Eine Carsharing-Flotte mit dem Kleinwagen Smart | Bildquelle: dpa

Folgen von Corona Sharing Economy in der Krise

Stand: 08.06.2020 07:23 Uhr

In Zeiten von Kontaktsperren, Homeoffice und Social Distancing haben es Anbieter aus der Sharing Economy wie Airbnb, Uber oder WeWork schwer. Die Nachfrage bricht ein, Mitarbeiter werden entlassen. Werden wir je wieder teilen?

Von Till Bücker, boerse.ARD.de

Carsharing, Vermietung von Privatunterkünften, Tauschbörsen, Co-Working-Spaces - um die Branche der Sharing Economy gab es vor der Corona-Krise einen regelrechten Hype. Laut einer Studie der Beratungsgesellschaft PwC sollten die Umsätze für die wichtigsten Teilbereiche, etwa das Reisen oder das Teilen von Wohnraum, bis 2025 auf etwa 335 Milliarden Dollar steigen. Zum Vergleich: 2015 waren es gerade einmal 15 Milliarden Dollar.

Und das nicht ohne Grund. So gilt das Konzept als effizient und ressourcenschonend. Meist ist das Leihen oder Teilen günstiger und flexibler als das Besitzen. Die Pandemie hat diese Entwicklung jedoch vorerst gestoppt. Denn viele der Sharing-Modelle funktionieren derzeit nicht oder nur eingeschränkt.

Das Social Distancing mit Ausgangs- und Kontaktsperren und strenger Hygiene macht vielen Betreibern zu schaffen. Die Nachfrage nach gemeinsamen Wohnungen, Büros oder Autos sinkt. Wer möchte in diesen Zeiten schon etwas nutzen, bei dem unklar ist, wer zuvor darin gesessen hat?

Carsharing bricht ein

Das bekam jüngst der Fahrdienstvermittler Uber zu spüren. Im Jahresvergleich rauschte der Verlust in den ersten drei Monaten um 190 Prozent in die Tiefe. Weltweit sei die Zahl der gebuchten Fahrten allein im April um 80 Prozent eingebrochen. Warum mit Uber durch die Stadt zu Terminen fahren, wenn sich alles Wichtige auch in einer Videokonferenz besprechen lässt?

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Uber-Chef Dara Khosrowshahi muss Stellen streichen

Darauf reagiert das US-Unternehmen mit drastischen Sparmaßnahmen. Rund 3.700 Vollzeitstellen sollen gestrichen werden - das wären satte 14 Prozent der Belegschaft. Zuletzt kündigte Uber-Chef Dara Khosrowshahi den Abbau von weiteren 3.000 Arbeitsplätzen an. Ein Hoffnungsschimmer: Dank des Essensbringdienstes Uber Eats, in Corona-Zeiten äußerst beliebt, konnte Uber immerhin seine Erlöse steigern.

Langsame Erholung?

Mittlerweile spricht der Fahrdienstvermittler von einer langsamen Erholung der Nachfrage angesichts der Lockerung von Restriktionen in zahlreichen Ländern. Das Geschäft ziehe Woche um Woche wieder an. Dennoch seien die Mitfahranfragen derzeit noch rund 70 Prozent unter dem Niveau vor Jahresfrist. Jüngst hatte auch der Konkurrent Lyft eine Erholung registriert. Zur positiven Entwicklung könnte auch der neue Koalitionsbeschluss zum Personenbeförderungsgesetz beitragen, der den Anbietern, zum Beispiel auch dem Volkswagen-Ableger Moia, Rechtssicherheit schafft.

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Uber ist allerdings kein Einzelfall. Nach Angaben des Bundesverbands Carsharing gingen die Buchungszahlen bei den Mitgliedern von Mitte März bis Mitte April um 50 Prozent, in der Spitze um 80 Prozent zurück. Zwar betont der Verband, ein Ansteckungsrisiko in den Autos sei nach Meinung von Virologen eher gering. Infektionen seien durch Berührungen kontaminierter Oberflächen zwar möglich, die Anbieter würden sie aber regelmäßig reinigen und desinfizieren. Dennoch warnen die Experten vor "langfristigen wirtschaftlichen Auswirkungen".

Auch die vor Monaten noch so beliebten E-Roller waren zeitweise verschwunden. Einige Anbieter mussten ihre Dienste ausdünnen oder gar komplett stoppen. Mittlerweile sind die Roller jedoch in vielen Städten zurückgekehrt.

Auch Airbnb mit Stellenabbau

Den größten Teil der Sharing Economy machte bisher der Tourismus aus. 2018 gab es nach Zahlen des Bundeswirtschaftsministeriums fast 50 Millionen Privatübernachtungen - ein Marktanteil von 8,6 Prozent. Das schafften in dem Jahr die drei größten Hotelkonzerne Accor, Best Western und Intercontinental gerade einmal zusammen in Deutschland.

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Airbnb-Chef Brian Chesky muss mit seinem Börsengang wohl noch warten

Doch nun muss der Wohnungsvermittler Airbnb im Zuge der Krise ein Viertel seiner Angestellten entlassen, rund 1.900 Arbeitsplätze fallen weg. Die Stellenstreichungen seien nötig, damit das Unternehmen überleben könne, begründete Airbnb-Boss Brian Chesky die Entscheidung Anfang Mai. Das Reisen sei weltweit zum "Stillstand" gekommen. Das Portal "The Information" berichtete von Erlöseinbußen von 54 Prozent.

