Logos von Google und Apple | Bildquelle: REUTERS

Apps und Tests Technologiekonzerne profitieren von Corona

Stand: 09.07.2020 08:20 Uhr

Ausgerechnet die Corona-Krise hat Apple, Amazon, Google und Facebook die Tür zur letzten kaum digitalisierten Bastion geöffnet: dem Gesundheitssektor. Die Tech-Giganten bieten Corona-Tests, Tracing-Apps, Health-Plattformen und digitale Assistenten an. Zudem kooperieren sie mit Krankenhäusern und Big Pharma.

Von Notker Blechner, boerse.ARD.de

Krebsheilung mit Google, Diabetes-Prävention durch Amazon, Erkennung von Herzerkrankungen durch Apple - was wie Science-Fiction klingt, könnte bald Realität werden. Denn die großen US-Tech-Konzerne aus dem Silicon Valley arbeiten fleißig an neuen Lösungen im Gesundheitsmarkt. Mit Software, Künstlicher Intelligenz (KI), Apps, Cloud-Technologien und anderen digitalen Anwendungen dringen sie in immer tiefere Bereiche von Krankenhäusern und Arztpraxen ein.

Altern ohne Schmerzen?

Sie stecken Milliarden in die Erforschung und Vermessung des menschlichen Körpers – und träumen von der digitalen Gesundheitswelt. "Unsere Vision ist es, die Gesundheitsdaten der Welt nutzbar zu machen, damit wir gesünder leben können", erklärt Kardiologin Jessica Mega, Chefmedizinerin der Google-Gesundheitstochter Verily. Manche Start-ups im Silicon Valley versprechen gar "eine Zukunft, in der das Altern nicht mehr wehtut" - ohne die Krankheiten der Eltern. Reale Vision oder verrückte Träumerei von Software-Entwicklern?

Corona Warn-App
galerie

Corona Warn-Apps auf Smartphone und iPhone

Seit Jahren arbeiten die GAFAM-Konzerne (Google, Amazon, Facebook, Apple, Microsoft) an ihrem Einstieg ins Gesundheitswesen. Den Durchbruch dürfte nun die Corona-Krise gebracht haben. Angesichts der teils katastrophalen Zustände bei der Versorgung von Covid-19-Patienten haben viele Krankenhäuser und Regierungen ihre Scheu vor Digitalisierung aufgegeben. So setzen inzwischen die Krankenhäuser in den USA zunehmend die App Apple Health ein. Darüber hinaus halfen in zahlreichen Ländern die Big-Tech-Konzerne beim Aufbau von Corona-Tracing-Apps mit. Apple und Google setzten sich mit ihrer Forderung nach dezentralen Software-Lösungen durch. Auch in Deutschland lenkte die Bundesregierung ein. Einzig Frankreich beharrte auf einem zentralisierten System bei der Speicherung der Daten.

Google und Apple kooperieren bei Corona-App

Die beiden Erzrivalen Google und Apple gingen gar wegen Corona eine ungewöhnliche Allianz ein. Sie entwickeln gemeinsam eine Bluetooth-Schnittstelle, die es den Tracing-Apps erlaubt, dass die beiden Betriebssysteme Android und iOS miteinander interagieren. Smartphone-Nutzer bekommen dann ein Signal, wenn sie sich in der Nähe eines Corona-Infizierten aufgehalten haben. Mittelfristig wollen Google und Apple eine Software für das Corona-Tracing einführen, die ohne das App-Herunterladen auskommt.

Am weitesten im Gesundheitssektor scheint der Google-Konzern Alphabet zu sein. Davon sind Experten wie Fondsmanager Kai Brüning von Apo Asset Management überzeugt. "Google macht am meisten und steckt sehr viel Geld in den Sektor", sagt er. Über Artificial Intelligence versuche der Suchmaschinen-Konzern Gesundheitsdaten zu optimieren.

