Interview

Interview zur Sterbehilfe für Minderjährige "Kinder hängen viel mehr am Leben"

Stand: 13.02.2014 17:09 Uhr

Kann ein Kind über seinen Tod entscheiden? Der Palliativmediziner Thomas Sitte meint: nein. Kinder haben auch bei schwerster Krankheit einen großen Lebenswillen. Es gehe darum, Leiden und Schmerzen zu lindern und das Sterben erträglich zu machen.

tagesschau.de: Darf man Kindern beim Sterben helfen?

Thomas Sitte: Die Begriffe "beim Sterben helfen" und Sterbehilfe sind euphemistisch. Natürlich muss man Menschen beim Sterben helfen, sodass sie nicht leiden.  Aber aus ethischen Gesichtspunkten bin ich völlig dagegen, Menschen zu töten - also aktive Sterbehilfe zu begehen. Das gilt für Kinder und für Erwachsene.  

tagesschau.de: Gilt das auch, wenn das Kind nachdrücklich sterben will, diesen Wunsch immer wieder äußert und unheilbar krank ist?

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Thomas Sitte: "Durch exzellente Hospizarbeit und Palliativversorgung können wir den Kindern größtmögliche Lebensqualität garantieren."

Sitte: Viele Kinder wollen nicht mehr leben, weil sie so starke Schmerzen haben oder Atemnot und andere schlimme Beschwerden. Sie wollen durch den Tod von ihrem Leiden befreit werden. Mithilfe der Palliativmedizin ist es nahezu in allen Fällen möglich, das Leiden zu lindern. Helfe ich einem Menschen beim Leben und lindere sein Leid, oder töte ich ihn - das ist der grundsätzliche Unterschied.

alt Thomas Sitte

Zur Person

Thomas Sitte ist Mediziner und Vorsitzender der Deutschen PalliativStiftung, die sich einsetzt für eine Verbesserung der Hospizarbeit. Sitte arbeitet in einem Kinderhospiz.

tagesschau.de: In den Beneluxländern ist die "Tötung auf Verlangen" bei Erwachsenen erlaubt, in Deutschland ist die aktive Sterbehilfe verboten, die passive Sterbehilfe und Suizidassistenz aber sind straffrei. Sollte dies auch für Kinder gelten?

Sitte: Wenn Erwachsene sich das Leben nehmen wollen, dann mag man ja noch sagen: 'Das mag für sie aus ethisch korrekt sein'. Wenn aber Kinder diesen Wunsch äußern, dann muss man sehr aufpassen. Haben diese Kinder nicht einen unglaublich großen Hilfebedarf? Haben sie vielleicht sogar das Gefühl, sterben zu müssen, weil sie leiden ohne zu wissen, wer ihnen helfen kann? Ganz schlimm wird es, wenn die Eltern noch mehr unter dem Zustand des Kindes leiden. Ich vermag als Arzt gar nicht richtig zu unterscheiden, ob der Wunsch nach Sterbehilfe tatsächlich der Wunsch der Kinder ist. Oder ob die Eltern das Leiden ihrer Kinder als unerträglich empfinden. Oder ob es vielleicht sogar einen Druck aus dem gesellschaftlichen Umfeld gibt, dieses kranke Kind nicht länger leiden zu lassen und seine Situation als nicht mehr lebenswert zu bewerten.  

Im Hospiz das Leiden lindern

tagesschau.de: Welche Alternative gibt es zur Sterbehilfe?  

Sitte: Durch exzellente Hospizarbeit und Palliativversorgung können wir den Kindern größtmögliche Lebensqualität garantieren, im Krankenhaus, im Hospiz und auch daheim in der Familie. Wir können uns ganz intensiv um die Kinder und die Familie kümmern. Dieses Gefüge gerät durch eine schwere Krankheit ja auch in eine Schieflage. Wir können den Kindern das Gefühl geben: 'Sorgt euch nicht um eure Eltern. Wir sind da und kümmern uns'. Viele Kinder machen sich wahnsinnig viel Gedanken, welches Leid sie mit ihrer Krankheit und dem Tod den Eltern zufügen. Und wir können den Kindern die Sicherheit geben: 'Du musst nicht leiden. Du musst keine Schmerzen haben, die Du nicht erträgst'. Wir können das medizinisch leisten, ohne dass die Kinder schneller gehen müssen.

tagesschau.de: Wie stehen Sie zu lebensverlängernden Maßnahmen bei Kindern?  

Sitte: Wir haben keine Pflicht, ein Leben künstlich zu verlängern. Das ist bei Kindern nicht anders als bei Erwachsenen. Wir haben die schwere ethische Aufgabe, immer wieder zu fragen, ob das, was medizintechnisch machbar ist, auch dem Wohl und Willen des Patienten entspricht. Nur wenn der Patient - in diesem Fall das Kind mit seinen Eltern gemeinsam - einwilligt, darf ich als Arzt diese Maßnahmen einsetzen. Unsere Orientierung dabei muss sein: zum Wohle des Patienten und nicht unbedingt für eine Maximaltherapie.

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"Kinder hängen viel mehr am Leben", so Thomas Sitte.

Sitte: Ich habe viel Erfahrung mit erwachsenen Patienten und arbeite seit diesem Jahr in einem Kinderhospiz. Hier habe ich intensiven Kontakt mit schwerstkranken Kindern. Und immer wieder mache ich die Erfahrung,  um wie viel mehr diese Kinder an jedem Tag und jeder Stunde ihres Lebens hängen als Erwachsene.

tagesschau.de: Welches Verhältnis haben Kinder zum Sterben und zum Tod?

Sitte: Ich hatte eine sehr intensive Begegnung mit einem 19-Jährigen mit fortschreitender Lähmung. Wir haben miteinander lange gesprochen darüber, was für ihn Lebensqualität ist und woran er hängt. Mich hat das tief beeindruckt.  Der junge Mann sagte: Jeder Tag ist für mich lebenswert. Ich bin stark gelähmt, habe aber 100 Prozent Lebensqualität und Lebensfreude. Gerade diese Einstellung können wir von den Kindern lernen. Wir können trotz schwerer Krankheit Lebensqualität und Lebensfülle empfinden - vielleicht ganz anders, als wir das vorher erwartet haben. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Schmerzen und das Leiden gelindert werden. Das ist unser Ansatz in der Palliativmedizin.

Das Interview führte Simone von Stosch, tagesschau.de.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 13. Februar 2014 um 20:00 Uhr.

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