Dabei wollte Airbnb in diesem Jahr eigentlich den Sprung an die Börse wagen. Weil der Konzern nun damit rechnet, in der ersten Jahreshälfte rund eine Milliarde Dollar zu verlieren und auch die Bewertung gesunken ist, steht der Gang aufs Parkett auf der Kippe. Zwar zeigte sich Chesky optimistisch, dass sich das Geschäft komplett erholen werde, doch die aktuellen Probleme seien "nicht vorübergehend oder von kurzer Dauer". Geteilte Wohnungen sind schließlich verbunden mit einem höheren Infektionsrisiko.

Homeoffice statt Co-Working

Das Coronavirus ist für die gesamte Sharing Economy ein schwerer Schlag. Während andere Wirtschaftszweige wieder von steigender Nachfrage berichten, könnte sich das Teilen von Produkten und Flächen vermutlich verzögern. Wozu noch Co-Working-Büroflächen mieten, wenn der Großteil der Mitarbeiter ebenso produktiv im Homeoffice arbeitet?

WeWork
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WeWork WeiHei Lu Commons Shanghai

Anbieter solcher flexibler Büroräume stehen unter Druck. Nach Angaben der Immobilienberatung Colliers International könnte die Leerstandsquote in den Top-Sieben-Städten bis 2021 kontinuierlich auf insgesamt 5,5 Prozent steigen. Das Bürovermietungsgeschäft in Deutschland sei im April um 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen, sagte Wolfgang Speer von Colliers dem "Handelsblatt".

Der Bürovermittler WeWork kündigte einem Viertel seiner Mitarbeiter und muss Mietausfälle hinnehmen. Dabei steckt das Unternehmen bereits seit dem geplatzten Börsengang und einer abgesagten Finanzspritze des Investors Softbank in der Klemme. In der Corona-Krise scheint darüber hinaus das Geschäftsmodell, langfristige Mietverträge abzuschließen und die Büros dann kurzfristig unterzuvermieten, nicht aufzugehen. Auch Design Offices, Deutschlands größter Co-Working-Anbieter, leidet. Vor allem das Veranstaltungsverbot macht dem Unternehmen zu schaffen. Alle Angestellten wurden in die Kurzarbeit geschickt.

Distance Economy profitiert

Schon jetzt ist die Rede von einem neuen Trend - der sogenannten Distance Economy. Viele Menschen sind gezwungen, ihre Arbeit, Bildung oder auch Hobbys in die eigenen vier Wände zu verlagern. Nach einer Schwächephase im März wuchs etwa der Online-Handel nach Angaben des Bundesverbands E-Commerce und Versandhandel im April um knapp 18 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Davon profitieren Branchenriesen wie Amazon.

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Um die Ausbreitung des Virus zu verhindern, haben viele Unternehmen das Homeoffice eingeführt. Dabei nutzen die Angestellten Software für Videokonferenzen, Besprechungen und Präsentationen. Der Trend beflügelt das Geschäft von Anbietern wie Zoom. Im April gab es bis zu 300 Millionen Teilnehmer an Videokonferenzen täglich - im Dezember waren es noch zehn Millionen.

"Riesige Herausforderung"

Jonas Pentzien
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Jonas Pentzien vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung forscht zum Thema Sharing Economy

Bedeutet die Krise also das Aus der Sharing Economy? "Nicht unbedingt", meint Jonas Pentzien vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) in Berlin, der zu dem Thema forscht. "Sie ist aber eine riesige Herausforderung." Denn bereits vor der Pandemie hätten die großen Plattformen wie Uber Probleme mit ihren Geschäftsmodellen gehabt. Deliveroo hatte sich im August 2019 gleich ganz aus dem deutschen Markt zurückgezogen. Die Schwächen kämen nun verstärkt zum Vorschein.

Gerade in der Corona-Krise hätten lokal organisierte Plattformen einen riesigen Vorteil. "Bei den globalen Playern fehlt oft die Kenntnis über die aktuellen Infektionsschutzmaßnahmen in einzelnen Städten sowie die regionale Anbindung", sagt Pentzien. Sie hätten sich meist sehr schnell in vielen Märkten ausgebreitet und gehofft, auf lange Sicht aus den roten Zahlen zu kommen. Ohne Erfolg.

Unterschiedliche Modelle verbinden

Doch das Coronavirus biete auch Chancen - etwa für gemeinwohlorientierte und lokale Sharing-Plattformen. So seien Nachbarschaftsplattformen, über die Hilfe beim Einkauf oder Ähnliches organisiert werden kann, aktuell sehr erfolgreich. Auch Leihfahrräder sind durch schönes Wetter und wochenlangem Bewegungsmangel in den Städten beliebt. Je lokaler die Vermittlung organisiert sei, desto besser könnten die Bedürfnisse in Zeiten der Krise erkannt und erfüllt werden.

Und auch für die großen Unternehmen könne es Lösungen geben. So habe etwa Airbnb in Paris versucht, Wohnungen an zusätzliches Krankenhauspersonal anstelle von Touristen zu vermitteln, so der IÖW-Experte.

Plattformen würden sowieso häufig das Ziel verfolgen, unterschiedliche Geschäftsmodelle zu verbinden, um Verluste in einzelnen Branchen kompensieren zu können. "Natürlich wird die Unsicherheit der Menschen bleiben und die Nachfrage beeinflussen", betont Pentzien. Wie lange das anhält, sei unklar. Doch "grundsätzlich ist das Teilen vor allem aus ökologischer Sicht sinnvoll".

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete BR24 am 02. Mai 2020 um 18:35 Uhr.

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