Biontech-Gründer Ugur Sahin und Özlem Türeci | Bildquelle: imago images/S‰mmer

Biontech-Gründer Türeci und Sahin Das Paar hinter dem Corona-Impfstoff

Stand: 05.12.2020 13:21 Uhr

Auf der Suche nach einem Krebs-Medikament fanden sie den Corona-Impfstoff: Biontech-Gründer Özlem Türeci und Ugur Sahin sind inzwischen Milliardäre. Wie lief ihr Aufstieg? Was treibt sie an?

Von Axel John, SWR

Das Gebäude der früheren Kardiologie und Hämatologie im Universitätsklinikum des Saarlandes steht längst nicht mehr. Das kahle Hochhaus wurde vor Jahren abgerissen und gerät auf dem Campus langsam in Vergessenheit. Bestens erinnern kann man sich im Klinikum dagegen an Özlem Türeci und Ugur Sahin, die in diesem Haus Ende der 1990er-Jahre in der Krebsstation arbeiteten. "Natürlich habe ich diesen Weg der beiden nicht vorausgesehen", lacht Martina Sester. Die Professorin leitet inzwischen die Abteilung für Transplantations- und Infektionsimmunologie.

"Beide sind mir aber gleich als sehr kreative Wissenschaftler aufgefallen. Sie brennen für die Forschung und sind immer sehr hartnäckig gewesen."

Solche Sätze über Türeci und Sahin werden noch öfter zu hören sein. In Homburg wurde aus den Arbeitskollegen Türeci und Sahin auch privat ein Paar. "Ich hatte mit den beiden im Bereich von Lungenkrebs gemeinsame Projekte. Wir suchten nach typischen Merkmalen von Tumoren," erinnert sich Sester. "Ich glaube, diese Forschung hier in Homburg hat auch geholfen, ihre mRNA-Methode zu entwickeln, von der jetzt so viel gesprochen wird." Türeci und Sahin waren schon damals von der Idee fasziniert, dass der Körper mit seiner eigenen Immunabwehr Krebszellen angreift.

Wechsel nach Mainz

Zur Jahrtausendwende wechselten Türeci und Sahin in das Universitätsklinikum Mainz. Diese Wahl war kein Zufall. Der Standort gilt international als herausragend im Bereich der Immunologie, also der körperlichen Abwehr von Krankheitserregern. Das Klinikum hat in diesem Bereich eine jahrzehntelange Tradition mit zahlreichen Sonderforschungsbereichen.

Auch hier erinnern sich heute viele an die ersten Eindrücke des Forscherpaares. "Sie sind mir zunächst als sehr erfolgreiche Ärzte in der Tumorklinik aufgefallen. Sie waren auch in der Forschung stark unterwegs," sagt Ulrich Förstermann vom Klinik-Vorstand. "Leider ist es nicht häufig, dass hervorragende Wissenschaftler auch mit einem entsprechenden wirtschaftlichen Verständnis unterwegs sind. Diese Kombination hatten aber beide."

Mainz: Der Hauptsitz des Biotechnologie-Unternehmens Biontech | Bildquelle: picture alliance/dpa
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Der Hauptsitz des Biotechnologie-Unternehmens Biontech in Mainz.

Forschung soll Patienten schneller helfen

Türeci und Sahin wollten schon damals Forschungsergebnisse effektiver in Produkte umsetzen, um Patienten schneller zu helfen. Dafür brauchten sie aber wesentlich mehr Geld, als in einer akademischen Einrichtung zu bekommen war. Deshalb erfolgte 2001 die Ausgründung aus dem Uniklinikum. Mit ihrer ersten Firma "Ganymed" konnten Türeci und Sahin Sponsorengeld einwerben. Die Firma wurde vor vier Jahren für mehr als 400 Millionen Euro an ein japanisches Pharmaunternehmen verkauft.

2008 folgte die Gründung von Biontech. Statt einer Chemotherapie oder einer Bestrahlung sollte der Körper individuell und gezielt trainiert werden, den Krebs selbst zu bekämpfen - ein völlig neues Verfahren mittels mRNA. Die Kosten dafür waren wieder enorm hoch. Die Uniklinik versuchte zu helfen:

"Am Anfang hat das Uniklinikum Mainz etwa die Mietgarantie für das Firmengebäude von Biontech übernommen. Biontech konnte sich das damals nicht leisten. Wenn ich jetzt sehe, was daraus entstanden ist, macht mich das schon stolz."

Die Mietgarantie gelte noch bis heute, erzählt Förstermann. "Trotz der großen Erfolge an der Börse - Türeci und Sahin sind weiter Wissenschaftler, keine Geschäftemacher. Sie sind Forscher durch und durch."

"Von wissenschaftlicher Brillanz begeistert"

In München sitzt Michael Motschmann vor einem großen Schreibtisch. Darauf liegen mehrere Aktenordner mit Unternehmensanalysen, vielen Zahlen und Geschäftsberichten. Motschmann ist Gründer und Vorstand der MIG AG, die derzeit in 27 Start-ups investiert - darunter vor allem technologiebasierte Firmen.

"Ich muss wegen meines Jobs ein kritischer Mensch sein", sagt er. Kennengelernt habe er die beiden im April 2006. "Aber in diesem Fall war ich vom ersten Moment an von ihrer Integrität und wissenschaftlicher Brillanz begeistert."

Warum Biontech an die US-Börse Nasdaq ging

Den Worten folgten Taten. Nach einer ersten Investition in Ganymed unterstützte Motschmann auch die Biontech-Gründung mit rund 15 Millionen Euro. "Biotechnologie ist eine Schlüsselindustrie der Zukunft", erklärt Motschmann seine frühe Risikobereitschaft. "Bei uns fehlt jedoch die gesellschaftliche und politische Anerkennung. Deutschland steht vor einem volkswirtschaftlichen Umbruch. Es ist eine Katastrophe, was wir hier für Chancen verpassen", sagt Motschmann.

Dabei sei die Bundesrepublik mit ihren vielen jungen Firmen etwa in der Robotik oder der Automatisierung eigentlich sehr gut aufgestellt. Aber ohne besseren Zugang zum Kapitalmarkt und einer Wagniskultur könne kein noch so gutes Unternehmen wachsen. Auch das sei ein Grund gewesen, warum Biontech an die US-Börse Nasdaq gegangen sei. "In den USA haben sie eine ganz andere Investorenlandschaft mit medizinischem und naturwissenschaftlichem Spezialwissen. Bei uns verwechseln ja schon viele Politiker Biotechnologie und Gentechnik."

"Krebstherapie langfristig viel wichtiger als Corona-Impfstoff"

An der Universität ist Ugur Sahin weiter als Professor tätig. Allerdings kann er seine Tätigkeit dort wegen seiner Forschung am Coronavirus derzeit nur eingeschränkt wahrnehmen. Er engagiert sich aber in einer Arbeitsgruppe am Institut für Immunologie.

Nach der Corona-Krise wird der Kampf gegen Krebs für Türeci und Sahin also weitergehen. Förstermann ist vom Konzept der beiden überzeugt und glaubt an einen Durchbruch. "Ich prognostiziere, dass ihre Krebsimmuntherapie langfristig noch viel wichtiger sein wird als die aktuelle Biontech-Entwicklung zum Corona-Impfstoff."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 13. November 2020 um 07:20 Uhr.

Korrespondent

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