Atomkraft |

Ausbau in vielen Ländern Die Renaissance der Kernkraft

Stand: 15.12.2020 06:35 Uhr

In Deutschland soll Ende 2022 das letzte Kernkraftwerk vom Netz gehen. Viele andere Länder halten dagegen am Atomstrom fest und wollen seinen Anteil am Energiemix sogar ausbauen.

Von Lothar Gries, boerse.ARD.de

Mit dem Ausstieg aus der Atomkraft steht Deutschland weitgehend alleine da. Angeführt wird die Liste der Länder, in denen neue Atomkraftwerke gebaut werden, von China. Dort sind laut Destatis (Statistisches Bundesamt) für die nächsten zehn Jahre 44 neue Anlagen geplant. Allein 2018 gingen in dem Land acht neue Reaktoren ans Netz. In diesem Jahr war es bisher nur eine, doch weitere zehn Reaktoren sind im Bau. Russland folgt mit 24 AKW-Bauprojekten, Indien lässt 14 Anlagen errichten.

Auch Japan will viele der nach dem Unfall von Fukushima abgeschalteten Atommeiler wieder in Betrieb nehmen und bis 2050 den Anteil des Atomstroms am Energiemix von heute sechs auf 22 Prozent steigern. Im Nahen Osten haben die Vereinigten Arabischen Emirate vergangenen August als erstes arabisches Land ein AKW in Betrieb genommen.

"Ökologische Zukunft hängt auch von Kernenergie ab"

In Europa setzen ebenfalls viele Länder - auch und gerade im Hinblick auf die Klimaziele des Pariser Abkommens - auf die Kernenergie als unverzichtbaren Bestandteil des Strommixes. So machte der französische Präsident Emmanuel Macron erst in der vergangenen Woche noch einmal deutlich, dass Frankreich an der Atomenergie festhalten will. "Unsere ökologische und energetische Zukunft hängt auch von der Kernenergie ab", sagte er.

Er sei nie ein Befürworter der Kernkraft gewesen, gehe aber davon aus, dass diese in den kommenden Jahrzehnten eine Säule des Energiemixes sein müsse. Frankreich erzielt rund 80 Prozent seiner benötigten Stromproduktion aus der Atomkraft.

Geplante Atomkraftwerke weltweit |

Geplante Atomkraftwerke weltweit

Mini-Reaktoren von Rolls-Royce

Auch Großbritannien hat die Kernenergie noch nicht abgeschrieben. Im Gegenteil. Der "Aktionsplan zur Entkarbonisierung", der das Ziel hat, den Ausstoß von Treibhausgasen im Land bis 2050 komplett zu beenden, sieht den Bau neuer Mini-Atomreaktoren vor. 15 dieser von Rolls-Royce geplanten Reaktoren mit einer Kapazität von 440 Megawatt - genug um eine 500.000-Einwohner-Stadt zu versorgen - sollen in den kommenden neun Jahren ans Netz gehen.

Ausbaupläne gibt es zudem in Tschechien. Dort will die Regierung den Anteil der Kernenergie an der Stromerzeugung bis 2040 von derzeit rund 34 Prozent auf 50 Prozent erhöhen. Im Mittelpunkt steht dabei der Ausbau des AKW Temelin. Dabei halten Umweltschützer diese Anlage, die nur rund 60 Kilometer von Bayern und Österreich entfernt liegt, für störanfällig und gefährlich.

Silicon Valley auf dem zum Nuclear Valley

Auf der anderen Seite des Atlantiks setzt der künftige US-Präsident Joe Biden ebenfalls auf eine Beibehaltung der Kernenergie. Im Wahlkampf hat er sich für den Bau von kleineren und mobilen Mini-Reaktoren ausgesprochen. Das von Bill Gates gegründete Unternehmen TerraPower will Atomkraftwerke mit einer Leistung von je 345 Megawatt errichten.

Bill Gates, Förderer neuer Nukleartechniken |

Fördert neue Nukleartechniken: Bill Gates

Dabei ist TerraPower nicht allein. In Kalifornien arbeiten derzeit gut 50 Start-ups an der Entwicklung neuer Nukleartechnologien. Experten sprechen schon vom Nuclear Valley, in Anspielung an das Silicon Valley. Dabei experimentieren die Ingenieure mit neuartigen Kühlmethoden wie dem Einsatz von flüssigem Natrium.

Die Renaissance der Kernenergie ist also in vollem Gange, wenn auch die Umsetzung der meisten Projekte viele Jahre dauern dürfte. Ein Vorbild auch für Deutschland?

"Kernforschung weiter betreiben"

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie ist es still geworden um dieses hierzulande hoch umstrittene Thema. Zuletzt hatte sich zu Jahresbeginn der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) dazu geäußert und einen Wiedereinstieg Deutschlands in die Atomkraft nicht ausgeschlossen.

"Ob das nötig ist, wird davon abhängen, ob die Energiewende klappt, ob die Kosten im Rahmen bleiben und die Versorgungssicherheit gewährleistet ist", sagte der CDU-Politiker den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland. "Es ist eine Frage, die in zehn oder 15 Jahren ansteht."

Damit die Bürger und Politiker aber frei entscheiden könnten, dürfe sich Deutschland nicht komplett aus dem Thema herausziehen. "Kernforschung muss weiter betrieben und gefördert werden. Wir müssen technologieoffen bleiben. Das heißt nicht, dass wir gleich neue Kraftwerke bauen. Aber wir müssen die Kompetenz dafür behalten."

Das Kapitel ist abgeschlossen

Für Aufsehen sorgte auch Volkswagen-Chef Herbert Diess, der sich ebenfalls für Atomkraft einsetzte. "Ich würde erwägen, den Atomausstieg infrage zu stellen, ja, vor allem weil wir noch nicht über ausreichend regenerative Energiequellen verfügen", sagte der Manager im Tagesspiegel-Background-Interview. Ähnlich äußerte sich Linde-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle. Die Präsidentin des CDU-Wirtschaftsrats, Astrid Hamker, kritisierte den Atomausstieg als "Kurzschlussreaktion".

Herbert Diess, VW-Chef |

Zweifelt am Ausstiegs-Beschluss: VW-Chef Herbert Diess

Doch inzwischen können sich sogar die Kraftwerksbetreiber einen Ausstieg aus dem Ausstieg nicht mehr vorstellen. Für RWE sei eine Laufzeitverlängerung kein Thema mehr, sagte eine Sprecherin. Das Kapitel sei abgeschlossen. Auch Eon will am Ausstieg aus der Kernenergie nicht mehr rütteln. "Wir sollten uns im Sinne des Klimaschutzes darauf konzentrieren, die Energiewende konsequent und in allen Bereichen erfolgreich umzusetzen", sagte ein Sprecher.

Auch würde ein eventueller Ausstieg aus dem Ausstieg dem Klima womöglich wenig nützen, denn der Bau neuer Atommeiler dauert meist viele Jahre. In Finnland soll nächstes Jahr ein neuer Reaktor ans Netz gehen, mit dessen Bau vor 16 Jahren begonnen wurde.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. November 2020 um 12:21 Uhr und am 29. November 2020 um 08:11 Uhr.