Interview

Volkswagen-Werk im Süden der USA "Ein Betriebsrat wäre ein Novum"

Stand: 14.02.2014 15:41 Uhr

Volkswagen will in den USA einen Betriebsrat gründen - doch viele Arbeitnehmer sind dagegen. Wie kann das sein? Der Politikwissenschaftler und US-Experte Christian Lammert klärt im tagesschau.de-Interview über die Kultur der "Right to work"-Staaten auf.

tagesschau.de: Herr Lammert, im Volkswagen-Werk in Chattanooga/Tennessee soll ein Betriebsrat installiert werden. Der Autokonzern hat offenbar nichts dagegen. Die Frage ist: Wollen die Arbeitnehmer das überhaupt?

Christian Lammert: Würde der Betriebsrat gewählt, wäre das eine Überraschung. In der Politik in Tennessee formiert sich Widerstand gegen die Pläne, sowohl der Gouverneur als auch die Senatoren haben sich ganz klar dagegen ausgesprochen.

tagesschau.de: Warum sollen Arbeitnehmer freiwillig mehr Mitbestimmung ablehnen?

Lammert: Weil sie zunächst einmal Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes haben. Die wirtschaftliche Erholung ist fragil. In solch einem Umfeld fruchtet das Argument, das eine stärkere gewerkschaftliche Organisation den Verlust von Arbeitsplätzen bedeuten könnte. Der Gouverneur von Tennessee droht sogar mit dem Entzug von Subventionen für VW, wenn der Betriebsrat kommt. Die Arbeitnehmer akzeptieren lieber eine geringere Entlohnung, nur um ihren Job zu behalten. Bislang sind im Süden der USA alle Versuche einer stärkeren Organisation der Industriearbeiter gescheitert.

VW-Werk in Chattanooga
galerie

Das VW-Werk in Chattanooga soll einen Betriebsrat bekommen - findet die Gewerkschaft. (Quelle:dpa)

"Deutsche Autokonzerne wollen Subventionen und niedrige Löhne"

tagesschau.de: Warum sehen US-Politiker in einem Betriebsrat denn überhaupt eine Gefahr?

Lammert: Hier geht es hauptsächlich um die gewerkschaftliche Organisation. Gerade in Tennessee, wo die Autogewerkschaft keinen Fuß in der Industrie drin hat. Das ist ja auch ein Grund, warum sich viele deutsche Autohersteller im Süden angesiedelt haben. Hier gab es Subventionen, kaum Regulierung und niedrige Löhne.

tagesschau.de: Gibt es in den USA Alternativen zum deutschen Betriebsratsmodell?

Lammert: Im Süden schon mal gar nicht. Im Norden ist der Einfluss großen Gewerkschafter zwar stärker - aber Betriebsräte nach deutschem Vorbild gibt es auch hier nicht. Das wäre ein Novum für die USA.

"Kontinuierlicher Niedergang der Gewerkschaften"

tagesschau.de: Welche Rolle spielen die Gewerkschaften in den USA denn überhaupt noch?

Lammert: Seit dem Zweiten Weltkrieg erleben die USA einen kontinuierlichen Niedergang der Gewerkschaften. Die Politik versucht immer repressiver zu verhindern, dass sich Arbeitnehmer organisieren. Gerade die südlichen Staaten verstehen sich als "Right to work"-Staaten - das heißt: Die Gründung von Gewerkschaften steht dem Recht auf Arbeit entgegen.

tagesschau.de: Im Norden, zumal in der Autohochburg Detroit, waren die Gewerkschaften allerdings lange Zeit sehr einflussreich. Nun wird ihnen vorgeworfen, sie hätten die US-Autoindustrie zugrunde gerichtet ...

Lammert: Das spielt auf verschiedenen Ebenen. Für viele Republikaner, gerade auf dem neoliberalen Flügel, bedeutet jede gewerkschaftliche Organisation eine unzulässige Beeinflussung des freien Wettbewerbs. Was man allerdings fairerweise sagen muss: Die große Autogewerkschaft UAW hat in den 1970er und 1980er Jahren tatsächlich unter Korruption und Misswirtschaft gelitten; hier ist Kritik berechtigt. Bei der Rettung der Autoindustrie in der Wirtschaftskrise haben die Gewerkschaften allerdings eine sehr konstruktive Rolle gespielt.

Das Interview führte Kerstin Petry, tagesschau24

Darstellung: