das Schreckgespenst heißt Deflation. Es brachte die Ökonomie Nippons an den Rande des Abgrundes. Darunter verstehen Volkswirte eine Preisspirale nach unten. Die Waren werden immer billiger. Weil die Verbraucher aber auf weiter sinkende Preise spekulieren, werden die Produkte zum Ladenhüter. Deshalb sinken Nachfrage, Produktion und Import. Die Binnenwirtschaft bricht zusammen. Fast 20 Jahre ging das so im Land der aufgehenden Sonne.

Kolumne Euroschau
tagesschau24 09:30 Uhr, 07.11.2013, Klaus-Rainer Jackisch, HR

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Sorgen wegen sinkender Verbraucherpreise

Nun macht das Schreckgespenst Deflation auch in Europa die Runde. Denn die gegenwärtige Krise setzt alle Regeln der modernen Ökonomie außer Kraft. Eigentlich hätten die Geldflut der Europäischen Zentralbank und die niedrigen Zinsen die Inflation anheizen müssen. Doch die Zurückhaltung der Verbraucher und der dramatische Zusammenbruch der Ökonomien in Südeuropa wirken genau in die gegensätzliche Richtung: Seit Monaten sinken die Verbraucherpreise. Im Oktober lag die Inflationsrate für die Eurozone nur noch bei 0,7 Prozent. Das ist der tiefste Stand seit rund vier Jahren.

Die EZB strebt aber eine Teuerungsrate von knapp zwei Prozent an und sieht Handlungsbedarf. Denn sie muss nicht nur auf Abweichungen nach oben, sondern eben auch nach unten reagieren. Volkswirte sind sich einig: Deflation hat langfristig schlimmere Folgen als (moderate) Inflation. Sinken Nachfrage und Produktion, führt das zu Arbeitslosigkeit und wirtschaftlichem Niedergang. Aus der Deflationsspirale kommt man nur schwer heraus, wie das Beispiel Japan erschreckend zeigt.

Spielraum der EZB wird immer kleiner

Deshalb sind die Erwartungen hoch, die EZB werde erneut die Leitzinsen senken. Viel Spielraum hat die Notenbank nicht mehr. Das Zinsniveau ist mit 0,5 Prozent ohnehin im Keller und auf einem Rekordtief. Auch gibt es große Zweifel, ob eine Senkung überhaupt wirken würde. Niedrige Zinsen sollen Unternehmen zum Investieren locken. Verbraucher sollen sie zum Konsumieren reizen, weil das Geld auf dem Sparbuch kaum noch Erträge bringt. Wenn aber die Arbeitslosigkeit hoch und das Vertrauen in die Zukunft weg ist, funktioniert diese Gleichung nicht mehr. Ein Zinsschritt würde vermutlich sofort verpuffen. Dann hätte die EZB noch weniger Spielraum, um auf eine Zuspitzung der Krise zu reagieren. Man kann nur hoffen, dass die EZB die Finger von diesem Unsinn lässt.

Andere glauben, der Start einer neuen "Bazooka" wäre effektiver: Noch mehr billiges Geld in die Märkte pumpen, könnte die Banken verleiten, die Kreditvergabe an Unternehmen anzukurbeln. Wunder darf man sich aber auch davon nicht versprechen. Auch die "dicke Berta", also die letzte Geldschwemme, hat nur teilweise gewirkt. Wenn Unternehmer keinen Erfolg für ihr Geschäft sehen, werden sie nicht investieren. Außerdem zeigt sich an diesem Punkt die Problematik, dass die EZB auch Bankenaufsicht wird. Eine neue Geldspritze an die Geschäftsbanken wird man der Notenbank ankreiden, weil sie damit auch den angekündigten Stresstest der Institute gleich wieder entwertet.

Die EZB befindet sich in einer schwierigen Situation und hat nur noch wenig Gestaltungsspielraum. Das ist Folge des Versagens der Politik, Probleme der Wirtschaft auf eine Zentralbank abzuwälzen.

Versteckte Inflation auf dem Immobilienmarkt

Das Monster Deflation ist übrigens nur eine Seite der Medaille. Denn die Eurokrise hat durchaus auch Inflation ausgelöst. Sie wird nur so nicht genannt. Die Effekte fließen nämlich nicht in die Verbraucherpreise ein, die landläufig als Gradmesser der Preisentwicklung gelten. Auf dem Immobilienmarkt zum Beispiel gibt es durchaus Inflation. Sie drückt sich in höheren Kauf- und Mietpreisen aus. In einer großangelegten Studie hat die Deutsche Bundesbank dies jetzt erstmals belegt: In den Großstädten sind Immobilien um 15 bis 20 Prozent überteuert. Die Bank warnt sogar vor Vermögensverlusten. Starker Tobak der sonst so diplomatischen Notenbank. Das gilt zunehmend auch für kleine Städte. Aus Angst vor Geldentwertung gibt es weiterhin einen Boom auf dem Immobilienmarkt.

Inflation, also Geldentwertung, gibt es auch durch die niedrigen Zinsen. Konservative Sparer schauen schon lange in die Röhre. Auch bei der Altersvorsorge wird es dramatische Rückschläge geben. Versicherungen oder Pensionskassen müssen ihre versprochenen Überschüsse irgendwie erwirtschaften. Bei abenteuerlich niedrigen Zinsen ist das kaum möglich. All dies sind reale Kosten für die Verbraucher und Folge der Eurokrise. Nur will keiner diese Rechnung aufmachen. Schon gar nicht die Politik.

Die Lösung bei alledem kann also nicht sein, immer neue Rettungsmaßnahmen zu starten, die Geldschleusen ins Unendliche zu öffnen und die Zinsen auf Null zu senken. Die Lösung kann nur eine Rückkehr zu einigermaßen normalen Verhältnissen sein, auch wenn das vielleicht weh tut. Hier ist die Politik gefragt, die endlich handeln muss.

Japaner können davon ein Lied singen. Erst eine aggressive Neuausrichtung der dortigen Wirtschaftspolitik mit zum Teil schmerzhaften Einschnitten hat die Ökonomie der drittgrößten Volkswirtschaft wieder anspringen lassen. Seit einiger Zeit sind auch die Geschäfte auf Tokios Ginza wieder voll. Das Neon-Licht strahlt wieder heller und der Glamour kehrt zurück.

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