Leere gedeckte Tische stehen um die Mittagszeit vor einem Münchener Restaurant.  | Bildquelle: dpa

Gastronomie und Hotels Zahlen Versicherungen für Corona-Schäden?

Stand: 12.06.2020 06:34 Uhr

Zahlt die Versicherung? Das fragen sich derzeit Tausende Gastronomen und Hoteliers, die wegen Corona dicht machen mussten. Bisher stellen sich die meisten Versicherer quer - und bieten allenfalls Kulanz-Lösungen an. Allianz & Co droht eine Klagewelle. Und nicht nur das!

Von Notker Blechner, boerse.ARD.de

Wer derzeit in seine Stammkneipe zurückkehrt, dürfte einiges zu hören bekommen. Kneipenwirte wurden ebenso wie Betreiber von Restaurants und kleineren Hotels von der Corona-Krise kalt erwischt. Erst mussten sie wochenlang schließen, nun müssen sie auch noch um Entschädigung kämpfen.

Hotel-Mitarbeiterin im "Romantik Hotel" in Pirna
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Hotel-Mitarbeiterin mit Mundschutz im "Romantik Hotel" in Pirna

Schuld daran sind mal wieder - die Versicherungskonzerne. Sie wollen nicht zahlen - oder allenfalls nur einen Bruchteil des entstandenen Schadens. Dabei hatten zahlreiche Gastronomen und Hoteliers eine teure Betriebsschließungsversicherung abgeschlossen. Doch die gilt offenbar nur dann, wenn ein Lokal dicht machen muss, weil dort eine Infektion - zum Beispiel mit Salmonellen - ausgebrochen ist.

Betriebsschließungsversicherung gilt nicht bei Corona

Die Police decke nicht Pandemien ab, behaupten die Versicherer. Sie beziehen sich auch nicht auf vorsorgliche Maßnahmen von Behörden wie beim Corona-Lockdown. Zudem sei Covid-19 bei Abschluss der Verträge noch nicht bekannt gewesen.

Oliver Bäte
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Oliver Bäte, Allianz

Noch klarer auf den Punkt brachte es Allianz-Chef Oliver Bäte bei der virtuellen Hauptversammlung des Konzerns. In den meisten Fällen seien Pandemien als Grund für eine staatlich angeordnete Betriebsschließung nicht versichert, betonte er. Die Branche könne doch keinen Versicherungsschutz leisten, für den keine Prämie bezahlt wurde. "Dies würde der Branche den Boden unter den Füßen wegziehen", befürchtet Bäte.

Versicherer weisen Ansprüche ab

"Es wäre naiv zu denken, dass Versicherer eine Pandemie abdecken können", meinte unlängst Giulio Terzariol, Finanzvorstand der Allianz. Täten sie das, wären sie komplett überfordert. Um ein solches Risiko zu tragen, bräuchten sie dann Hilfe der Regierungen.

Einige Politiker verlangen dagegen, die Versicherer sollten die Kunden bei Betriebsschließungen entschädigen, auch wenn eine Pandemie wie Covid-19 in den Verträgen ausdrücklich oder implizit ausgeschlossen ist. Die Münchener Rück wehrt sich gegen solche politischen Forderungen. "Retroaktiver Eingriff in Verträge ist mit rechtsstaatlichen Prinzipien unvereinbar", monierte Vorstandschef Joachim Wenning auf der Online-Hauptversammlung des weltgrößten Rückversicherers. "Er würde das Fundament von Versicherung und damit den Fortschritts- und Wachstumsnutzen schwer beschädigen." Sonst drohten sich die Versicherer finanziell zu übernehmen.

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BaFin Frankfurt
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Schild mit BaFin-Schriftzug in Frankfurt

Rückendeckung erhalten die Versicherer von der BaFin. Dass die Betriebsschließungs-Policen nicht für den Schutz vor einer Pandemie konzipiert seien, lasse sich eigentlich schon an den Tarifen ablesen, erklärte BaFin-Exekutivdirektor Frank Grund. Allerdings seien viele Verträge unklar formuliert. Grund sprach sich deshalb für Kulanzlösungen aus, um teure Verfahren zu vermeiden und die Kunden nicht zu verprellen.

