Mann mit Smartphone und Maske | dpa

Junge Generation entdeckt Trading Die Nachwuchszocker

Stand: 02.10.2020 06:32 Uhr

Die Corona-Pandemie hat auch die Anlagekultur in Deutschland verändert. Die Kurskapriolen an den Finanzmärkten haben Trading-Anbieter boomen lassen. Über Apps und ultraniedrige Handelsgebühren werden auch viele junge Anleger zum Kauf von Finanzprodukten animiert.

Von Andreas Braun , boerse.ARD.de

Wenn Silvia, 35, Kundin von Trade Republic, im Zug sitzt, liest sie keinen Liebesroman, sondern traded mit Aktien. Mit der App des neuen Brokers tradet die Kundin laut Werbebotschaft "tatsächlich häufiger - einfach aus dem Grund, weil es so einfach ist".

Trade Republic gehört genauso wie Justrade, Smartbroker oder Gratisbroker.de zu einer neuen Generation von Brokern, deren Hauptzielgruppe ebenfalls eine bestimmte Generation ist: nämlich die der nachwachsenden Generation. Junge Anleger, die gerade erste Erfahrungen mit dem Handel von Aktien gemacht haben, die aber auch hochspekulative Derivate wie CFDs (Contracts for Difference) oder Kryptowährungen spannend finden.

Handel in Sekundenschnelle

Die neuen Angebote zum "Traden" sind schlank, kostengünstig und vielfach auch mobil nutzbar. Mit der Trading-App kann man so schnell eine Order platzieren wie eine Whatsapp-Nachricht schreiben - überall und jederzeit. Und das geht so kostengünstig wie noch nie: Einige der Anbieter verzichten ganz auf Transaktionsgebühren und finanzieren sich ausschließlich über Rückvergütungen von Produktanbietern, bei anderen ist man für wenige Euro pro Trade dabei, und zwar "flat", also unabhängig von der Ordergröße.

Wie sehr diese "Neobroker" in der Kundengruppe der 18- bis 25-Jährigen einschlagen, zeigt eine Initiative der Consorsbank, einem "klassischen" Discountbroker, der im September genau für diese Altersgruppe den gebührenfreien Wertpapierhandel einführte. Die Billigkonkurrenz kann sich seit einigen Monaten vor Neukunden kaum retten. Social-Trading-Broker wie eToro berichten von einem 170-prozentigen Zuwachs aktiver Kunden. Die Zahl der installierten Broker-Apps ist in den ersten sechs Monaten im Jahresvergleich um 140 Prozent gestiegen, so die Marktforscher von Adjust.

Privatanleger, der neue Faktor

Das neue Interesse der "Jungen" am Aktienhandel hat auch dazu beigetragen, dass im ersten Halbjahr so viele Aktienkäufe von Privatanlegern wie noch nie erfolgt sind. Nach einer Statistik der Beratungsgesellschaft Barkow lag das Volumen der Käufe mit 23,9 Milliarden Euro so hoch wie noch nie. Offenbar ein Phänomen, das sich auch in anderen Ländern abspielt. In den USA wurden laut Bloomberg sogar 20 Prozent des Handelsvolumens von individuellen Anlegern erzeugt, ein historisch sehr hoher Wert. In Deutschland machen private Anleger noch immer einen deutlich kleineren Teil des Handelsgeschehens aus, der unter zehn Prozent liegt, doch der Trend zeigt auch bei uns nach oben.

Entsprechend rüsten auch die klassischen Banken und Broker ihre Angebote auf. Günstige Kaufkonditionen für Aktien und Fonds und Sparpläne zum Vermögensaufbau werden überall feilgeboten. Daneben gibt es viele Informationen, darüber, wie ein Depot sinnvoll aufgebaut und gepflegt werden kann. Selbst die Sparkassen trommelten zum Weltspartag in der vergangenen Woche mit "10 Tips für Aktienanfänger" und gaben den Hinweis: "Man muss das Sparen heute nur anders verstehen als vor 100 Jahren."

Bitcoin als Krisenwährung für Millenials

Handeln, Traden, Zocken, das funktioniert aber längst nicht nur mit der klassischen Aktie. Gerade in der nachwachsenden Generation sind Kryptowährungen längst zum ernst zu nehmenden Basiswert geworden. Ob im Direkthandel auf einschlägigen Plattformen oder über Derivate wie CFDs oder Zertifikate: Wer Bitcoin, Ethereum oder Tether handeln möchte, der kann dies über immer mehr Anbieter tun. Gerade viele junge Anleger nutzen Bitcoin als Haupt-Kryptowährung inzwischen als Krisenwährung und Inflationsschutz, genau wie die ältere Generation zum Gold gegriffen hat.

Wie stabil ist die neue Anlegerkultur?

Über die heftigen Kurskapriolen in der Corona-Krise scheint so zumindest ein Teil der Deutschen in Sachen Geldanlage aufzuholen, die Aktienkultur könnte im Corona-Jahr einen Sprung nach vorne machen, auch dank der jungen Anleger.

Allerdings zeigen die vergangenen Wochen auch, dass herbe Verluste genauso zum Börsenalltag gehören wie schnelle Gewinne. Der Dax hat wegen der Angst um die Auswirkungen der zweiten Corona-Welle einen Gutteil seiner Zuwächse des Sommers wieder eingebüßt. Bleibt zu hoffen, dass die neuen Privatanleger die Kurstäler ebenso wie die Lockdowns in der Pandemie durchstehen.