Eine Fitnesstrainerin trainiert ihre Kunden per Videotelefonat. | Bildquelle: dpa

Fitnessmesse FIBO "Home-Gym" statt Fitnessstudio

Stand: 01.10.2020 06:45 Uhr

Heute und morgen findet die Fibo, die weltweit größte Messe für Fitness, Wellness und Gesundheit statt - natürlich als Online-Veranstaltung. Das passt in die Zeit, denn längst hat die Digitalisierung auch diese Branche erreicht.

Von Lothar Gries, boerse.ARD.de

Ob Tanztraining Zumba, das vom Ballett inspirierte Barre-Workout oder Piloxing, die Kombination aus Pilates und Boxen – Trends in der Fitnessbranche kommen und gehen. Doch ein Trend hat das Zeug zu bleiben: die Digitalisierung. Die Corona-Krise hat ihr einen entscheidenden Schub verliehen und sie wohl dauerhaft etabliert. Denn wer das Fitness-Studio aus Furcht vor Ansteckung meidet, aber dennoch fit bleiben und überschüssige Energie loswerden will, dem bleibt neben Joggen und Radfahren oft nur die Matte im Wohnzimmer oder der eigene Hometrainer. Und der wird immer smarter.

Versandhändler Otto meldete kürzlich einen Anstieg beim Verkauf von Heimsportgeräten seit Jahresbeginn um 800 Prozent. Gemessen werden die Fortschritte dann mit einem Fitnesstracker oder einer Smartwatch. Neuesten Schätzungen zufolge nutzt bereits jeder dritte Deutsche über 16 Jahre zumindest gelegentlich ein solches Gerät - 2015 waren es erst 15 Prozent.

Der ganz große Corona-Gewinner

Der ganz große Corona-Gewinner ist aber das US-Unternehmen Peloton: Der US-Börsenneuling ist zwar bekannt für seine Bikes und Laufbänder, doch wirklich Furore machen seine Online-Live-Trainingskurse. Hier ist man Teil einer Gruppe Gleichgesinnter und kann seine Trainingseinheiten und Fortschritte mit anderen teilen. Wer in großen Städten wohnt, kann auch zunächst ganz analog und offline die Heimtrainer und Räder in einer Boutique ausprobieren, inklusive individueller Beratung versteht sich.

Wie erfolgreich das Unternehmen ist, zeigt ein Blick auf die jüngsten Geschäftszahlen. Im Ende Juni abgeschlossenen vierten Geschäftsquartal sprang der Umsatz im Jahresvergleich um 172 Prozent auf 607 Millionen Dollar, und lag damit 100 Millionen Dollar über den eigenen Schätzungen. Dabei verbuchte Peloton einen Gewinn von 89,1 Millionen Dollar nach einem Verlust von 55,6 Millionen ein Jahr zuvor.

Zahl der Abo-Kunden verdoppelt

Die laufenden Kosten, die vornehmlich aus Marketing und Vertrieb bestehen, machten im vierten Quartal nur noch ein Drittel der Umsätze aus. Im Vorjahresquartal waren es noch doppelt so viele. Das Unternehmen hat seine Werbeausgaben derzeit zurückgefahren, da Name und Produkt schon bekannt genug seien.

Zum Geschäftsmodell von Peloton gehören auch Abo-Gebühren für digitale Angebote. Die damit erzielten Einnahmen machten zuletzt ein Fünftel der Gesamterlöse aus. Die Zahl der Kunden, die für Online-Trainingskurse auf dem Bildschirm ihrer Peloton-Geräte zahlen, stieg binnen eines Jahres um 113 Prozent auf knapp 1,1 Millionen. Bis Mitte 2021 rechnet Peloton hier mit bis zu 2,1 Millionen Kunden.

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Mehr als nur ein kurzfristiger Hype

Im gesamten Geschäftsjahr verdoppelte sich der Umsatz des Unternehmens auf 1,8 Milliarden Dollar. Für das laufende Geschäftsjahr rechnet Peloton noch einmal mit einer Verdoppelung der Einnahmen auf dann 3,5 bis 3,65 Milliarden Dollar. Anleger, die frühzeitig auf diesen Trend aufgesprungen sind, können sich nun auf satte Kursgewinne freuen. Die Peloton-Aktie hat sich seit April vervierfacht und wird inzwischen mit 100 Dollar bewertet. Damit bringt es das Unternehmen auf einen Marktwert von 24 Milliarden Dollar, das ist soviel wie Merck und Lufthansa zusammen.

Ein solcher Erfolg weckt Begehrlichkeiten. So ist auch der iPhone-Hersteller Apple auf den Zug aufgesprungen und bietet - nein keine Bikes - ebenfalls Online-Fitnesskurse an. Denn nicht wenige Experten sehen darin weit mehr als einen kurzfristigen Hype. Mit seiner millionenfach verkauften Smartwatch ist der Konzern bestens bei fitnessaffinen Kunden positioniert.