Kulanz-Regelungen für betroffene Gastronomen

Die Allianz und andere Versicherer haben eingelenkt und wollen einen Teil der Einnahmeausfälle kompensieren. In Bayern vereinbarten mehrere Versicherer, darunter die Allianz, die Versicherungskammer Bayern (VKB) und die Haftpflichtkasse, 10 bis 15 Prozent der vereinbarten Tagessätze an die betroffenen Gastronomen auszuzahlen. Voraussetzung sei das Bestehen einer Betriebsschließungsversicherung. Das Gros der restlichen Einnahmeausfälle könnte über Staatshilfen abgedeckt werden, meint das bayerische Wirtschaftsministerium. In Bayern haben rund 70 Prozent das Kulanzangebot der Allianz angenommen. Das "bayerische Modell" soll nun bundesweit ausgeweitet werden.

Auch andere Versicherer haben ihren Kunden ein Vergleichsangebot von zehn bis 15 Prozent gemacht. Die Zurich zum Beispiel zeigt sich bereit, 15 Prozent des Umsatzausfalls zu kompensieren.

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Versicherern steht Klagewelle bevor

Doch einigen Gastronomen reicht das nicht. Sie wollen vor Gericht ziehen - gegen Allianz, Zurich, Axa & Co. Viele Anwälte ermutigen sie dazu. Rückendeckung gibt ihnen ein erstes Urteil des Landgerichts Mannheim. "Betriebsschließungen aufgrund Covid-19-Verfügungen seien durchaus über entsprechende Policen versichert, erklärten die Richter. Nun droht den Versicherern eine Klagewelle.

Auch in Frankreich musste der Versicherungsriese Axa eine Schlappe einstecken. Im Streit um Betriebsschließungsversicherungen sprach ein Gericht dem Betreiber von vier Restaurants in Paris Entschädigungen für Umsatzausfälle für Umsatzausfälle zu. In Großbritannien will die britische Finanzaufsicht FCA den Corona-Versicherungsstreit mit einem Musterverfahren klären.

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Allianz drohen Milliarden-Belastungen

Teure Klagen würden die Versicherer noch mehr in die Bredouille bringen. Schon jetzt leiden sie massiv unter der Corona-Krise. Die Pandemie kostet die Allianz im laufenden Jahr eine Milliardensumme. Allein die Schäden durch den Ausfall großer Veranstaltungen, geschlossene Fabriken, abgesagte Reisen und Zahlungsausfälle von Lieferanten dürften Europas größten Versicherer mit bis zu 1,1 Milliarden Euro belasten und den Konzerngewinn um zehn Prozent drücken.

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Auch anderen Versicherungssparten drohen magere Zeiten. Beratungsintensive Produkte wie Lebensversicherungen dürften schwieriger zu verkaufen sein, wenn der Allianz-Vertreter nicht ins Haus kommen kann. Zudem dürfte die Corona-Krise die Zinsflaute noch verschärfen. Ein Ende der Niedrigzinsphase sei nach den Maßnahmen der Europäischen Zentralbank (EZB) zur Bekämpfung der Virus-Pandemie in noch weitere Ferne gerückt, sagte der Vorsitzende der Deutschen Aktuarvereinigung, Guido Bader. "Wir haben einen wahnsinnigen Schlag auf die Zinsen." Deshalb müssten die deutschen Lebensversicherer wohl in den nächsten zehn Jahren mehr als 75 Milliarden Euro für ihre Renditeversprechen aus der Vergangenheit als Zinszusatzreserve zurücklegen.

Kreditversicherer werden geschützt

Am härtesten könnte es für die Anbieter von Kreditversicherung werden. Hier werden angesichts einer drohenden Pleitewelle steigende Ausfallraten erwartet. Deshalb hat der Bund einen Schutzschirm gespannt: Er übernimmt für dieses Jahr eine Garantie für Entschädigungszahlungen der Kreditversicherer von bis zu 30 Milliarden Euro. Kreditversicherungen schützen Lieferanten vor Zahlungsausfällen, wenn ein Abnehmer im In- oder Ausland die Rechnung nicht bezahlen kann oder will.

Nur in der Autoversicherung rechnet die Branche mit weniger Schäden, weil der Verkehr während der Ausgangsbeschränkungen stark zurückging. Und auch jetzt noch herrscht kein Normalbetrieb. Allerdings wird der Einbruch bei den Autokäufen auch zu einem schrumpfenden Neugeschäft von Autoversicherungen führen. Man sieht: Corona hat die oft so krisenresistente Versicherungsbranche mächtig durcheinandergewirbelt.

Quelle: boerse.ard.de
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