Stefan Wolff Moderator boerse vor acht

Kommentar Corona als Katalysator

Stand: 28.10.2020 17:04 Uhr

Dass jede Krise auch eine Chance in sich birgt, ist eine gern und viel zitierte Binsenweisheit, die sich in den allermeisten Fällen als ziemlicher Quatsch herausstellt.

Von Stefan Wolff, boerse.ARD.de

Die Anschläge vom 11. September haben auch in der Folge Not, Leid und Krieg erzeugt, keine Chance. Nach der Finanzkrise hätte es zwar die Chance gegeben, die Finanzwirtschaft neu aufzustellen, aber im Endeffekt blieb alles beim Alten. Bei Corona ist das anders.

Während aktuell die Sorge vor den möglichen Folgen eines weiteren Lockdowns Wirtschaft und Börse schwer belastet, befindet sie sich weiter in einem tiefen Umbruch. Dabei erfindet sie sich nicht grundlegend neu. Vielmehr beschleunigt sich der Wandel in Richtung Digitalisierung, der schon angestoßen, jedoch nur zögerlich angegangen worden war.

Ganz unstrittig ändert sich dabei die Arbeitswelt rasant. Der Trend zu Homeoffice und vor allen Dingen zu Videokonferenzen wird sich nicht mehr umkehren lassen. Der Einfluss auf den Markt für Büroimmobilien lässt sich dabei schwer abschätzen, wohl aber profitieren Anbieter der Videotechnik und ehemalige Profiteure von Dienstreisen -  von Fluggesellschaften über das Taxigewerbe bis zu den Hoteliers - leiden.

Natürlich lassen sich einige Geschäfte am besten im persönlichen Miteinander machen. Gleichzeitig entdecken Unternehmen das Sparpotenzial, wenn sie Reisen durch Videokonferenzen ersetzen. Hinzu kommt ein in der Krise gewachsenes Umweltbewusstsein, das den Verzicht auf Reisen beschleunigt.

Viele Unternehmen nehmen die Krise zum Anlass, den Schalter umzulegen. Kaufprämien beschleunigen den Absatz von E-Autos und Plug-in-Hybriden. Wenn überhaupt Firmen in der Krise ihre Flotte erneuern, elektrifizieren sie sie auch. Die Autohersteller haben gezwungenermaßen darauf reagiert und fahren ihre Produktionskapazitäten hoch.

Auch hier ist Corona nur ein Verstärker. Es ist kaum vorstellbar, dass beispielsweise Volkswagen aktuell zwei serienreife Stromer präsentiert hätte, wäre der Konzern nicht fünf Jahre zuvor mit seinem Abgasbetrug aufgeflogen.

Auf einmal ist eben vieles möglich, was vorher nicht machbar schien, von virtuellen Buchmessen über Autokinokonzerte bis hin eben zu einer schnellen Digitalisierung mit denkenden Fabriken und intelligenten Maschinen. Das alles hat natürlich einen Preis. E-Autos benötigen weit weniger Teile und Arbeitsschritte als Fahrzeuge mit herkömmlichem Verbrennungsmotor. Von künstlicher Intelligenz gesteuerte Fertigungsanlagen kommen mit weitaus weniger Personal aus als ein altes Walzwerk.

Der Wandel wird also Jobs kosten. Allein bei den 30 Dax-Unternehmen gehen Experten davon aus, dass in diesem und im kommenden Jahr 120.000 Menschen ihre Arbeit verlieren werden. Wegen der Corona-Pandemie, wie es heißt. Viele dieser Stellen fallen aber auch dem Wandel zum Opfer. Am Ende wird den Unternehmen mehr Verständnis entgegengebracht werden, wenn sie angeben, wegen Corona quasi zu ihrem Handeln gezwungen worden zu sein.

Wenn sich der Wandel wie gewünscht vollzieht, dann werden in neuen Bereichen auch wieder neue Jobs entstehen. Bis dahin ist es aber ein weiter Weg.

Quelle: boerse.ard.de
Darstellung: