Schlusslicht

Begradigte Bordsteinkante in Hayward (Kalifornien)

Straßenwesen, wie es keiner kennt Klare Kante - das stört den Seismologen

Stand: 08.07.2016 11:37 Uhr

Hayward in der Bucht von San Francisco. Ein sympathischer Flecken mit vielleicht nur einem Makel: die schiefe Bordsteinkante Ecke Prospect und Rose Street. Nun schritt die Stadtverwaltung ein und sorgte für eine ansehnliche Begradigung. Das wiederum alarmiert die Erdbebenforscher.

Die USA - ein einziges Schlagloch. Diese Klage wird auch von einheimischen Politiker immer wieder erhoben, und natürlich nagt sie landauf, landab am Selbstbewusstsein lokaler Verwaltungen.

Hayward in Kalifornien zum Beispiel: Dort beleidigte eine schiefe Bordsteinkante das Auge des Betrachters, jedenfalls sofern er bei der Behörde der Stadt angestellt und dort zuständig für gerade Bordsteinkanten war. Zumal die Kante in der Kante als ausgesprochene Stolperfalle ausgemacht wurde, und so was kann ja, wie man aus leidvoller Erfahrung weiß, vor Gericht teuer werden.

Bordsteinkante in Hayward (Kalifornien)
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So sah die Bordsteinkante zuletzt aus: einfach an der falschen Stelle eckig. Das kann eine Verwaltung natürlich nicht ruhen lassen.

Damit das Auge nicht mehr beleidigt wird

Also setzte die Behörde einen veritablen Bautrupp in Marsch und ließ einen ordnungsgemäßen Zustand herstellen - eine Bordsteinkante, so schnurgerade, wie die Väter von Bordsteinkantenverordnungen es sich in ihren kühnsten Träumen kaum ausmalen können.

Doch gab es dafür Dank? Lob in den Zeitungen und Hymnen in den sozialen Netzwerken? Einen Candystorm auf Twitter? Mitnichten. Kaum hatte der Bautrupp den Großteil seines Werks verrichtet, setzte es Spott, Häme und fachliche Kritik.

Letztere kam nicht von notorisch schlechtgelaunten Architekturpäpsten, sondern aus der ehrwürdigen Zunft der Seismologen. Für sie war die Bordsteinkante nämlich seit langem von hohem wissenschaftlichem Wert gewesen.

Fachfrage: In welcher Gefahr lebt man in Kalifornien?

Dazu muss man wissen - und das tun die Menschen in Kalifornien in der Regel - dass die Region überaus erdbebengefährdet ist, reiben sich hier doch die Pazifische und die Nordamerikanische Platte aneinander. Als besonders gefährlich gilt die Hayward-Verwerfung, die, man ahnt es, durch die Stadt mit der Bordsteinkante verläuft.

An den Wanderungen des Kantsteins Ecke Prospect und Rose Street konnten die Erdbebenforscher verfolgen, wie aktiv die tektonischen Kräfte unterhalb des städtischen Asphalts sind. Das taten sie seit den 1970er-Jahren mit beträchtlichem Gewinn, und auch Touristen zog es immer wieder hierhin.

Begradigte Bordsteinkante in Hayward (Kalifornien)
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So muss eine ordentliche Kante aussehen. Schön gerade. Wenn die Natur es zulässt.

Man kann ja nicht alles wissen

Nur die Stadtverwaltung war ahnungslos und sorgte nun für eine behindertenfreundliche Sanierung. Wird damit das erwartete große Beben in der Region noch ein wenig unberechenbarer, noch weniger vorhersehbar?

Seismologen, so perplex sie ob der Begradigung auch sein mögen, winken ab. Die tektonischen Kräfte wirken ja weiter, und so dürfte in absehbarer Zeit die Bordsteinkante wieder ihre Bewegung aufnehmen.

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