Estland bekommt Gemeinschaftswährung Wenig Jubel über Euro-Einführung

Stand: 08.06.2010 16:11 Uhr

Mitten in der gegenwärtigen Währungskrise präsentieren die EU-Finanzminister und die Währungskommission mit Estland ein neues Euroland. In Tallin selbst ist die Freude über den Beitritt zur europäischen Gemeinschaftswährung zum 1. Januar 2011 eher zurückhaltend.

Von Albrecht Breitschuh, ARD-Hörfunkstudio Stockholm

Die estnische Hauptstadt Tallinn
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Die estnische Hauptstadt Tallinn: Hier kann man ab Januar 2011 mit dem Euro bezahlen

Jean Claude Juncker ist der Mann der Stunde in Estland. Mit den Worten des Vorsitzenden der Eurogruppe wird zur Zeit jede Nachrichtensendung des staatlichen Rundfunks eröffnet:

"Wir haben einer Empfehlung entsprochen, Estland zum 1. Januar 2011 als 17. Mitglied in die Eurozone aufzunehmen. Damit erkennen wir die bedeutenden Fortschritte eines Landes an, das alle Bedingungen für die Euro-Einführung erfüllt hat."

Sparprogramm für den Euro-Beitritt

Dass nach dieser Nachricht der ganz große Jubel im Lande ausblieb, hat vor allem mit der derzeitigen Euro-Krise zu tun. Viele Bürger sind skeptisch, dass sich mit der neuen Währung auch ihre Lage verbessern wird. In Estland wurde in den letzten Jahren eisern gespart, um die Euro-Bedingungen zu erfüllen, die Arbeitslosigkeit liegt bei knapp unter 15 Prozent:

"Ich hoffe sehr, dass sich für uns nun was bessert", sagt eine Frau, "es wäre ein großer Segen für Estland. Und das Vertrauen in den Euro habe ich noch nicht verloren."

Eine andere Estnin ist das eher skeptisch: "Wenn wir sehen, was jetzt in Griechenland passiert, glaube ich nicht, dass mit dem Euro alles automatisch besser wird. Es kann uns genauso gehen wie anderen Ländern - und am Ende steht ein dickes Minus."

Baltischer Tiger als Zwerg in der Eurozone

Die Flagge Estlands neben der EU-Flagge
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Einträchtig nebeneinander: Die Flagge Estlands und die Gemeinschaftsflagge der Europäischen Union

Estland ist mit seinen gerade mal 1,3 Millionen Einwohnern das kleinste der drei baltischen Länder. Wirtschaftlich ist der einstige so genannte Tiger im EU-Vergleich ohnehin ein Zwerg. Das Bruttoinlandsprodukt von gerade mal 15 Milliarden Euro im letzten Jahr entspricht in etwa der Hälfte dessen, was im Stadtstaat Bremen 2009 erwirtschaftet wurde. Holz und Metall sind die größten Exportwaren, die in den letzten Jahren wegen der Finanzkrise jedoch kaum noch Abnehmer fanden.

Mit dem Euro, so Finanzminister Jürgen Ligii, soll sich aber nicht nur der Außenhandel beleben: "Wir glauben, dass der Euro für die wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes insgesamt unabdingbar ist. Und wir haben in den Zeiten der Weltwirtschaftskrise alle Bedingungen des Maastricht-Vertrages erfüllt, obwohl es für uns sehr schwierig war. Andere Länder dagegen haben die Kriterien immer wieder verletzt." 

Lettland und Litauen könnten 2014 folgen

Womit auch die baltischen Nachbarn Lettland und Litauen gemeint sind, die frühestens 2014 in die Eurozone kommen. In Estland führten die Sparmaßnahmen der Regierung, vor allem drastische Lohnkürzungen, zum Bruch der Koalition. Nun hofft die bürgerliche Regierung  von Ministerpräsident Andrus Ansip die Ernte einfahren zu können. Neben wirtschaftlichen Gründen hat die Einführung des Euro für die ehemalige Sowjetrepublik Estland auch einen hohen symbolischen Wert: 20 Jahre nach der wiedererlangten Unabhängigkeit ist das Land endgültig im Westen angekommen.

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