Arbeiter in einem VW-Werk | Bildquelle: dpa

Vorübergehende Schließung von Werken Autobranche schaltet auf Krisenmodus um

Stand: 17.03.2020 11:34 Uhr

In dieser Woche legen nach VW noch BMW und Audi ihre Jahreszahlen vor. Die Ausblicke dürften ziemlich trübe ausfallen. Denn nicht nur in China, sondern nun auch in Westeuropa bricht die Nachfrage weg. Die Corona-Krise trifft die Autobranche mitten in einer historischen Umbruchphase.

Von Notker Blechner, boerse.ARD.de

Noch vor wenigen Tagen gaben sich Deutschlands Automanager relativ gelassen. Zwar habe BMW in China in den beiden ersten Monaten eine deutliche Delle erlitten, doch in Europa und den USA wurden mehr Autos verkauft, erklärte BMW-Chef Oliver Zipse Anfang März bei der virtuellen Premieren-Präsentation nach der abgesagten Genfer Automesse. Man dürfe deshalb für das laufende Jahr nicht zu pessimistisch sein, meinte er. Am Absatzziel, weltweit ein leichtes Wachstum einzufahren, hielten die Münchner fest.

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Auch die Daimler-Vorstände gaben sich entspannt. Der Autobauer zeigte sich "sehr zuversichtlich, dass wir in China den Peak Corona erreicht haben", erklärte Vertriebschefin Seeger.

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Fiat, Ferrari und PSA machen Werke dicht

Doch inzwischen hat sich die Lage verdüstert. Das "China-Virus" ist zur globalen Pandemie geworden und hat Europa infiziert. Immer mehr Autobauer schließen ihre Werke in Europa oder drosseln die Produktion. FiatChrysler lässt für mindestens zwei Wochen die Produktion in den italienischen Fabriken sowie in Serbien und Polen ruhen. Der italienische Sportwagenbauer Ferrari hat die beiden Werke in Maranello und Modena bis Ende März dicht gemacht. Die Opel-Mutter PSA schließt alle Werke in Europa bis zum 27. März.

Und auch die deutschen Autohersteller fangen an, die Produktion herunterzufahren. In den Opel-Werken in Eisenach und Rüsselsheim wird die Arbeit ab Dienstag ausgesetzt. Volkswagen wagt keine Jahresprognose mehr und stoppt die Produktion in Europa.

Experten rechnen damit, dass nach China nun auch die Autonachfrage in Europa massiv schrumpfen wird, weil in Zeiten von Corona kaum jemand an den Kauf eines neuen Fahrzeugs denkt. Die Menschen bleiben lieber zuhause.

Europäischer Automarkt dürfte 2020 drastisch schrumpfen

PKW-Absatz Westeuropa 2000-2030
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Branchenkenner Ferdinand Dudenhöffer, der inzwischen am Institute for Customer Insight (ICI) der Uni St. Gallen forscht, prophezeit einen Absatzeinbruch von mindestens elf Prozent auf rund 12,74 Millionen Fahrzeuge - in einem optimistischen Szenario. Er unterstellt, dass sich die Corona-Epidemie in drei Monaten beruhige und das Finanzsystem in Europa nicht zusammenbreche. Zwar wäre 2020 der westeuropäische Automarkt ohnehin zurückgegangen, aber durch Corona käme nochmals ein Minus von fast einer Million weniger Einheiten hinzu.

Für die deutschen Hersteller wäre ein solcher Einbruch auf dem westeuropäischen Markt verheerend. Schließlich werden gut 35 Prozent ihrer weltweit verkauften Autos in Europa abgesetzt, hat Experte Dudenhöffer ausgerechnet. "Europa ist das Kernland der deutschen Autobauer."

China-Delle kaum noch aufzuholen

In China dürfte sich zwar die Nachfrage wieder etwas erholen in den nächsten Monaten, aber ob die Delle seit Jahresanfang wieder ausgeglichen wird, bezweifeln Branchenexperten. "Das ist nicht mehr zur Gänze aufzuholen", glaubt Professor Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive Management (CAM) an der Fachhochschule für Wirtschaft in Bergisch Gladbach. Er sagt ein Minus von zehn Prozent in China für 2020 voraus. Kollege Dudenhöffer rechnet mit einem Absatzrückgang von acht Prozent im Reich der Mitte. Weltweit dürfte die Nachfrage dieses Jahr um mehr als drei Prozent auf 76,9 Millionen Pkw zurückgehen. Diese Prognose stammt aber noch von Anfang März - also bevor das Corona-Virus Europa mit voller Wucht erfasste.

Der Corona-Schock dürfte zu einer Schneise der Verwüstung in der europäischen Autoindustrie führen, warnt Branchenbeobachter Dudenhöffer. Denn das Virus ist nicht das einzige Problem, das die Industrie belaste. Der Zollstreit zwischen den USA und China, die Diesel-Krise und der teure Umstieg auf die Elektromobilität machen den Autobauern schwer zu schaffen. Kein Wunder, dass laut einer Studie von EY schon 2019 die meisten Gewinnwarnungen in Deutschland aus der Autobranche kamen.

Zulieferer bereits voll in der Krise

Besonders hart getroffen sind die Zulieferer. "Wir schlittern nicht in die Krise hinein, wir befinden uns mittendrin", räumte Conti-Chef Elmar Degenhart auf der IAA in Frankfurt im September 2019 ein. Conti rutschte im vergangenen Jahr in die roten Zahlen und machte unterm Strich einen Verlust von 1,2 Milliarden Euro. Der Zulieferer muss Werke schließen und Personal entlassen. "Wir befinden uns in einer massiven Marktkrise in Zeiten einer umwälzenden Technologietransformation", sagte Conti-Boss Degenhart vor zehn Tagen bei der Bilanz-PK.

Der Umschwung zur E-Mobilität verändert die Produktionsprozesse. Bei der Fertigung von E-Autos werden deutlich weniger Bauteile benötigt als bei Fahrzeugen mit Verbrennermotoren.

Klimaschutz-Vorgaben als zusätzliche Belastung

Zunehmender Druck kommt aus Brüssel: VW, BMW und Daimler müssen ihren Kohlendioxid-Ausstoß drastisch senken, sonst drohen Strafen der EU. Um die Grenzwerte zu erreichen, sollen deutlich mehr Elektroautos oder gemischt betriebene Plug-in-Hybride verkauft werden. Alleine Daimler und BMW müssen in diesem Jahr die CO2-Emissionen im Schnitt der verkauften Flotten um 20 Prozent senken.

Noch zeigen sich Daimler- und BMW-Chefs zuversichtlich, die CO2-Vorgaben zu erfüllen - ohne Rabattschlacht. Doch sollte sich der westeuropäische Automarkt weiter eintrüben, dürften die Ziele kaum noch zu erreichen sein. Schon jetzt halten sich die Kunden beim Kauf von rein batterieelektrischen Fahrzeugen zurück - trotz großzügiger Prämien des Staats. Womöglich hilft dann nur noch eine Abwrackprämie - wie bei der letzten großen Autokrise 2008.

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Autokonzerne sportlich und elektrisch

VW ID 4

VW ID 4
Für den Volkswagen-Konzern sollte der Genfer Autosalon die Bühne für seinen ersten vollelektrischen SUV sein: Der ID 4 soll in Europa, China und den USA verkauft werden. Wie der Golf-ähnliche ID 3 wird auf der E-SUV auf der Elektroplattform MEB hergestellt.

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 17. März 2020 um 09:00 Uhr.

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