EADS in Friedrichshafen
Interview

Protektionismus im Rüstungsgeschäft "EADS hat nun eine Baustelle weniger"

Stand: 22.10.2015 14:37 Uhr

"Europa hat sich für den A400M entschieden, warum sollten die USA nicht einen amerikanischen Tanker kaufen?" Der Experte Lange betont gegenüber tagesschau.de, politische Entscheidungen seien im Rüstungsgeschäft gang und gäbe. Außerdem habe das Aus von EADS in dem vermeintlichen "Jahrhundertdeal" auch positive Aspekte.

tagesschau.de: Wie schwer trifft EADS der verpasste Auftrag für die US-Tankflugzeuge?

Sascha Lange von der SWP

Sascha Lange von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) ist Experte für Luft-, Raumfahrt- und Verteidigungsindustrie.

Sascha Lange: EADS hat damit einen großen Auftrag verpasst, keine Frage. Es ist zwar ein großes Projekt, aber es gibt auch größere. Zudem hat die EADS nun eine Baustelle weniger - und kann sich auf andere Projekte konzentrieren. Damit hat der Konzern 100 Millionen Euro gespart, denn soviel hatte man für ein Beteiligungsverfahren veranschlagt.

tagesschau.de: Ist das Projekt bei EADS nun am Ende?

Lange: Das Tankerprogramm bei Airbus wird unabhängig vom US-Auftrag fortgeführt. Es gibt Nationen wie Großbritannien, Saudi-Arabien oder Australien, die sich für den Airbus-Tanker entschieden haben. Für die wird die Maschine weiterentwickelt. Die Stückzahlen sind allerdings geringer.

tagesschau.de: Beim US-Auftrag ist von 179 Maschinen die Rede.

Lange: Es wird zwar immer von 179 Maschinen gesprochen, tatsächlich sieht das Ausschreibungsverfahren mehrere Blöcke vor. Zunächst geht es um 60 Maschinen, danach soll es neue Verhandlungen gegen. Airbus hat bislang etwa 30 Maschinen verkauft, ich würde das Marktpotenzial auf noch einmal zehn bis 20 Stück schätzen.

Computergrafik der Firma Northrop Grumman: Tankflugzeug vom Typ KC-30 beim Auftanken eines B2-Bombers in der Luft.

Die Computergrafik der Firma Northrop Grumman zeigt ein Tankflugzeug vom Typ KC-30 beim Auftanken eines B2-Bombers in der Luft.

tagesschau.de: Also ist das Projekt schon weit fortgeschritten?

Lange: Im Bezug auf die Maschine für die US-Air-Force wären die Modifikationen gar nicht mehr so groß gewesen. Der Boeing-Vorschlag ist bislang weit weniger in Metall ausgeführt. Das steht noch sehr viel nur in Powerpoint-Präsentationen. Dafür wird der amerikanische Steuerzahler letztendlich den Preis zahlen.

tagesschau.de: War die Ausschreibung denn fair?

Lange: Sie bevorzugte dieses Mal eindeutig Boeing. Das erschließt sich nicht, wenn man sich die Notwendigkeiten für die Air Force anschaut. Die USA verlegen ihre Operationen zunehmend in den asiatischen und pazifischen Raum. Dort gibt es so große Distanzen, dass Flugzeuge mit größerer Reichweite wesentlich wertvoller sind als kleinere Maschinen, die weniger Treibstoff transportieren können.

tagesschau.de: Warum dann der Auftrag für Boeing?

Lange: Das ist eine politische Entscheidung. Im Rüstungsgeschäft spielen industriepolitische Erwägungen immer eine ganz massive Rolle. Das ist auf der ganzen Welt gang und gäbe. Darin unterscheidet sich der Rüstungsmarkt vom zivilen Geschäft.

EADS in Friedrichshafen

EADS ist nach Meinung des Experten Lange im zivilen Bereich "hervorragend" aufgestellt.

tagesschau.de: Deutsche Politiker beklagen nun eine Benachteiligung von EADS. Werden in Europa denn keine europäischen Konzerne bevorzugt?

Lange: Doch, das hat der A400M gezeigt. Hier hat auch nicht das vielversprechendste Flugzeug den Zuschlag bekommen, sondern ein industriepolitisch gewünschtes Projekt. Wenn Europa sich für ein europäisches Flugzeug entscheidet, warum sollen sich die Amerikaner nicht ein amerikanisches kaufen? Hätte Europa ein amerikanisches Transportflugzeug genommen, hätten die USA vielleicht auch einen europäischen Tanker gekauft.

tagesschau.de: Warum ist der amerikanische Markt so wichtig?

Lange: Airbus wollte in Alabama ein Werk aufbauen - und zwar nicht nur für die US-Tankerflugzeuge, sondern auch für Transportflieger. Damit hätte Airbus seinen Produktionsanteil im Dollar-Raum erhöht. Dies wäre wegen der Währungsschwankungen von Vorteil. Denn die meisten Geschäfte in diesem Bereich werden in Dollar abgewickelt.

Bilderstrecke

Transporter mit Verspätung

tagesschau.de: Wie bewerten Sie den Konkurrenzkampf zwischen EADS und Boeing?

Lange: Die EADS ist im zivilen Bereich ganz hervorragend aufgestellt, ist hier definitiv der Weltmarktführer. Im militärischen Bereich hat EADS Schwierigkeiten. Positiv sind Programme zu verzeichnen, die bereits in den 1990-iger Jahren und Anfang des Jahrtausends aufgelegt wurden, wie der Eurofighter. Wenn diese Programme auslaufen, muss sich EADS etwas einfallen lassen. Interessant ist aber auch, dass Boeing und EADS zwar im aktuellen Fall große Konkurrenten sind, aber in anderen Projekten Partner sind.

tagesschau.de: Welche anderen Märkte sind für die Rüstungskonzerne wichtig?

Lange: In den vergangenen Jahren haben die arabischen Staaten substanzielle Aufträge vergeben - aber sowohl an amerikanische als auch an europäische Unternehmen. Langfristig wird Asien durch das sehr dynamische Wirtschaftswachstum sehr interessant. Die Unternehmen versuchen bereits, sich beispielsweise in Indien niederzulassen, um dort entsprechende Rüstungsprogramme für sich gewinnen zu können.

tagesschau.de: Geht es dann auch um Industriepolitik oder um die bessere Technik?

Lange: Da spielen bündnispolitische Überlegungen eine Rolle. Kann ich mit einem bestimmten Waffensystem auch die strategische Freundschaft verstärken? Freundschaft kann sehr teuer sein. 

Das Interview führte Patrick Gensing, tagesschau.de