VW ID.3

Konzern vor Umwälzung VW startet Elektro-Ära

Stand: 21.08.2020 13:20 Uhr

Heute vor 60 Jahren verwandelte sich Volkswagen in eine Aktiengesellschaft. Nun steht der Autobauer vor der wohl größten Herausforderung seiner Geschichte: dem Sprung in die Elektromobilität. Die Hoffnungen ruhen auf dem ID.3, der zum Volks-E-wagen werden soll.

Von Notker Blechner, boerse.ARD.de

Die Zukunft beginnt in Sachsen - zumindest für VW. In Zwickau, der einstigen Geburtsstätte der Kultmarke Horch, findet die größte Umwälzung in der Konzerngeschichte von VW statt. Dort fertigen tausende Mitarbeiter die erste Elektro-Großserie mit dem Namen ID, die endlich den Durchbruch bei E-Autos bringen soll. Als erster Vertreter der Modellfamilie wird seit Ende letzten Jahres der ID.3 produziert.

Ein Elektroauto für die breite Masse

Der Name ist Programm. ID.3 bedeutet die dritte Idee eines Volkswagens. Nach Käfer und Golf soll es der Volks-Elektro-Wagen werden. Mit einem Einstiegspreis von unter 30.000 Euro und einer Reichweite von bis zu 550 Kilometern soll er das breite Publikum anlocken. Bisher waren reine Stromer mit einer großen Reichweite für viele Verbraucher zu teuer. "Wir wollen alltagstaugliche und bezahlbare emissionsfreie Mobilität für alle anbieten", sagt VW-Kernmarken-Geschäftsführer Ralf Brandstätter.

Der Start verlief allerdings etwas holprig. Der VW-Hoffnungsträger hatte mit reichlich Software-Problemen zu kämpfen. Statt im Sommer wie ursprünglich geplant soll der ID.3 nun im September auf den Markt kommen.

Produktion läuft nur stotternd an

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VW ID.3

Die ersten 30.000 Stück seien bereits verkauft, heißt es aus Wolfsburg. Wie viele "Volksstromer" in Zwickau noch in diesem Jahr vom Band laufen, ist ungewiss. Ursprünglich sollten gut 100.000 Stück des ID.3 und der SUV-Variante ID.4 produziert werden. Nun dürfte es bestenfalls die Hälfte werden. "Es werden dieses Jahr etwas weniger als 50.000 ID.3 gebaut", glaubt Autoanalyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler.

Nach dem Stotterstart soll das VW-Modell dann im nächsten Jahr Fahrt aufnehmen. Für 2021 rechnet Analyst Frank Schwope von der NordLB schon mit einer halben Million verkaufter E-Autos von VW. Die Wolfsburger haben sich ehrgeizige langfristige Ziele gesetzt. Bis 2024 will VW Marktführer in der Elektromobilität werden. 2025 sollen 1,5 Millionen E-Fahrzeuge made by VW produziert werden.

"2021 auf Augenhöhe mit Tesla"

Damit wird VW zum größten "Tesla-Jäger". Bei der Frage, wann die Wolfsburger den E-Auto-Pionier aus Kalifornien einholen oder überholen, sind sich die Experten uneinig. Ökonom Schwope sieht VW von der Stückzahl her schon im nächsten Jahr auf "Augenhöhe mit Tesla". Metzler-Analyst Pieper glaubt indes eher, dass es noch bis zwei bis drei Jahre dauert, bis VW auf dem Stand von Tesla ist. Noch habe Tesla mit der zentralen Software und der Produktion eigener Batterien einen strategischen Vorteil.

Die Tesla-Aufholjagd kommt Europas größten Autobauer teuer zu stehen. Er investiert bis 2024 gut 33 Milliarden Euro in den Ausbau der E-Mobilität. Schon jetzt ist VW der höchst verschuldete Konzern der Welt. Laut einer Studie des Vermögensverwalters Janus Henderson haben die Wolfsburger einen Schuldenberg von 192 Milliarden Dollar angehäuft. Konkurrent Toyota hat 54 Milliarden Dollar weniger Schulden.

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Die Milliarden-Investitionen müssen sich rechnen. Volkswagen habe nicht mehrere Optionen bei der Ausrichtung, diesmal müsse der Schuss sitzen, forderte Wolfgang Porsche, Vertreter der Eigentümerfamilien, bei der schillernden Präsentation des ID.3 auf der IAA 2019 in Frankfurt.

