Schlusslicht

Orstausgang Baarle | Bildquelle: Malte Pieper ARD

Nach 40 Jahren Bauzeit Niederländisch-belgische Chaos-Straße

Stand: 09.09.2019 16:04 Uhr

Rund um die niederländisch-belgische Stadt Baarle ist ein diplomatisches Meisterstück gelungen. Nach 40 Jahren Bauzeit wurde eine Ortsumgehung endlich eröffnet. Wer hier fährt, wechselt acht Mal das Land.

Von Malte Pieper, ARD-Studio Brüssel

Man kann dem Kollegen des niederländischen Fernsehens die Fassungslosigkeit ansehen. Er sitzt in seinem Auto und nimmt uns mit - in Echtzeit. Es geht über die neue Ortsumgehung rund um die niederländisch-belgische Kleinstadt Baarle. "Das hier ist Holland, da kannst du 80 fahren", sagt er. Mini-Pause. "Und jetzt sind wir aber schon in Belgien, da gilt 70 außerorts. Ach nee, jetzt wieder Holland und 80", stöhnt er.

Es ist wohl eine der kuriosesten Autofahrten, die man in Europa machen kann. Dank der EU merkt zwar niemand mehr, dass man eine Grenze überquert. Aber die Zuständigkeiten, die bleiben eben.

Häuser von Landesgrenzen durchschnitten

Auf den niederländischen Streckenabschnitten gelten die niederländischen Gesetze und Vorschriften, aber auf den belgischen Teilen - und seien es nur für 100 Meter zwischendurch - ist belgisches Recht anzuwenden.

Das ist kompliziert für die Einwohner von Baarle - aber Alltag. In der Stadt werden schließlich auch Häuser von Landesgrenzen durchschnitten. "Hier geht die Grenze durch die Tür. Das Haus der Frau, die hier wohnt, das hat tatsächlich zwei Nationalitäten", sagt der 72-jährige Jan Vanstrijp und lacht.

Vanstrijp wohnt sein Jahrzehnten in Baarle. Er ist die Grenze gewöhnt. Wenn er mal mitten in seinem Heimatort auf der Straße umfallen würde, müsse er darauf achten, in die richtige Richtung zu fallen. Links komme der belgische Krankenwagen, sackt er nach rechts, müsse man im niederländischen Krankenhaus anrufen. "Wenn ich hier an dieser Stelle einen Unfall habe, dann werde ich nach fast 15 Kilometer nach Süden gebracht, nach Turnhout (Belgien). Und wenn es mir einen Meter weiter passiert, dann fahren sie mich 25 Kilometer nach Norden, nach Breda (Niederlande)."

Stadtratssitzung mitten auf der Grenze

Aber es geht noch absurder. Das Rathaus des belgischen Teils von Baarle steht mitten auf der Grenze. Die Stadträte sitzen bei genauerer Betrachtung mitunter im Ausland, wenn sie ihre Sitzung abhalten und über nationale Regeln abstimmen.

Eine Etage tiefer liegt die Polizeistation. Auch dort geht die Grenze mitten durch den Raum. "Wir sind belgische Polizei, aber wir sitzen eigentlich in Holland", sagt Pascal Bosmans. Wenn er einen Verdächtigen vor sich sitzen hat, dann muss er immer genau aufpassen, wo er ihn platziert. Damit alles juristisch einwandfrei ist, muss der Kriminelle beim Verhör auch auf belgischem Grund sitzen.

Polizisten sind mitunter die Hände gebunden

Nicht anders auf Streife in der grenzzerklüfteten Kleinstadt. Da sind dem belgischen Polizisten mitunter die Hände gebunden. "Wenn wir etwas auf der holländischen Seite sehen, was nicht ungewöhnlich ist, weil die Grenze hier ja hin und her geht, dann können wir den Täter zwar eine Weile festhalten", sagt Bosmann. "Wir müssen aber unsere holländischen Kollegen für die eigentliche Festnahme anrufen, die dann angefahren kommen und den Täter mitnehmen."

Ein epochaler Meilenstein

Die neue Ortsumgehung ist da tatsächlich ein epochaler Meilenstein. Die beiden Königreiche haben sich ganz pragmatisch geeinigt: Weil mehr Straße in Holland liegt, gilt einfach auch überall das holländische Tempolimit von 80 Kilometern pro Stunde. Damit ist Baarle der einzige Ort im Norden Belgiens, in dem das eigentlich geltende Tempolimit von 70 km/h ganz ungestraft überschritten werden darf.

Niederländisches-belgisches Chaos: 40 Jahre Bauzeit, fünf Kilometer Straße, acht Mal Grenze wechseln

09.09.2019 16:18 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell Radio am 09. September 2019 um 15:56 Uhr.

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