Weitere Kursinformationen zu Alphabet C

Google-Tochter hilft bei Früherkennung von Krankheiten

Google verily
galerie

Smartphone mit der Corona-Warn-App Google verily

Seit 2015 beschäftigt sich die Tochter Verily mit Gesundheitsthemen. Sie sammelt Daten zum menschlichen Genom, um frühzeitig mögliche Krankheiten zu erkennen. Vor gut einem Jahr ging Verily eine Allianz mit den Pharmariesen Novartis, Pfizer, Sanofi und Otsuka zu klinischen Forschungsprogrammen in den Bereichen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Diabetes ein. Zu den wenigen Produkten, die die Google-Tochter bisher entwickelt hat, gehören ein intelligenter Schuh, der erkennt, wenn sein Träger zu stürzen droht, und eine smarte Windel, die signalisiert, wenn sie nass wird. Das mit dem Schweizer Pharmariesen Novartis betriebene Vorhaben einer Kontaktlinse für Diabetiker scheiterte aber. Mittels des Glukosegehalts von Tränen sollte der Blutzuckerwert geprüft werden. Es stellte sich allerdings heraus, dass es keine Korrelation zwischen der Glukose-Konzentration in den Tränen und im Gesamtkörper gibt.

Mit der Biotechfirma Calico verfügt Google über eine weitere Gesundheitstochter. Calico forscht an altersbedingten Krankheiten wie Alzheimer und hat eine Datenbasis zu Zellen aufgebaut. Darüber hinaus ist Google eine Partnerschaft mit Ascension eingegangen, das 150 Krankenhäuser und tausende Arztpraxen in den USA betreibt. Ascension lädt die Labordaten, Arztdiagnosen und Krankenhausberichte in die Google-Cloud.

Apple Watch liefert Gesundheitsfunktionen

Eine zunehmend wichtige Rolle im Gesundheitswesen spielt auch Apple. Der iPhone-Konzern bietet mit dem Health Kit eine Schnittstelle bei Gesundheitsanwendungen für das Smartphone. Seit 2015 gibt es auch ein Research Kit, eine Open-Source-Plattform für die medizinische Forschung. "Das ResearchKit ist wichtig für Pharmafirmen", sagt Fondsmanager Brüning. "Durch kontinuierliche Datenerhebung können sie Ihre Studien besser analysieren."

Weitere Kursinformationen zu Apple

Apple Watch Series 4
galerie

Apple Watch Series 4

Vor allem mit seiner Apple Watch mischt der Tech-Riese im Gesundheitsbereich mit. Die Smartwatch hat eine EKG-App, die den Träger bei unregelmäßigem Herzrhythmus warnt. Mit der AppleWatch beteiligt sich der Konzern auch an Forschungsprojekten zu Osteoporose und Unfruchtbarkeit von Frauen, zur Verbesserung der Parkinson-Therapie und zu einem Anfall-Detektor für Epilepsie-Patienten.

Amazon verkauft Pillen und macht Telemedizin

Eher in der Gesundheitslogistik ist Amazon aktiv. Der Online-Händler vertreibt zahlreiche Pharmaprodukte übers Internet in den USA und hat vor zwei Jahren die amerikanische Online-Apotheke PillPack geschluckt. Der Pharmamarkt in den USA ist mit einem Volumen von fast 500 Milliarden Dollar der größte der Welt. Branchenexperten rechnen damit, dass Amazon bald in den deutschen Apothekenmarkt einsteigt. Die Verbände zeigen sich besorgt.

Weitere Kursinformationen zu Amazon

Im vergangenen Jahr übernahm Amazon Health Navigator, ein Start-up für Telemedizin-Dienste. Die Übernahme ist Teil einer digitalen Gesundheitsplattform, an der der Online-Händler tüftelt. Laut Medienberichten entwickelt Amazon auch eine Software, mit der sich elektronische Patientenakten durchsuchen lassen. Sie wird in einem Krebsforschungszentrum in Seattle getestet.