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Gegen eine monatliche Rate von 9,99 Dollar (oder jährlich 79,99 Dollar) können Kunden zunächst in den USA, in Großbritannien, Australien, Irland und Neuseeland Fitness-Kurse in Yoga, Spinning, Rudern und Tanzen mit der Fitness-Plus-App streamen. Das Ganze wird unterstützt von der neuen Apple Watch, die immer mehr zum Gesundheitstracker wird. Im Paket gibt es sogar TV, Musik, Gaming und Fitness als Apple One für 30 Dollar monatlich.

Künstliche Intelligenz erobert die Branche

Auch Anbieter von Fitnessgeräten wie der italienische Hersteller Technogym setzen auf solche Angebote, bieten aber auch vermehrt On-demand-Trainingsvideos an. Dabei können die Nutzer aus einer großen Vielfalt an Inhalten wählen, etwa von Trainern geleitete Workouts, Gruppenkurse, virtuelles Training im Freien oder Unterhaltungsinhalte.

Selbst künstliche Intelligenz setzt das Unternehmen inzwischen ein, um seinen Kunden zu helfen, ihren Trainingsbedarf und ihre Erfahrung zu personalisieren. Allerdings müssen die dafür auch tief in die Tasche greifen. So kann ein Laufband schon mal mehr als 20.000 Euro kosten - so viel wie ein Kleinwagen. Dennoch kommt die Aktie dem Papier von Peloton nicht hinterher. Schlimmer noch: Von ihrem Einbruch im Frühjahr hat sich die Technogym-Aktie bis heute nicht erholt. Experten erklären dies mit dem Italien-Malus, da das Land besonders heftig vom Coronavirus gebeutelt wurde und wirtschaftlich darnieder liegt.

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Adidas bleibt bei seinem Geschäft

Kern des Geschäfts von Peloton oder Technogym sei aber nicht das Cardio-Bike oder das neueste Laufband, sondern das Coaching, der interaktive Unterricht über einen Bildschirm, erklärte jüngst Adidas-Chef Kasper Rorsted in einem Interview mit der "FAS". Diese Firmen bezeichneten sich ja selbst weniger als Sport-, sondern als Tech-Unternehmen. Er selbst, so Rorsted, habe ein Peloton-Bike gekauft. "Irgendwann war ich genug spazieren, der Hund wollte auch nicht mehr raus. Seither strample ich auf dem Gerät. Ich genieße das.“ 

Adidas will diesem Markt aber fern bleiben. "Das ist nicht unsere Sache. Aber wir haben eine Kooperation mit Peloton vereinbart: Wir werden Kleidung für Peloton entwickeln", sagt Rorsted. Dennoch gehören auch Sportmodenhersteller wie Adidas, Puma und Nike zu den Profiteuren der mit der Corona-Pandemie einhergehenden Bekleidungs- und Digitalisierungstrends.

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Nike beflügelt die Konkurrenten

Zwar rutschte Adidas wegen des allgemeinen Lockdowns im zweiten Quartal in die Verlustzone, doch für das dritte Quartal rechnet der Konzern mit einer deutlichen Erholung. Das Betriebsergebnis könnte zwischen 600 und 700 Millionen Euro erreichen - rund eine Milliarde Euro mehr als in den drei Monaten zuvor. Längst hat die Adidas-Aktie deshalb ihr Tief vom Frühjahr wieder mehr als wett gemacht.

Befeuert wurden die Herzogenauracher auch von den ermutigenden Zahlen des Konkurrenten Nike. In den drei Monaten bis Ende August verdiente der weltgrößte Sportartikelhersteller 1,5 Milliarden Dollar. Das entspricht einem Anstieg um elf Prozent im Jahresvergleich.

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Nikes Erlöse im digitalen Geschäft machten sogar einen Sprung um 82 Prozent. Vor allem in China verbuchte der Adidas-Rivale deutlich mehr Nachfrage. Dennoch sank der konzernweite Umsatz um knapp ein Prozent auf 10,6 Milliarden Dollar. Dank niedrigerer Ausgaben blieb unterm Strich trotzdem wesentlich mehr in der Kasse als vor einem Jahr.

Damit wird deutlich, wie stark die Digitalisierung die gesamte Fitnessbranche bereits durchdrungen hat. Digital geht es in diesem Jahr auch auf der Fitness-Messe Fibo zu. Sie findet nämlich erstmals online statt und setzt dabei auf die neuesten Branchentrends: von der Neuerfindung des Fitnessstudios über den Einsatz künstlicher Intelligenz im Training bis zu neuen Trainingskonzepten.

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 01. Oktober 2020 um 10:35 Uhr.

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