Schlusslicht

Tschechien, Petrovice: Die Autobahn D8 Dresden - Prag ist versperrt | Bildquelle: dpa

Politiker wittert "Genderwahnsinn" Der Verkehrsexperte und das Fahrspurende

Stand: 28.07.2020 12:26 Uhr

"Jetzt werden sogar Fahrspuren gegendert", empört sich AfD-Politiker Lindemann auf Twitter. Warum? Die B.Z. schrieb vom "Fahrspurende" - also dem Ende einer Fahrspur. Nun ist der Spott groß.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

Das Wort "Genderwahnsinn" hat sich in den vergangenen Jahren als abfälliger Sammelbegriff für die wissenschaftliche Disziplin der Gender Studies und allem, was damit im weitesten Sinne zu tun hat, etabliert. Insbesondere geschlechterneutrale Sprache wird oft als "Genderwahnsinn" oder "Gendergaga" bezeichnet, kritisiert oder sogar verächtlich gemacht.

"Täglicher Genderwahnsinn"

Der Berliner AfD-Politiker Gunnar Lindemann will nun ein bemerkenswertes Beispiel für vermeintlichen "Genderwahnsinn" entdeckt haben. Auf Twitter teilte er die Meldung der Berliner Zeitung "BZ" mit der Überschrift: "Frau übersieht Fahrspurende und fährt in Baustelle - zwei Verletzte" - für Lindemann ein klares Beispiel für "Genderwahnsinn": Das "Fahrspurende" nimmt er offenkundig als gegenderte Form von Fahrspuren wahr - ähnlich wie Studierende statt Studenten oder Forschende statt Forscher.

Auf Basis dieser Fehlinterpretation empfiehlt er der "BZ" noch, sich an die "gute alte Duden-Rechtschreibung" statt diesen "links-grünen Ideologien" zu halten.

Tweet Lindemann
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Der AfD-Politiker Lindemann will "Genderwahnsinn" in dem Begriff "Fahrspurende" sehen.

Dachrinnen und Spurrinnen

Ein Faux Pas, für den Lindemann reichlich Spott erntet. Sein Tweet wird Hundertfach kommentiert und geteilt, die Hashtags "Lindemann", "Gunnar" und "Fahrspurende" werden zu Trends bei Twitter. Nutzerinnen und Nutzer liefern weitere Beispiele von vermeintlichen Begriffen, die um eine weibliche Endung erweitert wurden. So beispielsweise "Füllspachtel Innen", "Dachrinnen", "Spurrinnen" oder auch "Hähnchenfilets Innen".

Was in diesem Fall lustig erscheint, hatte auch schon ernsthafte Konsequenzen. So wurde beispielsweise behauptet, die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt habe ernsthaft von "Kinderinnen" gesprochen. In Österreich berichtete eine FPÖ-nahe Internet-Seite dasselbe über einen ÖVP-Politiker. Diese Behauptungen lösten scharfe verbale Attacken aus.

Verkehrsexperte verweist auf Duden

Derweil lässt AfD-Politiker Lindemann, der im Berliner Abgeordnetenhaus im Ausschuss für Verkehr und Umwelt sitzt, die Kritik, er habe das Wort Fahrspurende falsch verstanden, nicht gelten: Mehrfach postet er einen Screenshot von einer Duden-Suchabfrage, die keinen Treffer für den Begriff aufführt. Damit will er offenbar beweisen, dass der Begriff nicht existiere.

Dies gilt, folgt man dieser Argumentation und dem Duden, allerdings genauso für Begriffe, die Lindemann in seinem Tweet selbst benutzt - nämlich "Genderwahnsinn" sowie "Gendergaga".

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