Facebook organisiert die Arzttermine

Etwas schwerer mit dem Einstieg in den Gesundheitsmarkt tut sich Facebook. Das weltgrößte soziale Netzwerk bietet in den USA ein Health-Tool an, über das die Nutzer Arzttermine vereinbaren können und an Vorsorgetermine erinnert werden. Zudem beteiligt sich der Konzern am Forschungsprojekt der New Yorker Universität, das die MRT-Diagnostik mit Künstlicher Intelligenz beschleunigen soll. Im Gesundheitsbereich steht "Facebook von den GAFAM-Konzernen nicht in der ersten Reihe", meint Fondsmanager Brüning.

Weitere Kursinformationen zu Facebook

Für Facebook, Amazon, Apple und Google ist der Gesundheitssektor ein lukrativer Markt. Bisher ist Schätzungen zufolge nur ein Fünftel des Gesundheitswesens digitalisiert. Laut Roland Berger dürfte bis 2025 das Marktvolumen für Gesundheits-, Diagnose- und Selbstüberwachungs-Apps auf 16 Milliarden Euro steigen.

Weiß "Doktor Algorithmus" alles?

Mit dem Einstieg in den Gesundheitsbereich schließen die GAFAM-Konzerne ihre letzte große Datenlücke. Sie wollen mit der Sammlung und Auswertung der Daten das Gesundheitsmanagement verbessern und vor allem die Diagnostik verbessern - nach dem Motto: Wo der Arzt nicht mehr weiter weiß, liefert Doktor Algorithmus die Antwort. Oder Alexa. Die digitalen Sprachassistenten könnten irgendwann vielleicht die erste Konsultation beim Hausarzt ersetzen, wenn sie genügend Daten erhalten.

Ob die Bürger das wollen, wird sich zeigen. Die Suchmaschinen-Anfragen bei Google zeigen aber, dass schon viele Nutzer bereit sind, ihre persönlichen Daten einzugeben, wenn es um die (Selbst-)Analyse von Krankheitssymptomen geht.

Corona beschleunigt Digital-Health-Trend

Die Corona-Pandemie wird auf jeden Fall den Wandel hin zur "Digital Health" beschleunigen. Die Digitalisierung wird das Gesundheitssystem entschlacken und weiter Kosten sparen, prophezeit Apo-Fondsmanager Brüning. Er glaubt, dass vor allem die Telemedizin an Bedeutung gewinnt. Über Videokonferenzen können Patienten ihren Arzt konsultieren - und erklären, welche Beschwerden sie haben. Apo Asset Management hat vor drei Jahren einen Digital-Health-Fonds aufgelegt. Mit den GAFAM-Aktien sowie Titeln wie Teledoc, Livongo, Ping An Healthcare, Veeva Systems und Tabula Rasa erzielte der Fonds in diesem Jahr einen Wertzuwachs von 20 Prozent. Zum Vergleich: der S&P 500 büßte zwei Prozent ein.

Weitere Kursinformationen zu Apo Digital Health

Die Corona-Krise befeuert den Megatrend Digital Health, glaubt auch der Online-Broker etoro. Er sieht vor allem Peloton und Garmin als Profiteure. Der Online-Fitnessanbieter Peloton verkauft nicht nur Fitness-Fahrräder mit einem großem Bildschirm, sondern auch Cardio-Geräte. Das Elektronikunternehmen Garmin besitzt eine Fitnesssparte mit Smart-Trainern und Wearables. Die Aktien von Peloton haben sich seit Jahresbeginn verdoppelt, die Titel von Garmin haben sich langfristig gut entwickelt.

Weitere Kursinformationen zu Veeva System

Weitere Kursinformationen zu Peloton

Weitere Kursinformationen zu Garmin

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichteten Deutschlandfunk am 10. April 2020 um 22:00 Uhr und Deutschlandfunk Kultur am 01. Juli 2020 um 17:08 Uhr.

Darstellung: