Flugzeugen von Ryanair und Easyjet auf dem Flughafen Berlin-Tegel | Bildquelle: dpa

Flugverkehr in Corona-Zeiten Kommen Billigflieger besser durch die Krise?

Stand: 18.05.2020 15:27 Uhr

Die Luftfahrt erlebt die schlimmste Krise ihrer Geschichte. Viele Airlines kämpfen ums Überleben und betteln um staatliche Unterstützung. Nur die Billigflieger brauchen bislang keine Hilfen. Sind Ryanair & Co krisenresistenter als die klassischen Fluggesellschaften?

Von Notker Blechner, boerse.ARD.de

Egal wie schlimm es steht - seinen Humor hat Ryanair-Chef Michael O'Leary nicht verloren. Statt Home Office zu machen, gehe er derzeit lieber ins Büro, sagte er unlängst in einem Interview. Schließlich habe er vier Kinder.

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Ryanair-Passagier am Flughafen Dublin

Über die aktuelle Lage in der Luftfahrt-Branche kann O'Leary allerdings nicht lachen. Noch sind deutlich mehr Flugzeuge am Boden als am Himmel. Auch Ryanair hat den Flugbetrieb weitgehend eingestellt. Momentan werden täglich nur 30 statt der sonst üblichen 2.500 Flüge zwischen Irland, Großbritannien und Kontinentaleuropa angeboten.

Ryanair fährt ab Juli Betrieb wieder hoch

Doch schon bald will Europas größter Billigflieger wieder durchstarten. Ab dem 1. Juli sollen 40 Prozent der regulären Flüge wieder stattfinden, kündigte Ryanair vergangene Woche an. Es sollen möglichst viele Strecken bedient werden. Die Passagiere sollen mit Billigpreisen angelockt werden.

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Ryanair-Boss O'Leary ist sicher, dass das Konzept aufgeht. "Wir haben eine Flut von Buchungen verzeichnet", sagte er auf einer Online-Konferenz der "Financial Times". Es gebe offenbar ganz erheblichen Nachholbedarf von Familien, die nach sonnenreichen Destinationen wie Italien und Spanien suchen.

Nach der Öffnung der europäischen Grenzen Mitte Juni werde es bis August eine Nachfrage geben - vor allem von Reisenden, die endlich mal wieder ihre Freunde und Familie besuchen wollen. Aber der Ladefaktor werde geringer sein. "Alle Airlines werden unter Druck stehen, ihre Flugzeuge zu füllen." Mit einer Normalisierung des Flugverkehrs rechnet O'Leary erst im Sommer 2021.

Harter Preiskampf in der Branche droht

Er stellt sich für die nächsten zwei Jahre auf einen harten Preiskampf ein. Dabei sieht sich Ryanair in einer guten Position. Zwar sagt die irische Billig-Airline für das laufende erste Quartal des Geschäftsjahrs 2020/21 einen Verlust von 200 Millionen Euro voraus. Im darauf folgenden Quartal werde sich aber der Fehlbetrag verringern. Möglicherweise könnte sogar schon wieder ein kleiner Gewinn anfallen.

Tatsächlich haben die führenden Billigflieger wie Ryanair, Easyjet und Wizz Air eine kleine schlanke und daher auch kostengünstige Verwaltung - im Gegensatz zu den großen Fluggesellschaften wie Lufthansa und KLM Air France. Zudem verfügen die Low Cost Airlines über reichlich Cash in der Kasse und können die Kosten viel radikaler herunterfahren als die etablierten Fluggesellschaften.

Experte: Ryanair könnte zwei Jahre ohne Hilfen durchhalten

Daniel Röska vom Analysehaus Bernstein Research hat die Finanzpolster der Fluggesellschaften untersucht. Während die Liquidität der Lufthansa gerade mal noch bis Ende Juni reicht - jede Stunde verliert sie eine Million Euro ihrer Reserven -, hätte Easyjet noch Geld für gut ein Jahr, hat Röska herausgefunden. Bei Ryanair würde sogar die Liquidität noch für zwei Jahre reichen. Europas größter Billigflieger hat derzeit liquide Mittel von 4,1 Milliarden Euro. Pro Woche geben die Iren derzeit gut 60 Millionen Euro aus, im März waren es noch 200 Millionen Euro. "Ryanair hat eine der stärksten Cash-Positionen der Branche und sollte bequem in der Lage sein, die Krise ohne Bedarf nach frischem Kapital zu überstehen", erklärte Röska am Montag.

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Am längsten durchhalten würde wohl die ungarische WizzAir. Nach Schätzungen von Bernstein Research reichen die Reserven des Billigfliegers für 144 Wochen. Das liegt auch daran, dass die Airline ein dickes Liquiditätspolster für den Kauf von über 300 Flugzeugen des Airbus A320neo in den nächsten Jahren aufgebaut hat.

Lufthansa, Air France und Alitalia brauchen Staatshilfen

Weil ihnen das Geld ausgeht, haben viele klassische Fluggesellschaften Liquiditätshilfen vom Staat beantragt. So kann Air France-KLM mit neun bis elf Milliarden Euro Hilfen rechnen. Italien unterstützt die seit Jahren angeschlagene Alitalia erneut mit drei Milliarden Euro. Und auch die Lufthansa verhandelt mit der Bundesregierung über milliardenschwere Finanzspritzen - zum Ärger von Ryanair. Der Wettbewerb werde durch Staatshilfen für die Konkurrenten Lufthansa oder Air France KLM verzerrt, beklagt Ryanair-Chef O'Leary. Er wirft der Lufthansa vor, "die Covid-Krise zu nutzen, um sich mit unglaublich hohen Summen vom Staat zu bereichern".

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Diese Liquiditätshilfen müssen aber irgendwann zurückgezahlt werden. Insofern dürften die traditionellen Airlines mit einem großen Schuldenberg aus der Krise kommen. Die großen Billig-Airlines stünden dann finanziell besser da.

Auslese in der Luftfahrtbranche wird voranschreiten

Norwegian Air
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Boeing 737 der Norwegian Air startet vom Düsseldorfer Flughafen

Kleinere Low Cost Airlines, die schon vor der Corona-Krise kaum profitabel waren, dürften indes den beschleunigten Konsolidierungsprozess in der Luftfahrtbranche nicht überleben, glauben Branchenexperten. So mussten Air Italy, Flybe und mehrere Töchter von Norwegian Insolvenz anmelden. Der Mutterkonzern Norwegian schrammte nur knapp an der Pleite vorbei. Die Aktionäre stimmten einem Rettungsplan mit Staatsgeldern zu. 2019 mussten bereits 20 europäische Airlines den Betrieb einstellen, darunter Germania, Wow Air und Thomas Cook.

Roland Conrady, Professor für Touristik an der Hochschule Worms, glaubt, dass die kleineren Billiglinien und die kleineren nationalen Fluggesellschaften ins Strudeln geraten. In Europa werden kaum mehr als drei große Airline-Gruppen, drei Billigflieger und ein paar Charterfluggesellschaften am Leben bleiben", prophezeit er.

Krisen-Profiteur Lufthansa?

Lufthansa-Maschinen am Frankfurter Flughafen
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Auf der Landebahn Nordwest geparkte Lufthansa-Maschinen am Frankfurter Flughafen

Manche Branchenbeobachter mutmaßen gar, dass die Lufthansa aus der Corona-Krise stärker hervorgeht. Denn einige Wettbewerber dürften in den kommenden Jahren verschwinden. Dadurch steigen die Chancen, höhere Preise zu verlangen, glaubt Jan Heile von der Unternehmensberatung Arthur D. Little. Kurzfristig aber - in diesem Sommer - dürfte erst mal ein Preiskampf toben, den die Low Cost Airlines anzetteln.

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 18. Mai 2020 um 12:38 Uhr.

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