Diess: Corona beschleunigt E-Mobilität

Herbert Diess, VW
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Herbert Diess, VW

VW-Chef Herbert Diess ist optimistisch. "Die Elektromobilität wird durch Corona eher beschleunigt", sagte er jüngst in einem Interview. Tatsächlich haben die Wolfsburger im ersten Halbjahr schon mehr Stromer absetzen können als im gesamten vergangenen Jahr. Rund 10.000 E-ups und E-Golfs wurden verkauft.

Noch machen freilich die klassischen Modelle mit Diesel- und Benzin-Motor den Großteil des VW-Geschäfts aus. Fahrzeuge mit Verbrennertechnologie stehen noch für mehr als 95 Prozent der Verkäufe, sagt Analyst Schwope. Vor allem die spritfressenden SUVs sind gefragt. Das zentrale Brot- und Butter-Modell ist der Golf. Die neue Generation, der Golf 8 allerdings verkauft sich derzeit recht schleppend. Wegen Software-Mängeln wurden deutlich weniger Stückzahlen gebaut als geplant.

Die Corona-Krise hat den Autobauer vollends ausgebremst. Im ersten Halbjahr rutschte VW wegen wochenlangen Produktionsstillstands und geschlossener Autohäuser in die roten Zahlen. Die Wolfsburger erlitten einen operativen Verlust von 1,5 Milliarden Euro. Im zweiten Halbjahr soll die Wende kommen. Für 2020 peilt das Management ein positives Ergebnis an, falls es zu keiner zweiten Welle kommt.

Machtkampf zwischen Diess und Osterloh

Volkswagen-Betriebsratsvorsitzender und Aufsichtsratsmitglied Bernd Osterloh
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Volkswagen-Betriebsratsvorsitzender und Aufsichtsratsmitglied Bernd Osterloh

Die Verluste, die Probleme beim Golf 8 und die Verzögerungen beim ID.3 sorgen für Unruhe in Wolfsburg. Zwischen VW-Chef Diess und Betriebsratschef Bernd Osterloh brach ein offener Machtkampf aus. Laut Bild"-Zeitung soll Osterloh sogar an einem "Putschversuch" gegen Diess gearbeitet haben, dementiert dies aber. Inzwischen haben beide wieder Frieden geschlossen. Diess bekam Rückendeckung vom Aufsichtsrat. Allerdings wurde er teilweise entmachtet. Er verlor die Verantwortung für die Marke VW.

Im Zuge des Machtkampfs kam es zu einem großen Stühlerücken im VW-Reich. Ein halbes Dutzend hoher Managementposten wurde neu besetzt. So mussten unter anderem Skoda-Chef Bernhard Maier und Traton-Chef Andreas Renschler gehen. So viel Unruhe im Konzern sei schon ungewöhnlich, meint Autoanalyst Pieper.

Vom Auto- zum digitalen Tech-Konzern?

Den Ton verschärft hatte Konzernchef Diess schon Anfang des Jahres. Beim Umbau sei Volkswagen zu langsam, mahnte er vor VW-Führungskräften. Wenn der Konzern nicht schneller agiere, könne ihm ein Schicksal wie Nokia drohen – der finnische Handy-Riese war beim Wandel zu Smartphones auf der Strecke geblieben. Diess forderte von seiner Führungsmannschaft einen Radikalumbau "vom Autokonzern zum digitalen Tech-Konzern". Eine Zukunft habe das Auto nur als massentaugliches Internet-Device – vergleichbar mit einem iPad auf Rädern.

Jürgen Pieper
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Porträt Jürgen Pieper

Branchenexperten sehen VW auf einem guten Wege. Kein deutscher Autokonzern mache so viel Tempo bei der Umstellung auf die Elektromobilität wie VW. Analyst Pieper: "VW ist konsequenter als BMW und Daimler, der Konzern hat größere Mittel und tiefere Taschen." Offenbar hatte die Abgasaffäre, die den Konzern Milliarden Euro kostete und seinem Image schadete, doch etwas Gutes: Sie forcierte die E-Auto-Strategie von VW.

Quelle: boerse.ard.de
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