Your Now

Allianz von BMW und Daimler Die Mobilitätsträume sind geplatzt

Stand: 23.10.2020 15:02 Uhr

Als vor eineinhalb Jahren die Erzrivalen Daimler und BMW zusammenrückten und eine Allianz bei Mobilitätsdienstleistungen gründeten, herrschte Euphorie. Diese ist inzwischen der Ernüchterung gewichen. Nun steht das defizitäre Joint-Venture vor der Zerschlagung.

Von Notker Blechner , boerse.ARD.de

Daimler und BMW stellen nicht nur Autos her, sondern auch hin. Dazu haben sie im Februar 2019 ihre Carsharing-Angebote in ein gemeinsames Unternehmen eingebracht und es "Your Now" genannt. Die damaligen Chefs, Harald Krüger und Dieter Zetsche, sprachen von einem "Game Changer".

Sie kündigten Investitionen von einer Milliarde Euro an, um die "urbane Mobilität von morgen" zu gestalten. Sie versprachen ein "shared Mobility"-Angebot mit E-Autos und selbstfahrenden Fahrzeugen, die selbstständig parken, sich automatisch aufladen und sich mit anderen Verkehrsmittel vernetzen. Es war eine Kampfansage an Uber, Didi & Co. Die Autobauer träumten davon, zum führenden Mobilitätsdienstleister in Europa zu werden.

Vom Carsharing zur Park-App

Park Now
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Park Now

Unter dem Dach von Your-Now wurde ein Sammelsurium an Angeboten für Carsharing, Mitfahrdiensten, E-Ladesäulen und Apps zur Reiseplanung geschaffen. So betreiben Daimler und BMW das Car-Sharing "Share Now", die Taxi-App "Free Now", die Park-App "Park Now" und die Ladestationen-Plattform "Charge Now" für E-Autos und die Fahrdienstleistungen "Reach Now", mit der man Fahrten mit allen Verkehrsmitteln vom Bike-Sharing bis zur U-Bahn planen kann. Herzstück ist die stationsunabhängige Kurzzeit-Automiete, die Daimler 2008 mit "car2go" startete und BMW drei Jahre später mit "DriveNow" anbot.

Doch die hohen Erwartungen haben sich nicht erfüllt. Zwar haben Daimler und BMW inzwischen über 90 Millionen Kunden angelockt und sind in 1.300 Städten präsent, aber sie verdienen damit kein Geld. Vielmehr mussten Hunderte Millionen Euro abgeschrieben werden. 2019 brockte "Your Now" Daimler ein Minus von 818 Millionen Euro ein. Im ersten Halbjahr 2020 waren es nochmals 250 Millionen Euro.

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"Große Ernüchterung"

Die Corona-Krise hat die Probleme der Anbieter weiter verschärft. Mitfahrdienste waren plötzlich nicht mehr angesagt, denn wer setzt sich schon gern in ein fremdes Fahrzeug. Hinzu kamen die Ausgangsbeschränkungen. In vielen Ländern brach das Geschäft deshalb im zweiten Quartal um 70 Prozent ein.

Auto-Professor Ferdinand Dudenhöffer spricht von einer "großen Ernüchterung" - zumindest im Bereich des Carsharing. Der Anteil der Sharing-Autos an der deutschen Pkw-Flotte liege immer noch bei kaum spürbaren 0,04 Prozent. Die von der Branche angegebene Zahl von 2,4 Millionen Carsharern in Deutschland stellt Dudenhoeffer in Frage. Darunter seien viele Karteileichen, möglicherweise angelockt durch Boni oder Vergünstigungen bei der Anmeldung, vermutet er.

Daimler-Betriebsrat fordert Einstellung des Geschäfts

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Reach Now (vorher: Moovel), Your Now

Die Hoffnung der Automanager und Umweltschützer, Sharing-Dienste könnten den Wunsch nach dem eigenen Auto verdrängen, habe sich bisher nicht bewahrheitet, gibt auch Daimler-Betriebsratschef Michael Brecht zu. "Wir sind nicht an einem Punkt, wo sich Sharing-Modelle breit durchsetzen. Selbst Uber verbrennt eine Milliarde nach der anderen." Brecht fordert, wegen des herrschenden Kostendrucks das Engagement beim Car-Sharing und anderen Mobilitätsdiensten einzustellen. "Vor einem Jahr noch hieß es, ohne Mobilitätsdienstleistungen wären wir nicht mehr überlebensfähig, sonst werden wir abhängig von digitalen Plattformunternehmen". Diese Befürchtung sei nicht eingetreten.

Der Spardruck auf die Produktionsstandorte sei mit dem Umschwung zu Elektroautos und wegen der Corona-Krise so hoch, dass der Autobauer für solche Dienste kein Geld "rausblasen" müssen. "Wenn wir nicht in der Lage sind, ein profitables Geschäft daraus zu machen und mittlerweile sehen, dass wir nicht abhängig werden als Bittsteller von Plattformen, stellt sich die Frage: Muss ich das überhaupt tun?", fragt sich Brecht.

Your Now wird zerschlagen

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Park Now

Die neuen Daimler- und BMW-Chefs haben deshalb die Notbremse gezogen. Am Donnerstag gaben sie den Verkauf eines Teils von Moovel bekannt. Und das ist nur der Anfang. Der Rückzug dürfte weitergehen. So hat Uber ein Auge auf den Fahrdienst Free Now geworfen. Laut "Manager Magazin" soll Uber über eine Milliarde Euro für den Fahrtenvermittler geboten haben. Es ist aber laut Insidern aber auch denkbar, dass es zu einem Einstieg Ubers als Partner kommt. Auch die Parkplatz-App Park Now könnte vor einem Verkauf stehen.

"Offen für Partnerschaften"

BMW-Chef Oliver Zipse hat kürzlich mit einer Analogie zur Flugzeugindustrie die Fokussierung aufs Kerngeschäft klargestellt. Er betonte, BMW sei ein "Flugzeughersteller und keine Airline". Und Daimler-Chef Ola Källenius sagte, die Firmen von Your Now müssten finanziell auf eigenen Beinen stehen. Dem Management wurden Profitabilitätsziele gesetzt. Die Vorstände schließen den Einstieg von Investoren nicht aus. "Wir sind offen für Partnerschaften", sagte Daimler-Finanzchef Harald Wilhelm.

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"Partnerschaften mit Dritten können Sinn ergeben", meinte jüngst Kersten Heineke, Mobilitätsexperte der Unternehmensberatung McKinsey, in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Denn gerade bei der Mitfahrvermittlung oder auch dem Carsharing komme es auf Größe an. Selbst so große Konzerne wie Daimler und BMW könnten inzwischen nicht mehr alle Aspekte der Mobilität selbst abdecken.

Trotzdem bleibe das Geschäft der Mobilitätsdienste unverzichtbar. "Hersteller, die sich auf dem Feld der Mobilitätsdienstleistungen weiter engagieren, werden es in diesem Umfeld leichter haben, ihren Umsatz zu vergrößern und die Profitabilität zu erhalten oder sogar zu steigern." Einen kompletten Rückzug aus der Mobilitätsdienstleistung würde der McKinsey-Berater für falsch halten.

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 23. Oktober 2020 um 16:41 Uhr.

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